Haus Tao

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Shamatha-Vipashyana

und die

Formlose Meditation

 

 

Grundlage der Meditationspraxis

Ohne Innehalten und Stille ist keine vertiefende Meditation denkbar. Es ist die Grundlage für alle meditative Erfahrung. Es beginnt bei unserem Lebenskonzept und unserer Lebensweise und reicht hinein in die Tiefen der Meditationspraxis. Stille des Geistes - shamatha - ist aber immer nur Grundlage und nicht Selbstzweck und Ziel.

Wenn der Geist eine gewisse Ruhe erlangt hat, können wir mit ihm "arbeiten". Wir untersuchen zuerst die phänomenale Welt, unseren Körper, die mit den Sinneseindrücken einhergehenden Empfindungen, die Welt des Geistes mit all seinen Zuständen hin bis zu einem tiefen Verstehen, wie der Geist funktioniert, was ihn unzufrieden und was ihn glücklich macht. Was für das Ziel des Glücklichseins förderlich und was nicht förderlich ist. Wir erkennen, wie die Dinge in gegenseitiger Abhängigkeit entstehen und vergehen. Dieses Untersuchen nennen wir allgemein vipashyana (vipassana), dabei handelt es sich immer um Methode und Frucht, also die tiefe Betrachtung und die Einsicht. Die Frucht des Verstehens und der Weisheit in allen buddhistischen Methoden wird auch panna oder prajna genannt.
 

Verschiedene Ebenen der Einsichtsmeditation

Die Untersuchung der Phänomene jedoch bleibt auf einer dualistischen Ebene, denn es besteht immer noch ein Subjekt und ein Objekt, die Welt der unbeständigen Dinge. Die phänomenale Welt zu kennen und zu durchschauen bildet wiederum die Grundlage der nicht dualen Meditation. Fehlt uns jedoch diese Grundlage, bleiben die nicht-dualen, form- oder stützenlosen Meditationen kraftlos. Deshalb haben wir im Haus Tao als Sati-Zen-Sangha einen klaren, methodischen Weg entwickelt, auf dem sich Zen, Dzogchen und Mahamudra begegnen können.
 

Begriffsklärung

Frage: Ich habe soeben einen Kurs mit einem bekannten Sayadaw aus Burma gemacht, und die verschiedenen Möglichkeiten in der Meditation verwirren mich. So habe ich bis jetzt nie ganz verstanden was vipassana ist, wie der Übergang von samatha zu vipassana gemacht wird, wieso in einer Zen-Tradition, wo sonst samatha oder shikantaza gelehrt wird, auch vipassana gelehrt und praktiziert wird.

Antwort: Hier zuerst ein paar allgemeine Gedanken: Es ist klar, dass es eine Weile braucht, bis man mit all den Begriffen klar kommt. Teilweise werden sie auch etwas verschieden gebraucht. Nur hast du nun natürlich selbst einiges zu dieser Verwirrung beigetragen: Diese Verwirrung ist der Grund, weshalb viele Lehrende empfehlen, nicht allzu schnell die verschiedenen Praxisstile zu wechseln und darauf bestehen, dass insbesondere Anfänger nur einer Methode folgen. Die Gefahr der Verwirrung und damit alles nur halbwegs richtig zu tun, hat seine Berechtigung. Andererseits entwickeln wir schnell einmal ein sehr enges Gesichtsfeld und bemerken nicht, wenn wir an Grenzen der Methode stossen.

Lehrende aus Traditionen, die nicht sonderlich darin geübt sind, über verschiedene Lehrmethoden eingehend Bescheid zu wissen und sie vergleichen zu können, haben kaum integrierende Wirkung. Viele von ihnen interessieren sich nicht einmal dafür, worin die wirkliche Gemeinsamkeit der buddhistischen Praxisformen liegt und zeigen sich oft erstaunt, wenn sie Übereinstimmungen begegnen.

Nun zur Frage: Buddha lehrte shamatha und vipashyana und damit ist diese Praxis auf keine bestimmte Tradition beschränkt. Unterschiedliche Auslegung finden wir hingegen bezüglich der Gewichtung von Sammlung. Der Buddha sprach von zwei verschiedenen Wegen bzw. Praktizierenden:

- den samatha-yanikas (Praktizierende mit starker Konzentrationsgewichtung)
- den vipassana-yanikas (Praktizierende mit wenig Konzentrationsgewichtung)

Der Samatha-Weg bezieht die Versenkungsstufen (jhanas) mit ein und geht von der "angrenzenden Sammlung" (1.jhana) zu vipassana über.

Der Vipassana-Weg geht nach leichter Sammlung (üblicherweise
anapanasati) mit dem Werkzeug der "momentanen Sammlung" (khanika-samadhi) direkt ins vipassana.

Das ist eine übliche Darlegung aus der Sicht der Theravada-Tradition. Dennoch ist dies auch die Grundlage anderer buddhistischer Meditationstraditionen. Alle Methoden, die den Anspruch auf Erleuchtung haben, haben shamatha und vipashyana als Grundlage. Zen ohne die Frucht von vipassana wird seinem Namen kaum gerecht. Beim Übergang zum (chin.) Mahayana verschieben sich sowohl die Begriffe, als auch die Herangehensweisen etwas gegenüber dem Theravada. In China stand der Begriff dhyana nicht etwa für die jhanas, sondern es war ein Oberbegriff für shamatha-vipassana. So galten in China als Standard-Curriculum für alle Chan(Zen)-Schüler die Schriften des Tien-tai-Meisters Chi-i (gestorben 518) zur Praxis der shamatha-vipashyana Methode (chin. chih-kuan, jap. shikan). Mit wenigen ausnahmen wie z.B. beim 6. Patriarchen Hui-neng, der weder lesen noch schreiben konnte, waren die alten Meister sehr wohl bewandert in den Kenntnissen der Schriften und den damlas bekannten Meditationspraktiken.

Shikantaza wird häufig mit "nur sitzen" übersetzt, was den 4 Schriftzeichen nicht gerecht wird (siehe Wikipedia: (jap. shikan bedeutet "nur", "einfach" oder "lediglich"). Das Schriftzeichen jap."kan"/chin. "guan" wird schlicht nicht übersetzt! Genau aber dieses Schriftzeichen wurde in China immer für vipashyana gebraucht!

  nur, allein, einzig

  beaufsichtigen, betrachten

打  schlagen, beruehren, treffen

坐  sitzen, etwas ohne Arbeit bekommen

In den ersten zwei Zeichen finden wir das stille Verweilen und das Untersuchen wieder. Das letzte Zeichen bezieht sich nicht nur auf den körperlichen Zustand, sondern auf die anstrengungslose Natürlichkeit des Geistes. Gerade die scheinbare Nähe von stützenloser shamatha und shikantaza macht es für viele Meditierende, ja selbst für Lehrende oft schwierig, hier mehr Klarheit zu haben, und die absolute Ebene wird leicht mit den Versenkungsstufen (jhanas) verwechselt. Ein blosses Verweilen in stützenloser, noch so stiller shamatha (jhanas) hat der Buddha als nicht zum Ziele führend betrachtet. Wenn dabei noch die Geistesklarheit fehlt, kann es den Meditierenden leicht in eine Sackgasse führen; in tibetischen Traditionen wie auch im Zen (z.B. Hui-neng) wird dies dann als "Dummheits-Shamatha" bezeichnet.

Shikantaza wie auch Dzogchen oder Mahamudra nehmen die Einsicht, dh. die Erkenntnis um die Wahre Natur des Geistes nur vorweg, beleuchten den Weg aus dem Blickwinkel des Ziels, der Erleuchtung. Es ist die Vorwegnahme der Erkenntnis der Buddhanatur, deren Qualität erkennend, leer und ungehindert ist. Doch ohne die Basis der relativen Methoden fehlt den Praktizierenden oft die Kraft zur Umsetzung im Alltag, und es kann zu allerlei abgehobenen Verhaltensmustern kommen, falls sie die absolute über die relative Wirklichkeit stellen. Deswegen empfehlen wir ein fundiertes Voranschreiten durch die verschiedenen Stufen im Wissen, dass die wahre Natur letztlich jenseits aller Stufen zu finden ist.

Im Haus Tao und der Sati-Zen-Sangha lehren wir die Sammlung (shamatha), dualistisches vipassana auf die Phänomene ebenso wie die direkte, nicht duale Sicht:
 

Sammlung (shamatha) und die Vier Vergegenwärtigungen der Achtsamkeit (satipatthana)

Gewöhnlich wird zu Beginn der Praxis die Atembetrachtung (anapanasati) empfohlen, was anfänglich reines Sammeln und zur Ruhe kommen mit sich bringt und mit Einsicht (vipashyana) noch kaum etwas zu tun hat. Anfänglich nennen wir diese Sammlung eine Methode "mit Stütze" und schreiten dann langsam fort zu Praxisformen "ohne Stütze", was weit mehr Offenheit in der Wahrnehmung bedeutet. In etlichen Zenkreisen wird diese Sammlung bereits als nicht-dualistisches Verweilen eingeordnet, manchmal leider sogar schon als Verweilen im "Wahren Urzustand" bezeichnet. In unserem Verständnis handelt es sich dabei aber immer noch um Sammlungs- und Verweilzustände (jhanas) und keineswegs schon um eine Einsicht in die absolute, ursprüngliche Natur. Trotz Zeiten grenzenloser Ruhe oder Gedankenfreiheit bezeichnen wir diese Geisteszustände ihrer Natur nach als dualistisch, d.h. bedingt entstanden.

Das bekannte (Theravada) "vipassana" wendet sich dann den weiteren Phänomenen zu, also der gesamten Welt der Körperlichkeit. Ob dies nun durch die Methode des "scannens" (wie bei Goenka) geschieht oder durch das Offensein für andere Sinneswahrnehmungen gemäss ihrer Dominanz, spielt keine entscheidende Rolle. Im weiteren entwickeln wir die Achtsamkeit auf die Welt der Empfindungen (vedana), die nur aus 3 simplen biologischen Reaktionen bestehen, nämlich auf angenehm, unangenehm oder neutral.

In einem nächsten Schritt eröffnen wir zusätzlich das Feld des Geistes, bzw. seiner energetischen Qualitäten (sankhara), also allen geistigen Zuständen, gedanklichen und emotionalen Formationen wie Angst, Wut, Freude usw. Es gibt derer in etwa 50. Eine wichtige Rolle hat dabei der Geistfaktor der Absicht (cetana), da er die Energie ist, welche Karma schafft.

In der 4. Vergegenwärtigung der Achtsamkeit erkennen wir, welche Geistobjekte heilsam und damit förderlich sind für die Leidlosigkeit, und welche hinderlich, also unheilsam und damit leidbringend. Wir erkennen die Fünf Hindernisse, die Fünf Seinszustände des Anhaftens (skandhas), die sechs Sinnesgrundlagen und die vier edlen Wahrheiten.

Immer, wenn wir bei der Ergründung eines Phänomens seine Unbeständigkeit (anatta) klar erkennen, seine völlige Bedingtheit, dh. wie es in gegenseitiger Abhängigkeit entsteht und seiner Natur nach keine feste "Eigenheit" (svabhāva) oder bleibende "Selbstheit" besitzt, sondern davon leer (shunya) ist, haben wir eine mehr oder weniger tiefe Einsicht (vipassana/vipashyana). Je tiefer diese Einsicht ist, desto eher hat sie das Potential einer grundlegenden Transformation unserer Gewohnheiten in der Tiefe des Bewusstseins. Dennoch befinden wir uns hier immer noch im Bereich des dualistischen Geistes.

Wir können hier weiter voranschreiten in die Tiefen oder in die Direktheit des Dzogchen oder wie wir es in unserer Tradition geneigt sind zu bezeichnen: prajna-samadhi also in die nicht-duale Sicht. Dieser Begriff stammt aus der Zeit des 6. Chan/Zen-Patriarchen Hui-neng und deutet auf die Doppelseitigkeit hin: prajna (panna) ist die Erkenntnis- oder Weisheitsseite und samadhi die kontinuierliche Verweilungs- und Sammlungsqualität. Prajna und Einsicht (vipashyana) sind hier identisch.

siehe dazu:

- eine kleine Grafik zur Methode finden sie hier

- Monatsretreat im Sept.-Okt. 08

Audio-Vortrag zum Thema hier (schweizerdeutsch)

(zum Gebrauch der Pali- und Sankskritbegriffe:
Bei Darlegungen aus der Theravada-Sicht verwendeten wir Pali,
bei Darlegungen aus der Sicht des Mahayana verwendeten wir die Sanskrit, z.B.
vipassana / vipashyana).