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Friede des Herzens
– jenseits von Angst
Eine
buddhistische Perspektive von
Marcel Geisser (Dieser Artikel erscheint in der neuen Ausgabe des Gesprächsforums der Ökumenischen Friedensdekade, Deutschland) Das alte und einfache Haus, in dem ich geboren wurde und aufgewachsen bin, stand in einer Flussschleife, umgeben von Wald, Wiesen und Felsen. Da lebte ich ungestüm vor mich hin in relativ großer Freiheit. Der Gedanke an den Kindergarten behagte mir nicht. Erstens wusste ich nicht, was das war, zweitens wollte ich immer so ungebunden leben können, wie ich es täglich so sehr genoss. Also musste mich meine Mutter am ersten Tag in den Kindergarten schleppen und ich hatte große Angst, in diese unbekannte Welt aufzubrechen. Dann ließ sie mich dort stehen und offenbar habe ich überlebt. Wir alle haben viele Ängste erlebt und überlebt. Aber immer wieder knechten uns neue Ängste und hindern uns daran, frei zu leben und uns zu entfalten. Es gibt unendlich viele Ängste: Die Angst vor der Zukunft, vor dem Ungewissen, Angst, die Kontrolle zu verlieren, krank zu werden, vor dem Tod, Angst, nicht lieben zu können und nicht geliebt zu werden, das Leben zu verpassen, ausgeschlossen und ausgelacht zu werden usw. Da sind aber auch die lebensnotwendigen und schützenden Ängste, die uns daran hindern, uns oder anderen Schaden zuzufügen. So gehen wir keine halsbrecherische Risiken ein und kennen unsere Grenzen – körperliche, aber auch emotionale Grenzen. Das Wort für einen buddhistischen Mönch oder eine Nonne heißt wörtlich übersetzt: „Jemand, der oder die sich aus Weisheit fürchtet“. Die Ängste der ersten Kategorie sind oft recht irrational und haben meist wenig mit der Gegenwart zu tun. Einige davon sind zukunftsorientiert und sind Projektionen unliebsamer Zustände. Der jetzige Moment sieht vielleicht ganz anders, weit positiver aus. Aber morgen könnte uns dieses oder jenes zustoßen. So ist die beste Versicherung für die Zukunft nicht die Angst vor dem, was morgen sein wird, sondern heute achtsam und bewusst zu leben. Dazu gehört auch, dass wir unsere Ängste besser kennen und verstehen lernen. Hinter diffusen Gefühlen stecken oft sehr konkrete Ursachen, die uns weit mehr beherrschen, als uns recht ist. Wenn wir uns selbst verleugnen, stammt das oft von der Angst, ausgestoßen zu werden. Der Mensch als ein Herdentier konnte vor Urzeiten nicht allein überleben. Sich in der Gemeinschaft einzuordnen und anzupassen war eine existenzielle Notwendigkeit. Eine Fähigkeit, die über Leben und Tod entscheiden konnte. Dinge einmal anders zu tun oder gewohntes Verhalten zu hinterfragen, kann bei anderen Menschen deshalb geradezu instinktive Panik auslösen. Die Harmonie der Gemeinschaft wird gestört. Die Angst vor dem Unbekannten kann uns in persönlichen Bereichen hemmen, aber es kann auch die Quelle sein von Ablehnung und Feindseligkeit gegenüber anderen Menschen, die es in all den Jahrhunderten unserer Geschichte überall auf der Welt immer wieder gab und die zu so viel Leiden geführt hat. Da ist nicht nur das Unbekannte, das Angst auslöst, sondern auch die Angst, zu kurz zu kommen, überrollt zu werden, keinen Platz mehr zu haben. Aus Ängsten wächst Ablehnung, aus der Ablehnung schnell einmal Wut und wenn es übel kommt, enden wir im unversöhnlichen Hass. Häufig denken wir, die Angst könne durch Hoffnung besiegt werden. Doch Hoffnung worauf? Die Hoffnung, dass morgen alles besser wird? Dies bleibt immer ein Ringen von Hoffnung und Enttäuschung, das Ringen von Angst und Zuversicht. Es löst aber das eigentliche Problem nicht. Interessanterweise wird die Angst als solche in der buddhistischen Psychologie kaum separat behandelt. Dort finden wir sie als eine Unterkategorie von Aversion. Wir sind ständig angenehmen und unangenehmen Gefühlen ausgesetzt und haben darüber niemals Kontrolle. Auf unangenehme Empfindungen reagiert unser Organismus, wenn er sich auch nur im Geringsten bedroht fühlt. Das ist eine ganz natürliche Reaktion, die aus unserer Identifikation mit unserem Körper und Geist herrührt. Sie mögen fragen: „Ja, was bin ich denn sonst, wenn nicht dieser Organismus?“. Sicher sind wir zumindest in unserem alltäglichen Kontext nichts anderes, als unser Körper und unser Geist. Da entdecken wir unsere Unsicherheit, unsere Ängste und wundern uns vielleicht, woher sie alle stammen mögen. Wichtig ist, sie zu spüren, sie anzunehmen und einfach mal als Teil unserer Persönlichkeit akzeptieren zu lernen. Aus buddhistischer Sicht aber sind wir weit mehr als das. Es ist sehr leidvoll und bedrohlich, sich in diesen sterblichen „vier Wänden“ unseres kleinen Selbst zu beschränken. Deshalb widmen wir unsere ganze Aufmerksamkeit der Frage: „Was bin ich wirklich?“. Denn nur durch die Entdeckung und direkte Erfahrung, dass ich nicht einfach bloß diese momentane und vergängliche Hülle bin, sondern ein Ausdruck des ganzen Universums und dass ich mich an nichts Geschaffenem endgültig festhalten kann, lösen sich diese tiefe Existenzangst und damit auch alle die irrationalen Ängste in uns auf. Einen ängstlichen Geist stelle mir immer wie eine Nelkenvase vor. Nur ein paar Topfen Wasser haben Platz und ein paar zu viel und sie läuft schon über. Von einem anderen Kaliber ist die große Glocke im Zendo, im Meditationsraum. Sie hat ein beträchtliches Fassungsvermögen. Lassen wir unseren Geist zu einer solch großen Glocke werden, zu einem weiten Raum, in dem sowohl freudvolle als auch schmerzhafte und bedrohliche Gefühle Platz haben. So wird unser Gleichmut tief und umfassend wie ein Weltmeer. Darin gibt es Zeiten der Stille und Zeiten der Stürme. In der stillen Meditation erfahren wir vielleicht plötzlich, dass wir und alle Wesen tatsächlich ganz und gar eins sind mit dem Universum. Wir sind ein Leben und es liegt mit an uns, dieses Leben im Miteinander zu gestalten. In der Erfahrung, dass wir eins sind mit allem Leben, finden wir einen Frieden jenseits von Angst. |