|
Haus Tao |
Archiv Interview vom evang. Forum Deutschland Dharmacharya
Marcel Geisser |
|
2002 |
Warum sind Sie Buddhist geworden?
Vorbereitet auf diesen Weg wurde ich schon als Kind durch meine Grossmutter, die
mir spirituelles Vorbild war. Was ich später, mit sechzehn, in buddhistischen Büchern
las, fiel auf fruchtbaren Boden. Im Christentum fand ich keine befriedigenden
Antworten auf die Fragen, die mir damals wichtig waren, zum Beispiel auf die
Frage nach Gut und Böse und der Allmacht Gottes und wo denn das Böse darin
Platz hat. Als ich mich dem Buddhismus zuwandte, hatte ich nie das Gefühl,
meine Wurzeln zu verlassen. Mir schien vielmehr, dass ich zu meinen wahren
Wurzeln zurückfand.
Sicherlich tragen verschiedenste Faktoren zum gegenwärtigen Buddhismus-Boom
bei.
Neues macht uns entweder Angst und wir lehnen es spontan zuerst einmal ab. Oder
wir setzen unsere Hoffnungen und Träume hinein und laufen dabei natürlich auch
Gefahr, dass wir dabei mehr oder weniger blind sind. Dann spielen auch welt- und
kirchengeschichtliche Gründe eine Rolle. So muss sich die christliche Kirche in
den letzten Jahrhunderten immer wieder ihren Glaubenssätzen stellen und sich
gegenüber der Wissenschaften oft schmerzvoll korrigieren und anpassen. Im
Gegensatz dazu wird das buddhistische Weltbild von der modernen Wissenschaft
konstant bestätigt. Was hier auf verschiedenen Ebenen - sei es in der
Quantenphysik, in der Atomphysik oder in der Neurologie - erforscht wird, kennt
der Buddhismus zum Teil seit zweieinhalbtausend Jahren.
Ein anderer Grund ist die Enge der Perspektive in der
institutionellen christlichen Kirche und das Festhalten an patriarchalen
Strukturen. Wenn man nun aber glaubt, im Buddhismus sei alles besser, täuscht
man sich ganz gewaltig. Menschliche Institutionen neigen anscheinend dazu, um
ihrer selbst willen zu existieren und die ursprünglichen Ziele sind schnell
vergessen.
Der Buddhismus ist keine Glaubensreligion, sondern eine erfahrbare
Lebenshaltung. Buddha sagte: <<Glaubt nichts, was Autoritätspersonen euch
sagen und was die Priesterschaft erzählt - praktiziert und schaut selbst ...
>> Buddhismus ist nicht erreichbar oder machbar. Es ist nicht getan mit
einigen Workshops oder mit blinder Übernahme einer exotischen Kultur. Sobald
die Menschen realisieren, dass es sich hier um minuziöse, alltägliche Praxis
handelt und um einen Lebensweg, der jegliche Glaubenssätze radikal hinterfragt,
wird der Boom in sich zusammenfallen.
Was man in sich nährt, wächst.
Marcel Geisser: Was ist das Kernstück der Lehre?
Die Lehre des Buddha, des Dharma, ist identisch mit dem Lebensgesetz. Und das
Gesetz des Lebens ist Veränderung, Vergänglichkeit, Verwandlung und abhängige
Entstehung, also gegenseitige Bedingtheit. Das ist der eigentliche Kern der
Lehre. Alles ist in allem enthalten. Du kannst nichts aus dem Universum
entfernen - wohin auch? Alles formiert sich fortwährend neu. Alles ist in
konstanter Verkörperung und Wiederverkörperung.