Haus Tao
 

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von Beatrice Knechtle

 

Architektur

Wie kommt es, dass wir Buddhismus gleichsetzen mit auf dem Boden sitzen, einem Kahlkopf, einem Kiesgarten, Strohmatten, nur schwarzer oder nur rot-oranger Kleidung ?

Aus der westlichen Psychologie wissen wir heute, dass sensitive Eindrücke aus dem Beginn unserer Lebenszeit in den tiefsten Schichten unseres Bewusstseins wirken. Wir sprechen gar von einer Matrix (einer ”Mutter-Form” von Stimmungen, Tönen, Gerüchen, Geschmack, Farben, Berührungsqualitäten), auf die wir unser Leben lang immer wieder äusserst stark reagieren und auch oft unbewusst immer wieder danach suchen. So wie sich bei einem Asiaten, welcher sich in der Familie wie im sozialen Umfeld in einer ”buddhistischen Atmosphäre badet”, diese tiefsten Eindrücke in jeder seiner Zellen speichern, ist uns dasselbe in unserem westlichen Umfeld wiederfahren.
Westlich buddhistisch Praktizierende zeichnen sich aber nicht selten durch eine mehr oder weniger bewusste Abneigung gegen ihre “spirituelle Matrix” aus, da sich vorwiegend unbefriedigende Erinnerungen damit zu verknüpfen scheinen. Sollte dieser unverarbeitete Teil von Aversion zu einer anderen Religion motivieren, so werden wir auch auf dem ”neuen Weg”
genau an diesen Punkten immer wieder straucheln. Dies mag der Grund sein, dass der Dalai Lama wie auch Thich Nhat Hanh explizit in Frage stellen, ob ein ”Wechsel” der Religionszugehörigkeit nicht noch mehr zu diesen inneren Verwirrungen und Irrungen beiträgt!
Wir werden vielleicht in einer Anfangsphase der Begeisterung versucht sein, asiatische Kulturformen zu kopieren und die damit verbundenen Autoritätspersonen, hierarchischen Strukturen und Institutionen zu idealisieren. Wir werden vielleicht eine gewisse Zeit lang sogar blind sein gegenüber strukturellen Diskriminierungen (z.Bsp. im Bereich der sexuellen Ausrichtung, der Geschlechterfrage, der Machtverteilungen), welche wir in unserem angestamten westlich-kulturellen Kontext viel schneller entlarfen und ablehnen würden.
Falls wir es wagen, gelegentlich aus mehr innerem Abstand Formen und Strukturen der buddhistisch-asiatischen Welt genauer unter die Lupe zu nehmen, erleben wir nicht selten ein sehr unangenehm ernüchterndes Erwachen. Es ist übrigens ein interessantes Phänomen, dass gerade in letzter Zeit Wellen diesbezüglicher “Entlarfungen” und Hinterfragungen zugenommen haben (ich denke da z.Bsp. an June Campells Auseinandersetzung mit dem tibetischen Buddhismus; Berichte über die Rolle der buddhistischen Institutionen Japans im 2.Weltkrieg etc.). Sind wir in unserer Praxis nicht genügend gefestigt, können Enttäuschung bis hin zu Zynismus überhand nehmen und uns auf unserem Weg beträchtlich blockieren.

Die Erläuterungen zur ersten Stufe der Erleuchtung betonen, dass wir durch Formen und Rituale allein keinen Fortschritt auf dem spirituellen Weg machen können. Vielmehr müssen wir uns immer wieder auf Buddhas Grundaussage zurückwerfen lassen: Untersuche selber. Übernehme nichts, auch wenn es eine Autoritätsperson gesagt oder für richtig befunden hat.

Für uns im Westen könnte dies bezüglich der äusseren Form der buddhistischen Praxis heissen: in Dankbarkeit nehme ich die Geschenke der Vermittlung der Lehre durch asiatische Formen und geprägt von gesellschaftlichen Konventionen an. Ein Charakteristikum für viele uns westliche SchülerInnen ist ja zudem, dass wir den Buddhismus von verschiedenen Schulrichtungen aus verschiedenen Ländern kennenlernen durften und wir so auch eine ganze Bandbreite von emotionellen Bezügen zu inneren und äusseren Bildern, Ritualen, Gesängen etc. in uns tragen.
Mit zunehmender Praxis weiss ich aber auch den Kern der Lehre zu unterscheiden von gesellschaftlichen Ausprägungen. Der Prozess des Erwachsen-Werdens bedingt unter Umständen das Loslassen inzwischen liebgewordener neuer (nämlich aus der asiatischen Kultur stammenden) Gewohnheiten und Idealisierungen sowie das Wagnis, meine alten Wurzeln - d.h. meine ursprüngliche gesellschaftliche Herkunft und Ausdrucksweise - nochmals genauer an mich herankommen zu lassen. Dieser Prozess kann sich über Jahre hinziehen, Verunsicherung und Experimentierfreude zugleich wachrufen. Dies schliesst nicht aus, dass wir unter gewissen zeitlich-räumlichen Bedingungen Rituale und Formen ganz bewusst als gute Hilfsmittel (upaya) auf dem Weg einsetzen möchten.

Anhand unseres Meditationszentrums möchte ich nun auch noch etwas konkreter werden. Dazu erst mal eine kleine Begebenheit mit unserem Lehrer Thich Nhat Hanh, welche uns nachhaltig geprägt hat und uns enorm unterstützt auf unserem Weg: Es war im Herbst 1990, als Thây und Sr. Chân Không einige Tage allein im Haus Tao weilten. Eines Morgens spazierten wir gemeinsam durchs Haus, und er betrachtete offensichtlich die herumstehenden Buddhas, die verschiedenen Kalligraphien, Tuschzeichnungen und Bilder an den Wänden mit einer Aufmerksamkeit, als wäre es das erste mal. Vieles hatten wir von unseren Asienreisen mitgebracht. Es waren diese liebgewordene Erinnerungen, die in uns auch einen gewissen Hauch von Romantik aufrechterhalten liessen. Wie eindrücklich war das doch damals in Japan, als Meister O Mori Sogen Roshi Marcel die Kalligraphie beibrachte oder als ihm in Korea Zen-Meister Ku San bei seiner Abreise zwei wunderschöne Kalligraphien schenkte! Oder all die farbenprächtigen tibetischen Darstellungen von Mandalas und Heiligen und Welten... Wir erwarteten natürlich, dass auch Thây sich in dieser Umgebung sehr heimisch fühlen würde und seine Freude daran hätte. Doch weit gefehlt! Thich Nhat Hanh rüttelte uns auf mit der Feststellung: all diese Dinge hier sind zu asiatisch! Ihr müsst Euch bei der Renovation und Einrichtung dieses Hauses immer wieder fragen: ”Würden sich meine Nachbarn hier wohl fühlen? Hätten sie das Gefühl, hier willkommen zu sein?”

Wie drückt sich Einfachheit, Bescheidenheit und Wohlgefühl im Appenzellerland aus? Wohl eher Riemenböden statt Tatami-Matten. Einfache Holztische und Stühle. Löffel, Gabel, Messer und Teller statt Essstäbchen und kaum bezahlbare Oryoki-Schalen. Und es muss nicht täglich Reis mit Tofu an Sojasauce sein - oder indisches Curry. Es kann. Es dürfen auch Steinblöcke im Garten stehen, und der Überfluss unserer Natur in Farben- und Formenpracht darf und soll in unserem Garten durch dessen bewusste Gestaltung gefeiert werden. Wir lernten viel von der asiatischen Gartengestaltung. Marcel hat ein intuitives Gespür von Grundgesetzen der Energien, ohne je Feng Shui studiert zu haben. Wir gehen daher sehr bewusst mit dem Anpflanzen von Bäumen um, schaffen Plätze zum Verweilen und viele kleine Wege, um das Loslassen von mitgebrachten Sorgen und Ängsten zugunsten eines genüsslichen Verweilens im gegenwärtigen Moment zu erleichtern. Doch gibt es weit mehr in unser Flora und Fauna als Bambusheine und Lotusteiche - unser Teich schmückt sich mit Seerosen. Doch wir wissen auch nur zu gut, dass die ach so urschweizerisch erscheinenden Geranien vor unseren Häusern aus Südafrika kommen - deshalb ist für uns auch keine nationale Rigidität angesagt. Da auch gewachsene Schweizer Architektur, und Ästhetik aus lauter Nicht-Schweizer-Elementen besteht, können wir uns auch getrost am Buddha aus Indien
und an der Quan Yin aus Vietnam erfreuen! Der gemeinsame Altar für diese beiden Figuren - für uns ein wichtiger Ausdruck von Gleichwertigkeit geschlechtlicher Ausformung auf der relativen Ebene - wird eben von einem einheimischen Tischler aus Kirschholz gefertigt. Ohne asiatische Verzierungen, schlicht, klar, das edle einheimische Material betonend.