Haus Tao
 

Archiv
Text
von Marcel Geisser

Fragen zum interreligiösen Dialog

Interview vom 11. Dezember 2006

 

1.       Leben

1.1     Was ist das menschliche Leben?

Ich glaube, es ist für uns alle klar, was menschliches Leben, diese komplexe Form organischer Lebewesen ausmacht. Es ist die Fähigkeit, zu denken und über die eigene Existenz zu reflektieren, das macht menschliches Leben aus. Aus buddhistischer Perspektive ist das menschliche Leben ausserordentlich kostbar und wertvoll im Vergleich zu allen möglichen Lebensformen. Um das zu veranschaulichen nimmt Buddha seinen Daumen, taucht ihn in den Sand am Ganges ein und fragt: „Was glaubt ihr, ist das viel oder wenig Sand im Vergleich zu allem Sand hier an den Ufern des Ganges und an allen Weltmeeren?“ Die Mönche betrachten den Sand auf dem Daumennagel und antworten: „Das ist unglaublich wenig im Vergleich.“ Und er sagt: „So in etwa ist die Möglichkeit, menschliche Wiedergeburt zu erlangen.“

 

1.2     Wie entstand das menschliche Leben ursprünglich?

Buddha geht auf diese Frage ganz klar nicht ein. Es gibt eine Liste von einigen Fragen, die gestellt werden können. Zum Beispiel das Alter des Universums, oder was vor seiner Entstehung war usw. Aber er geht auf diese Fragen nicht ein weil er sich bezüglich seiner Grundfrage keine Lösung erhoffte. Er interessierte sich primär nur für eines: Es gibt Leiden in der Welt, das Leiden im Menschen und den fühlenden Wesen. Wie kann dieses Leiden beendet werden? Er verglicht solche Fragen mit folgendem Gleichnis: Jemand sitzt in einem brennenden Haus und die –Nachbarn rufen: „Dein Haus brennt, komm doch raus!“ „Doch er sagt nur: „Solange ich nicht weiss, wer es angezündet hat, wie alt die Person ist und zu welcher Kaste sie gehört, werde ich hier nicht heraus kommen.“ Doch bevor all diese Fragen beantwortet werden können, verbrennt der arme Mann.

 

 

 

1.3     Warum werden wir geboren?

Bei dieser Frage kommen wir zur Thema des Karma. Karma bedeutet immer Ursache und Wirkungsprinzip und die dahinter liegende Motivation oder die Geistesqualität, die wir hervorbringen. Also, je ich-zentrierter, ich-hafter eine geistige Qualität ist, also der Wille und die Absicht, etwas zu bewegen, etwas zu tun, desto leidvoller auch die Wiedergeburt. Also je ich-zentrierter heisst also, dass je mehr eine Tat von Gier, Hass und Unwissenheit bestimmt ist, desto leidvoller das zukünftige Leben. Man braucht nicht an eine „persönliche“ Wiedergeburt zu glauben. Es sind, nach buddhistischer Auffassung, die unerlösten Energien, die sich wieder verkörpern. Oft genug manifestieren sie sich ja bereits unmittelbar nach einer Tat, andere zeigen sich vielleicht bereits nach Tagen oder Wochen. Wir sind also geboren und haben nun die Möglichkeit, diese Energien zu befrieden.

 

1.4     Wie entsteht das menschliche Leben?

Wir sagen, dass sehr viel positives Karma, vorausgegangene gute Absichten, positive Handlungen da gewesen sein müssen, damit sich überhaupt je ein Bewusstsein als Mensch manifestiert. Dennoch ist da offenbar eine Ansammlung unerlöster Energien und das macht sich in unserer mannigfaltigen Suchen bemerkbar. Doch wenigen gelingt es, diese Suche auf das Wesentliche zu richten und so wandern wir von einer Idee zur Nächsten in der Hoffnung, damit die erwünschte Befriedigung zu finden.

 

1.5     Haben wir einen freien Willen?

Die Frage nach dem freien Willen ist insofern etwas problematisch, als dass es einen unabhängigen freien Willen aus buddhistischer Perspektive nicht gibt, weil nichts unabhängig und aus sich selbst heraus entsteht. Das ist das Grundprinzip buddhistischen Denkens: alles entsteht in gegenseitiger Abhängigkeit. Also kann es einen unabhängigen, freien Willen nicht geben. Dennoch gibt es einen in Abhängigkeit entstandenen freien Willen, das heisst, je mehr wir uns einer Motivation bewusst sind, desto eher haben wir die Möglichkeit zu wählen. Je bewusster wir etwas erkennen, Also jemand sagt etwas sehr Negatives und ich bin total unbewusst und reagiere spontan, was meistens heisst impulsiv, mit einer negativen Antwort. Habe ich aber Achtsamkeit, ist mir die Sache bewusst, was geschieht, dann kann ich wählen zwischen der spontanen, impulsiven Reaktion oder ich kann sie unterlassen. Deshalb hat der Begriff Achtsamkeit so zentrale Bedeutung im Buddhismus und dem Weg der Meditation. Die Frage nach dem freien Willen würde hier noch wesentlich tiefer gehen.

 

1.6     Was geschieht nach dem Tode?

Aus buddhistischer Perspektive ist der Tod eine recht hypothetische Angelegenheit. Was wir mit Tod bezeichnen sehen wir als ein reines Entschwinden aus unserer Wahrnehmung. Wir befinden uns also auf der rein relativen Sicht der Dinge. Wir unterscheiden im Buddhismus die relative Sicht des Lebens und die absolute Sicht. In der relativen Sicht, das ist unsere gewöhnliche, normale, alltägliche Sicht, die wir brauchen, um Dinge zu tun, zum Beispiel miteinander einen Interview-Zeitpunkt zu vereinbaren, Dinge unterscheiden zu können. Da gibt es geboren werden, etwas kommt in unsere Wahrnehmungswelt, es hat eine Lebensdauer und es hat ein Ende. Das ist das, was wir mit Tod bezeichnen. Aus einer tieferen Sicht der Wirklichkeit sehen wir, dass die relative Sicht konstruiert ist. Sie ist menschlich konstruiert. Diese alltägliche Sicht der Dinge, mit der wir unser Leben und die Welt erklären, hält einer tieferen Untersuchung gar nicht stand. Also zum Beispiel die Frage „wann stirbt ein Blatt am Baum, wann wurde es geboren?“ Wenn wir da in die Tiefen gehen, dann sehen wir, dass das Blatt am Baum schon lange geboren wurde bevor wir es sehen, nämlich schon in den Zellen, lange bevor es hervorkommt und für uns sichtbar wird. Das gleiche gilt für den Tod. Das Blatt lebt in der Erde und damit irgendwann wieder im Baum oder anderen Pflanzen oder Lebewesen weiter und das ist das, was wir mit dem Kreislauf der Wiedergeburt beschreiben. Aus buddhistischer Sicht gibt es nichts anderes als Wiedergeburt. Nicht die persönliche Wiedergeburt, sondern das, was wir so als Recycling oder die fortwährende Umwälzung der Materie in neue Lebensformen bezeichnen. Aber das ist nicht individuell allein. Es ist nicht im Individuum abgetrennt, sondern immer gleichzeitig eine kollektive Angelegenheit. Das Wasser, das wir heute trinken, ist dasselbe Wasser, das schon vor fünf Millionen Jahren Lebensformen zu Gute kam.

 

1.7     Gibt es auf anderen Himmelskörpern menschliches Leben?

Aus buddhistischer Sicht ist das eine offene Frage. Solange wir etwas nicht beweisen können, dass es etwas nicht gibt, ist es intelligenter, damit hypothetisch zu Leben, dass es das gibt. Solange wir keinen Gegenbeweis haben, müssen wir annehmen, dass es sein kann. Von vornherein anzunehmen, dass es nicht sein kann, ohne den Beweis zu erbringen, das ist nicht zulässig. Buddha selbst soll nach seiner Erleuchtung lange Zeit in Meditation verbracht haben, unter dem Bodhibaum in Bodh Gaya. Später sagte er darüber, dass er in dieser Zeit 36 Bewusstseinsebenen von Existenz durchwandert und besucht hätte. Dazu gehören verschiedene Formen des menschlichen Bewusstseins, des tierischen Bewusstseins, des Bewusstseins der Devas (Engel), der Asuras, Bewusstseinsformen, die von Macht besessen und ständig im Kampf sind, die Höllenwelten und die Pretas oder die hungrigen Geister, Bewusstseinsformen, die von ständigem Mangel geprägt sind. Diese Unterteilung in sechs Segmente finden wir in Darstellungen vom Rad des Lebens. Diese sechser Unterteilung kann aber noch einmal mit sechs unterteilt werden. Da gibt es verschiedene Engelswelten, verschiedene Höllenwelten und so gibt es für Buddha in seiner Bildersprache 36 Formen des Bewusstseins. Gleichzeitig erinnert uns das sehr an das Leben hier auf der Welt. So sind diese sogenannten „anderen“ Lebensformen oft auch mitten in unserer menschlichen Existenz anzutreffen.

 

 

2.       Seele

 

2.1     Was ist die Seele?

Das Wort findet sich erstmals ca. im 8. Jahrhundert und ist heute ein christlich geprägten Begriff, den wir definieren müssen. Seele ist ein ganz persönliches, individuelles Kennzeichen, Merkmal eines menschlichen Wesens. In der buddhistischen Sicht sind menschliche Wesen das Konglomerat vom Leben an sich. Es ist zwar individuell, was man nicht verleugnen kann, denn die Individualität ist offensichtlich. Dennoch entsteht das Individuelle immer auch aus dem Kollektiven, das heisst dem gesamten Fundus von Materie und Bewusstsein. Wir sind in einem ständigen Austausch und beeinflussen uns ununterbrochen. Eine über den Tod hinaus bleibende Individualität sehen wir als solche nur sehr bedingt. Wenn wir den Begriff Seele als den persönlichsten, ewig bleibenden, inneren Geisteszustand definieren, dann kommen wir hier in der buddhistischen Welt ziemlich ins Schwanken. Die tiefste Einsicht im Buddhismus ist, dass es dieses absolut, abgeschlossene und bleibende Ich oder Seele, also diesen Kern, gerade nicht gibt. Das war Teil der Einsicht oder Erleuchtung des Buddha in einer hinduistischen Welt. Er hat dazu einige Aussagen gemacht: „Ich habe diesen einen bleibenden Schöpfergott nicht gefunden. Und ich habe dieses bleibende Ur-Selbst gesucht und ich habe es auch nicht gefunden.“ Das hat man ihm dann natürlich schnell mal angekreidet und hat gesagt: „Der arme Kerl, er hat es gesucht aber hat es nicht gefunden. Er gibt es ja noch zu. Wir haben es natürlich gefunden.“ Er hat es jedoch anders verstanden und gesagt: „Ich habe es nicht gefunden, weil es das als solches nicht gibt. Wir sind zusammengesetzt aus allem, wir sind eins mit allem, wir haben für bestimmte Dauer und Zeit diese Individualität.“ Diese Individualität kann auch, (jetzt beziehe ich mich gerade auf die tibetische buddhistische Form), zu einer bewussten Inkarnation führen, zum Beispiel des Dalai Lama, der bewusst seit vierzehn Leben wieder kommt, das kann also über die Dauer von solchen Leben hinausgehen. Es hat aber trotzdem keine ewig bleibende Existenz. Das ist eine Spezialität der tibetischen Tradition. Der Dalai Lama hat dazu einen sehr typischen Satz gesagt: „Wenn ich auf die Leben der vergangenen dreizehn Dalai Lamas zurückschaue und diese studiere, dann muss ich ganz klar eine tiefste Verbindung zu ihnen haben. Also eine tiefstgeprägte Verwandtschaft oder Ähnlichkeit. Zu sagen, ich sei diese dreizehn Dalai Lamas ist nicht korrekt. Und damit bewegt er sich natürlich hinaus aus diesem starren Prinzip von Sein und Nichtsein, ich bin derjenige und alles andere bin ich nicht. Das ist genau der Kernpunkt der buddhistischen Lehre. Ich bin nicht das, wofür ich mich halte. Ich habe keine feste, abgeschlossene Ich-heit. Damit sind fast alle anderen Fragen nach der Seele mit einbezogen.

 

2.2     Hat der Mensch eine Seele oder ist er eine Seele?

Wir haben keine Seele in einem festen, bleibenden, abgeschlossenen Sinn. Wir sind letztlich eine komplexe, undefinierbare Wesenheit, zusammengesetzt aus allen anderen Bestandteilen des Lebens.

 

2.3     Wie ist die Seele?

2.4     Wo ist die Seele

2.5     Wie entsteht eine Seele?

2.6     Vergeht eine Seele?

2.7     Wie lange existiert eine Seele?

 

Diese Fragen können als solche nicht beantwortet werden

 

3.       Gott

 

3.1     Was ist Gott?

Wie schon unter Punkt 2.1 zur Seele kurz angetönt, hat Buddha den Gottesbegriff als Wesenheit aufgelöst. „Ich habe den Schöpfergott nicht gefunden und nicht gesehen. Ich habe in die Tiefsten des Universums geschaut, ich habe aber diesen Schöpfergott nicht gefunden, nicht gesehen.“

 

Jetzt müssen wir auch hier, ähnlich wie beim Punkt über die Seele, den Gottbebegriff zuerst definieren. Was verstehen wir unter Gott? Wenn wir eher in den Bereich der Mystik vordringen und Gott als den Urgrund allen Seins, als Grundbewusstsein, als das Absolute definieren, also nicht als persönliche, nicht mit persönlichem Willen ausgestattete Wesenheit, die das Universum, den Menschen und die Wesen einem Schöpferakt bewusst hervorbringt und dirigiert, dann können wir ohne weiteres sagen, dass hat der Buddha nicht geleugnet. Also ist es unangemessen, den Buddhismus als Atheismus abzutun. Auch Buddhisten anerkennen ganz klar einen Urgrund des Seins, ausgestattet mit höchster Intelligenz. Dieser Urgrund des Seins, also dieses Absolute, ist nicht irgendwo ausserhalb der Dinge, ausserhalb des Menschen, ausserhalb der Natur, wirkt also quasi von aussen auf den Menschen und die Natur ein, sondern ist die Natur selbst. Also die Intelligenz liegt schon in den Dingen, ist inhärent. So wirkt es. Es wirkt in seiner Intelligenz durch die manifeste Welt, also durch die Natur, durch die Dinge.

 

3.2     Gibt es Gott?

Diese Frage habe ich in Punkt 3.1 beantwortet.

 

3.3     Wie ist Gott?

Diese Frage habe ich in Punkt 3.1 beantwortet.

 

3.4     Wo ist Gott?

Nirgendwo anders als hier.

 

3.5     Wie wirkt Gott?

Durch die Natur. In der fortwährenden Offenbarung, im fortwährenden Prozess des Lebens, kommt es (um nicht zu sagen er) zum Ausdruck.

 

3.6     Welches sind die Handlungen der Menschen, die Gott am besten gefallen?

Da wir Gott nicht als Gegenüber und nicht als Schöpfer sehen, ist diese Frage so nicht beantwortbar, weil wir nicht vor einem Gott Rechenschaft abzulegen haben. Auch die Frage 3.7 zum Missfallen. Wir haben also nicht einem Schöpfergott Rechenschaft abzulegen, sondern die Frage nach gefallen und missfallen wird schon durch uns selbst beantwortet. Durch unser soziales Zusammenleben und den Folgen unserer Taten. Hier kommen wir wiederum auf den Punkt des Karma. Karma, wie ich schon sagte, entsteht durch bestimmte, willentliche oder absichtsvolle Handlung und die grosse Frage ist, ist eine Handlung zum Wohle des Lebens, zum Wohle anderer oder nicht. Das ist die Frage von Gefallen und Missfallen aus buddhistischer Perspektive. Wir unterscheiden ganz klar zwischen zwei Begriffen, nämlich nicht so sehr nach „gut“ oder „schlecht“, sondern nach „heilsam“ oder „unheilsam“. Heilsam heisst immer, dass ein Gedanke, ein Wort oder eine Handlung zum Wohle anderer und mir selbst ist. Unheilsame Handlungen bringen Leiden für andere und für mich selbst. Dies ist das Kriterium.

 

Gemäss der buddhistischen Psychologie besteht das menschliche Bewusstsein aus 52 Qualitäten. Ein Teil davon ist karmisch neutral, das heisst, es hat keine positive oder negative Auswirkung. So z.B. ist die Fähigkeit der Konzentration als solches wertfrei. Es kommt also drauf an, in welcher Kombination sie steht. Konzentriere ich mich auf eine liebenswerte Handlung oder bin ich gerade sehr konzentriert dabei, jemandem Schaden zu zufügen?

Ein kleinerer Teil unserer geistigen Energien ist unheilsam, das heisst alle egozentrischen, Kräfte wie zum Beispiel Gier und Hass stehen ganz oben auf der Liste. Alles, was aus Gier oder Hass oder auch aus subtilen Formen davon besteht, wie zum Beispiel egozentrisches Verlangen, egozentrische Aggressionen, Ablehnungen sind unheilsame Zustände.

Jegliche Form von Mitgefühl, Liebe, liebevoller Zuwendung, Mitgefühl für das Leiden anderer Wesen, Freude am Wohle anderen Wesen und Gleichmut gegenüber der eigenen Existenz, sind ganz klar heilsame geistige Faktoren und finden Gefallen, sei es in Gedanken, Worten oder Taten.

 

 

3.7     Welches sind die Handlungen der Menschen, die Gott am meisten
missfallen?

Diese Frage ist in Punkt 3.6 beantwortet.

 

 

4.       Paradies

 

4.1     Was ist das Paradies?

Wie schon vorher angetönt, definierte Buddha so in etwa sechs Ebenen von Bewusstsein. Grob gesagt, Himmel und Hölle sind Teil davon, wichtig ist, dass die Ideen von Himmel und Hölle in der buddhistischen Sicht auch nicht ewig und bleibend sind. Also es gibt keine Vorstellungen, wonach das Paradies ewig dauert. Solange sich die Idee vom Selbst, vom Ich überlebt und so zentral ist, können wir zwar auf Grund von sehr positiven, heilsamen Handlungen in paradiesähnliche Welten kommen. Ob das jetzt schon in diesem Leben ist, hier auf dieser Welt, oder eventuell dann in anderen Zeiten und Lebensformen, ist völlig offen. Wir unterscheiden da eigentlich nicht. Aber der entscheidende Punkt ist, dass es nicht ewig und nicht bleibend ist, solange da eine Idee von Ich ist. Also, wenn wir das Wort Paradies so auf sehr freudvolle, friedliche Lebensformen definieren, dann haben wir die Deva-oder Engelswelt und die zeichnen sich durch ihren unglaublich friedlichen Lebenswandel, ihre friedliche Gesinnung und ihren friedlichen Geist aus. Da dieser Zustand entstanden ist, kann er naturgemäss nicht ewig bleiben. Das wäre schlicht ein Denkfehler. Auch diese Formen des Bewusstseins gehören in den Kreis des ewigen Wandels von Geburt, Tod und Wiedergeburt und der Ausstieg heisst immer Ausstieg aus der Idee vom Ich. Ausstieg aus „ich bin in der Hölle“, „ich bin im Himmel“. Es ist ein Totalausstieg aus diesen begrifflichen Definitionen, Schubladisierungen und Einteilungen des Lebens. Wenn wir jetzt sagen, Paradies wäre eher ein wirkliches „in Friede sein“, dann könnten wir sagen, das, was wir Nirwana nennen, ist das Paradies. Es ist also nicht so wie in den bekannten Paradiesvorstellungen, nämlich „ich habe ein gutes Leben geführt und jetzt komme ich ins Paradies“, so läuft das nicht, das ist aus unserer Sicht halt nun mal ziemlich kindlich, sondern ich habe erkannt, dass es das Ich nicht gibt, ich erkenne, dass ich Teil bin des unendlichen Lebens und ich hafte nicht mehr an einem persönlichen Sein in der Welt und deshalb bin ich mit der Welt in Frieden. Das nennen wir Nirwana. Es ist die Auflösung, das Erlöschen der egozentrischen Definition und damit auch von Gier und Hass. Das ist Friede. Der philosophisch heikle Punkt ist, dass man einfach nicht sagen kann „ich bin oder ich habe es“. Das Ich fällt weg. Da ist einfach Frieden. Deshalb ist es beim Thema Paradies enorm schwierig, dieses den Vorstellungen der christlichen Weltreligionen gleichzusetzen.

 

4.2     Gibt es das Paradies?

Wenn wir das Wort Paradies ersetzen durch Nirwana, dann kann man ganz klar sagen ja, Nirwana gibt es. Es gibt das Ende des persönlichen Leidens und der persönlichen eingeschränkten Vorstellungen der Welt.

 

4.3     Wer hat das Paradies erschaffen?

Niemand anderes erschafft das Nirwana als mein eigener innerer Friede. Er ist also nicht von aussen geschaffen, sondern er entsteht in dem Moment, wo ich mich in das grosse unbeschränkte Leben wieder eingeordnet sehe.

 

4.4     Wie ist das Paradies?

Das Paradies ist ganz klar in irgendeiner Form Freiheit von diesen egozentrischen Zwängen. Also die beiden Punkte müssen sicherlich erfüllt sein: Es ist das Freisein und es ist tiefster Friede.

 

4.5.    Wo ist das Paradies?

Das Paradies ist dort, wo dieser Friede realisiert, erlangt wird.

 

4.6     Wer ist im Paradies?

Das wer kann nicht beantwortet werden, weil es nicht ich bin, sondern der Geist selbst ist in Friede und es ist nicht mein Privatgeist oder mein Privateigentum, das da in Frieden ist.

 

4.7     Wer ist nicht im Paradies?

Wer am Ich haftet und aus dieser egozentrischen Ich-haftigkeit zwischen sich und anderen unterscheidet und meistens nur das eigene Wohl sieht, der ist nicht im Paradies oder im Nirwana.

 

 

5.       Teufel

 

5.1     Was ist der Teufel?

Es ist interessant, dass es auch im Buddhismus so etwas Bildhaftes gibt wie den Teufel. Wir nennen ihn Mara. Die Begriffe Mara und Teufel sind in den Definitionen gar nicht so unterschiedlich. So wie der Teufel der „Umwerfer“, der Verleugner ist, ist Mara „der Zerstörer des Lebens“. Das, was eigentlich Leben möchte, was sich entfalten möchte, vielleicht auch die positivste Seite des Lebens wird durch Mara zerstört. Wir gehen davon aus, dass der Urgrund des Lebens positiv ist, menschlich ausgedrückt: Weisheit und Liebe. Mara ist also die bildliche Personifizierung dessen, was diese Liebe und die Weisheit in uns zerstört. Auch hier sind wir wieder beim Begriff der Egozentrik, also der Trennung zwischen mir und anderen..

 

5.2     Gibt es den Teufel?

Ganz klar ist natürlich, dass Mara keine Person ist, Mara ist ein Bewusstseinszustand, Mara ist eine innere Einstellung und so gesehen gibt es ihn, denn es gibt ihn als inneren, erlebbaren Zustand.

 

5.3     Wie ist der Teufel?

 

5.4     Wo ist der Teufel?

Wie ist dieser Zustand? Dieser Zustand ist dort, wo die Egozentrik und wo die Ichhaftigkeit dominiert und die Einheit des Lebens verleugnet wird. Dort ist auch Unfreiheit und es fehlt an der grossen Offenheit des Lebens, dort ist Mara.

 

5.5     Wie wirkt der Teufel?

Mara wirkt in unseren eigenen Geist, durch unsere unheilsamen Qualitäten. Da gäbe es noch mehr aufzuzählen als nur Gier und Hass, da gibt es zum Beispiel Schamlosigkeit, Eifersucht, Neid, alle diese Qualitäten, die wir ja in anderen Religionen auch kennen.

 

5.6     Welches sind die Handlungen der Menschen, die dem Teufel am besten gefallen?

Diese Fragestellung ist nicht ganz übertragbar, da es sich bei Mara nicht um eine Person handelt. Deshalb gibt es niemandem, dem diese Handlungen gefallen, sondern es ist der Zustand, in dem die Egozentrik über der Liebe für alles Leben und alle Wesen steht.

 

5.7     Welches sind die Handlungen der Menschen, die dem Teufel am meisten
missfallen?

Dort wo die Liebe und Einsicht in die ungeteilte Einheit allen Lebens ist, dort ist Mara nicht.

 

 

6.       Hölle

 

6.1     Was ist die Hölle?

Zur Frage „was ist Hölle?“, gibt es eine gute, kleine Geschichte. Es kam ein grosser Krieger, ein Samurai, zu einem Zenmeister in Japan. Er war auf der Suche nach einem Verbrecher, der sich im Kloster versteckt hatte. Der Zenmeister und der Samurai kamen in ein Gespräch. Der Samurai fragte den Meiser: Wenn ich jetzt schon mal so einen Weisen antreffe, sage mir doch bitte, glaubst Du an Himmel und Hölle?“. Der Meister beantwortete ihm die Frage nicht, sondern hat ihn ausgelacht. Was für ein Dummkopf er doch sei und dass er überhaupt nichts verstehe vom Leben, er sei wirklich nicht ganz richtig im Kopf. Worauf der Samuraikrieger sein Schwert zog und sagte: „Noch ein Wort und ich schlage Dir den Kopf ab.“ Daraufhin entschuldigte sich der Meister. Es sei ein ganz dummer Ausrutscher gewesen und er würde schon einsehen, dass dies natürlich nicht so sei. Er hätte auch viel Gutes von ihm gehört und was er schon für bemerkenswerte Taten vollbracht hätte. Der Samuraikrieger beruhigte sich wieder und war ganz glücklich. Am Ende sagte der Zenmeister: „So, jetzt hast Du Himmel und Hölle erlebt. Das ist Himmel und Hölle.“

 

6.2     Gibt es die Hölle?

Also, wie in Punkt 6.1 betrachtet, gibt es die Hölle. Die Hölle ist ein sehr leidvoller geistiger Zustand.

 

6.3     Wer hat die Hölle erschaffen?

Aus buddhistischer Sicht erschafft die Hölle niemand anders als wir selbst. Wir schaffen sie für uns und häufig leider auch für andere.

 

6.4     Wie ist die Hölle?

Die Hölle ist per Definition Leiden. Leiden, mal grundsätzlich an sich selbst. Am nicht erreichen und haben können, was wir begehren.

 

6.5     Wo ist die Hölle?

Hölle ist dort, wo wir zusammen oder verbunden sind mit Dingen, die wir nicht mögen, ablehnen oder hassen. Die Hölle ist nirgends anders als in uns selbst. Wir erleben sie, wir erleben diesen Zustand.

 

6.6     Wer ist in der Hölle?

Wir sind in der Hölle, sobald diese unheilsamen, leidvollen Zustände in uns dominieren und Überhand nehmen.

 

6.7     Wer ist nicht in der Hölle?

Wenn wir alle leidvollen Zustände als Prozesse sehen, an denen wir nicht zu haften brauchen, dann wir sind wir nicht in der Hölle. Wenn Einsicht ins Leben, Einsicht in die Lebensgesetze und Liebe und Mitgefühl unser Leben ausmachen, dann sind wir nicht in der Hölle.

 

 

7.       Religion

 

7.1     Was ist Religion

Ob der Buddhismus als Religion definiert werden kann, da streiten sich die Geister. Wahrscheinlich muss auch hier das Wort Religion zuerst definiert werden. Was ist mit Religion gemeint? Wenn Voraussetzung für Religion der Glaube an einen Schöpfergott ist, dann ist Buddhismus natürlich keine Religion. Manche sagen, es sei eine Philosophie, also die Liebe an der Weisheit. Das ist es bestimmt. Man kann sich auch fragen, ob es eine sehr pragmatische Weltanschauung ist. Im Buddhismus geht es primär um das Ende des Leidens. So gesehen, kann man auch sagen, Buddhismus ist auch Psychologie. Eine psychologische Vorgehensweise, den Menschen aus dem Leiden, zu befreien. Definiert man aber das Wort Religion in einem weiteren Sinne, vielleicht aber auch mit religere, zurückführen oder Rückbindung, dann muss man sich fragen, Rückbindung woran? Sagen wir Rückbindung an die uns innewohnende Weisheit, an die uns innewohnende Liebe, die aber häufig verdeckt ist. Das Bild, das wir dazu gebrauchen ist „Die Sonne scheint immer, nur wird sie häufig durch Wolken verdeckt. Wenn es diese Rückbindung ist, dann kann man sagen, Buddhismus ist eine Religion, denn wir binden uns wieder zurück an unsere inhärente Weisheit und Liebe und bleiben nicht hängen an den Wolken, welche die Sonne verdecken.

 

7.2     Wer hat Religion erschaffen?

In der buddhistischen Weltanschauung hat der Buddha den Buddhismus nicht erfunden. Der Buddha war auch kein Buddhist. Der Buddha hat sich nur auf die Naturgesetze bezogen, er hat die Natur studiert, er hat den menschlichen Geist und das Bewusstsein studiert, und er hat nicht die Religion erschaffen, er hat nur erläutert, was er durch die Erleuchtung, durch das tiefe Verständnis des Geistes erkannt hat. Wir unterscheiden auch ganz klar zwischen der Verkirchlichung der Religion, also des Buddhismus als Institution, und dem Mark, dem Kern des Buddhismus, der in Übereinstimmung mit den Naturgesetzen ist. Damit meinen wir: alles Leben ist unbeständig und im Fluss ist. Alle Dinge, die wir erfassen und  wahrnehmen können, sind unbeständig, nichts kann aus sich selbst heraus existieren und hat ein abgeschlossenes bleibendes Selbst oder Ich. Wenn wir an etwas hängen oder haften und festhalten, entsteht Leiden. Wenn wir in Übereinstimmung mit dem Fluss des Lebens sind, dann ist Leidfreiheit oder Nirwana. Das ist die Kerndefinition der buddhistischen Weltanschauung.

 

7.3     Warum gibt es verschiedene Religionen?

Gemäss der jeweiligen Kultur und der daraus entstandenen, verschiedenen religiösen Formen, wird man wahrscheinlich auch die Einsichten in das Leben verschieden definiert haben und so gibt es natürlich verschiedene Definitionen. Traurig ist, wenn wir darauf bestehen, dass unserer Religion die einzig wahre ist.

 

 

7.4     Wann ist eine Religion gut?

Auf diese Fragen sagte der Buddha interessanterweise folgendes: „Nicht meine Religion ist die einzig richtige und die beste. Wenn eine Religion die Illusion über das Leben, über das Ich und seiner Abgeschlossenheit auflösen kann, befähigt ist, sie zu weiten, unsere innere Sicht zu weiten, wenn daraus unsere Gier und unser Hass reduziert werden, sich auflösen, dann ist es eine gute Religion.“

 

7.5     Wann ist eine Religion schlecht?

Wenn die Egozentrik zunimmt und damit auch die persönliche Gier, Aggression oder Hass, dann kann es sich nicht um eine gute Religion handeln.

 

7.6     Wann ist jemand religiös?

Jemand ist dann religiös, wenn er aus dem egozentrischen Lustprinzip und Wohlfühlprinzip herauskommt, also dieses überschreitet und dass diese gewöhnliche ich-hafte Ausrichtung, das reine Lustprinzip des Lebens nicht als primäres Lebensziel erachtet. Wenn wir also persönliche Macht- Besitz- oder Konsumgier usw. transzendieren und erkennen, wir sind Teil des ganzen Lebens, dann nennen wir jemanden religiös. In der Weise unterscheidet der Buddha zwischen dem Weltling und dem religiösen Menschen und damit ist auch die Frage 7.7 beantwortet.

 

7.7     Wann ist jemand nicht religiös?

Diese Frage ist in Punkt 7.6 beantwortet