Haus Tao
 

Archiv
Text
von Dharmacharya Marcel Geisser

 
Aus dem Kloster in die Welt - aus der Welt ins Kloster
„Praktizierter Buddhismus ist immer engagierter Buddhismus“

von Dharmacharya Marcel Geisser

Artikel aus Connection 8/98

Mit diesen Worten hat Thich Nhat Hanh deutlich gemacht, dass es sich beim sog. „Engagierten Buddhismus“ nicht um einen völlig neuen Seitenzweig einer traditionellen buddhistischen Schule handelt, sondern um eine grundsätzliche Haltung, wie wir in der Welt stehen und wie wir auf die Herausforderungen des Lebens reagieren. Was jedoch zu dem spezifischen „Engagierten Buddhismus“ geführt hat, wie er von der INEB (Internationalen Netzwerk engagierter Buddhisten) begründet wurde, ist auf die Tatsache zurück zu führen, dass sich der Buddhismus tendenziell über alle Jahrhunderte hinweg als Rückzug von der geschäftigen Welt verstand. Das zeigt sich in allen Details der ursprünglichen monastischen Regeln, die jede Berührung mit weltlichen Dingen untersagt. Allem voran stehen die beiden Hauptthemen: Besitz und Sexualität. So leben die Mönche und Nonnen der alten Regeln gemäss nicht nur im Zölibat, sondern sie vermeiden auch jede direkte Berührung mit Geld. Garten und Küchenarbeit darf deshalb nicht gemacht werden, weil dabei lebende Wesen zu schaden kämen. Einige dieser Regeln wurden schon im China des 8. Jahrhunderts von Zen-Meistern wie Pai-Chang verändert, und von ihm stammt der Ausdruck: “ Ein Tag ohne Arbeit – ein Tag ohne Essen“. Weitere Reformen kamen später durch Zen-Meister wie Hakuin in Japan, oder durch den japanischen Kaiser selbst, der das Zölibat für die Zen-Mönche seines Landes aufgehoben hat. Aber auch dort wurde die ganze Kraft dem Rückzug von der Welt zugunsten der Meditation und der Erleuchtung gewidmet. So ist es nicht verwunderlich, dass sich in diesem Klima doch eher selten jemand um ganz weltliche Dinge kümmern wollte, wie um Hilfe bei Naturkatastrophen, bei epidemischen Krankheiten oder für Arme und Aussenseiter.

Hier im Westen begegnen dem Buddhismus ganz neue Herausforderungen, und es besteht die Chance, alte Muster und Gewohnheiten in Frage zu stellen und sie auf ihre heutige Gültigkeit hin zu untersuchen. So wird dem Buddhismus nicht völlig unbegründet gerade von christlicher Seite immer mal wieder vorgeworfen, er sei etwas weltfremd. Die karitative Entwicklung im Christentum ist jedoch auch erst im späten Mittelalter entstanden, und das auf Druck aus der Politik. Die vielen Klöster mussten bald einmal ihre Daseinsberechtigung beweisen durch ihre
Arbeit in Schulen und Hilfe draussen in der Welt.

Es scheint mir ein vollkommen natürlicher Wunsch und Ausdruck innerer Reife zu sein, eine ausgewogene Wechselwirkung zu suchen zwischen Rückzug vom Alltag zur Vertiefung der stillen Praxis und einem ganz engagierten in der Welt stehen und nach seinen jeweiligen Möglichkeiten sein Bestes zu geben. So haben wir uns im Meditationszentrum Haus Tao schon vor einigen Jahren dazu entschlossen, bei den Angeboten für Meditation und Schulung in buddhistischer Philosophie und Psychologie auch die alltägliche Arbeit in Küche, Haus und Garten gemeinsam mit den Kursteilnehmern zu bewältigen. Einerseits wollen wir den allgegenwärtigen Konsumerismus nicht noch mehr fördern, andererseits stehen wir damit ganz in der alten Klostertradition.
Dazu war es uns schon lange ein Anliegen, auch andere kleinere Projekte zu fördern. Ein konkretes Beispiel dafür ist Devachan. Bhikkhu Sangahsena in Ladakh (Indien) hat in nur 8 Jahren ein vielgliedriges Projekt gestartet und weitgehend aufgebaut. Dazu gehören eine Schule für Kinder aus entlegenen Bergtälern, ein Krankenhaus, ein Altersheim und ein kleinen Nonnenkloster. Das letztere schien uns deshalb besonders interessant zu sein, weil bis anhin die Nonnen in Ladakh kaum Chancen hatten, ihr Leben der Meditation und dem Studium zu widmen. Sie erhielten, im Gegensatz zu den Mönchen, kaum materielle Unterstützung. Sie waren meist billige Kindermädchen für gut situierte Familien. Sanghasena möchte die jungen Nonnen nicht nur im Buddhismus ausbilden, sondern sieht hier auch eine Möglichkeit, ihnen im nahegelegenen Spital eine Ausbildung als Hilfsschwestern zu ermöglichen. Solche Kenntnisse sind bei einer späteren Rückkehr in ihre Täler, Dörfer und Gemeinschaften von grösstem Nutzen.

Wir brauchen sicherlich nicht darauf zu warten, bis wir erleuchtet sind, um dann erst in der Gesellschaft mitwirken zu können. Die Praxis des Buddhismus ist immer eine innere und äussere zugleich. Die Einsicht in die gegenseitige Bedingtheit und Abhängigkeit allen Lebens wächst und vertieft sich in der Meditation und findet ihren Ausdruck im Alltag. Engagierten Buddhismus finden wir überall dort, wo wir ganz und gar präsent sind, zum Wohle für uns und andere, im Kloster genauso wie im Beruf und in der Familie.