Architektur
Wie kommt es, dass wir
Buddhismus gleichsetzen mit auf dem Boden sitzen, einem
Kahlkopf, einem Kiesgarten, Strohmatten, nur schwarzer
oder nur rot-oranger Kleidung ?
Aus der westlichen Psychologie wissen wir heute, dass
sensitive Eindrücke aus dem Beginn unserer Lebenszeit in
den tiefsten Schichten unseres Bewusstseins wirken. Wir
sprechen gar von einer Matrix (einer Mutter-Form
von Stimmungen, Tönen, Gerüchen, Geschmack, Farben, Berührungsqualitäten),
auf die wir unser Leben lang immer wieder äusserst stark
reagieren und auch oft unbewusst immer wieder danach
suchen. So wie sich bei einem Asiaten, welcher sich in
der Familie wie im sozialen Umfeld in einer buddhistischen Atmosphäre
badet, diese tiefsten Eindrücke in
jeder seiner Zellen speichern, ist uns dasselbe in
unserem westlichen Umfeld wiederfahren.
Westlich buddhistisch Praktizierende zeichnen sich aber
nicht selten durch eine mehr oder weniger bewusste
Abneigung gegen ihre spirituelle Matrix aus,
da sich vorwiegend unbefriedigende Erinnerungen damit zu
verknüpfen scheinen. Sollte dieser unverarbeitete Teil
von Aversion zu einer anderen Religion motivieren, so
werden wir auch auf dem neuen Weg
genau an diesen Punkten immer wieder straucheln. Dies mag
der Grund sein, dass der Dalai Lama wie auch Thich Nhat
Hanh explizit in Frage stellen, ob ein Wechsel
der Religionszugehörigkeit nicht noch mehr zu diesen
inneren Verwirrungen und Irrungen beiträgt!
Wir werden vielleicht in einer Anfangsphase der
Begeisterung versucht sein, asiatische Kulturformen zu
kopieren und die damit verbundenen Autoritätspersonen,
hierarchischen Strukturen und Institutionen zu
idealisieren. Wir werden vielleicht eine gewisse Zeit
lang sogar blind sein gegenüber strukturellen
Diskriminierungen (z.Bsp. im Bereich der sexuellen
Ausrichtung, der Geschlechterfrage, der Machtverteilungen),
welche wir in unserem angestamten westlich-kulturellen
Kontext viel schneller entlarfen und ablehnen würden.
Falls wir es wagen, gelegentlich aus mehr innerem Abstand
Formen und Strukturen der buddhistisch-asiatischen Welt
genauer unter die Lupe zu nehmen, erleben wir nicht
selten ein sehr unangenehm ernüchterndes Erwachen. Es
ist übrigens ein interessantes Phänomen, dass gerade in
letzter Zeit Wellen diesbezüglicher Entlarfungen
und Hinterfragungen zugenommen haben (ich denke da z.Bsp.
an June Campells Auseinandersetzung mit dem tibetischen
Buddhismus; Berichte über die Rolle der buddhistischen
Institutionen Japans im 2.Weltkrieg etc.). Sind wir in
unserer Praxis nicht genügend gefestigt, können Enttäuschung
bis hin zu Zynismus überhand nehmen und uns auf unserem
Weg beträchtlich blockieren.
Die Erläuterungen zur ersten Stufe der Erleuchtung
betonen, dass wir durch Formen und Rituale allein keinen
Fortschritt auf dem spirituellen Weg machen können.
Vielmehr müssen wir uns immer wieder auf Buddhas
Grundaussage zurückwerfen lassen: Untersuche selber. Übernehme
nichts, auch wenn es eine Autoritätsperson gesagt oder für
richtig befunden hat.
Für uns im Westen könnte dies bezüglich der äusseren
Form der buddhistischen Praxis heissen: in Dankbarkeit
nehme ich die Geschenke der Vermittlung der Lehre durch
asiatische Formen und geprägt von gesellschaftlichen
Konventionen an. Ein Charakteristikum für viele uns
westliche SchülerInnen ist ja zudem, dass wir den
Buddhismus von verschiedenen Schulrichtungen aus
verschiedenen Ländern kennenlernen durften und wir so
auch eine ganze Bandbreite von emotionellen Bezügen zu
inneren und äusseren Bildern, Ritualen, Gesängen etc.
in uns tragen.
Mit zunehmender Praxis weiss ich aber auch den Kern der
Lehre zu unterscheiden von gesellschaftlichen Ausprägungen.
Der Prozess des Erwachsen-Werdens bedingt unter Umständen
das Loslassen inzwischen liebgewordener neuer (nämlich
aus der asiatischen Kultur stammenden) Gewohnheiten und
Idealisierungen sowie das Wagnis, meine alten Wurzeln - d.h.
meine ursprüngliche gesellschaftliche Herkunft und
Ausdrucksweise - nochmals genauer an mich herankommen zu
lassen. Dieser Prozess kann sich über Jahre hinziehen,
Verunsicherung und Experimentierfreude zugleich wachrufen.
Dies schliesst nicht aus, dass wir unter gewissen
zeitlich-räumlichen Bedingungen Rituale und Formen ganz
bewusst als gute Hilfsmittel (upaya) auf dem Weg
einsetzen möchten.
Anhand unseres Meditationszentrums möchte ich nun auch
noch etwas konkreter werden. Dazu erst mal eine kleine
Begebenheit mit unserem Lehrer Thich Nhat Hanh, welche
uns nachhaltig geprägt hat und uns enorm unterstützt
auf unserem Weg: Es war im Herbst 1990, als Thây und Sr.
Chân Không einige Tage allein im Haus Tao weilten.
Eines Morgens spazierten wir gemeinsam durchs Haus, und
er betrachtete offensichtlich die herumstehenden Buddhas,
die verschiedenen Kalligraphien, Tuschzeichnungen und
Bilder an den Wänden mit einer Aufmerksamkeit, als wäre
es das erste mal. Vieles hatten wir von unseren
Asienreisen mitgebracht. Es waren diese liebgewordene
Erinnerungen, die in uns auch einen gewissen Hauch von
Romantik aufrechterhalten liessen. Wie eindrücklich war
das doch damals in Japan, als Meister O Mori Sogen Roshi
Marcel die Kalligraphie beibrachte oder als ihm in Korea
Zen-Meister Ku San bei seiner Abreise zwei wunderschöne
Kalligraphien schenkte! Oder all die farbenprächtigen
tibetischen Darstellungen von Mandalas und Heiligen und
Welten... Wir erwarteten natürlich, dass auch Thây sich
in dieser Umgebung sehr heimisch fühlen würde und seine
Freude daran hätte. Doch weit gefehlt! Thich Nhat Hanh rüttelte
uns auf mit der Feststellung: all diese Dinge hier sind
zu asiatisch! Ihr müsst Euch bei der Renovation und
Einrichtung dieses Hauses immer wieder fragen: Würden
sich meine Nachbarn hier wohl fühlen? Hätten sie das
Gefühl, hier willkommen zu sein?
Wie drückt sich Einfachheit, Bescheidenheit und Wohlgefühl
im Appenzellerland aus? Wohl eher Riemenböden statt
Tatami-Matten. Einfache Holztische und Stühle. Löffel,
Gabel, Messer und Teller statt Essstäbchen und kaum
bezahlbare Oryoki-Schalen. Und es muss nicht täglich
Reis mit Tofu an Sojasauce sein - oder indisches Curry.
Es kann. Es dürfen auch Steinblöcke im Garten stehen,
und der Überfluss unserer Natur in Farben- und
Formenpracht darf und soll in unserem Garten durch dessen
bewusste Gestaltung gefeiert werden. Wir lernten viel von
der asiatischen Gartengestaltung. Marcel hat ein
intuitives Gespür von Grundgesetzen der Energien, ohne
je Feng Shui studiert zu haben. Wir gehen daher sehr
bewusst mit dem Anpflanzen von Bäumen um, schaffen Plätze
zum Verweilen und viele kleine Wege, um das Loslassen von
mitgebrachten Sorgen und Ängsten zugunsten eines genüsslichen
Verweilens im gegenwärtigen Moment zu erleichtern. Doch
gibt es weit mehr in unser Flora und Fauna als
Bambusheine und Lotusteiche - unser Teich schmückt sich
mit Seerosen. Doch wir wissen auch nur zu gut, dass die
ach so urschweizerisch erscheinenden Geranien vor unseren
Häusern aus Südafrika kommen - deshalb ist für uns
auch keine nationale Rigidität angesagt. Da auch
gewachsene Schweizer Architektur, und Ästhetik aus
lauter Nicht-Schweizer-Elementen besteht, können wir uns
auch getrost am Buddha aus Indien
und an der Quan Yin aus Vietnam erfreuen! Der gemeinsame
Altar für diese beiden Figuren - für uns ein wichtiger
Ausdruck von Gleichwertigkeit geschlechtlicher Ausformung
auf der relativen Ebene - wird eben von einem
einheimischen Tischler aus Kirschholz gefertigt. Ohne
asiatische Verzierungen, schlicht, klar, das edle
einheimische Material betonend.
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