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Freigebigkeit 

Von Dharmacarya Marcel Geisser 

(erschienen in der Zeitschrift InterSein Nr.22, Mai 03)

Wenn ich in den Garten hinaus schaue, fühle ich mich selbst bei seinem winterlichen Anblick so unermesslich privilegiert und beschenkt, dass mir Gedanken kommen wie zum Beispiel wie kommt es wohl, dass ich hier leben kann, während Millionen anderer Menschen ihres Wohnorts beraubt wurden, nur weil ihre Hütte oder ihr Haus unglücklicherweise gerade dort stand, wo Regierungen und Großkonzerne einen gigantischen Staudamm, eine Autobahn oder ein Atomversuchsgelände errichten wollen? Wie unendlich privilegiert bin ich, hier in der Schweiz leben zu können, wo solches Vorgehen kaum möglich wäre und zumindest entschädigt werden müsste. 

Es hilft niemandem, wenn wir auf unsere privilegierte Situation mit Schuldgefühlen reagieren. Aber wir wollen auch nicht der Versuchung anheim fallen, uns den Ängsten auszuliefern, dass wir vielleicht nicht immer auf der bevorzugten Seite des Lebens stehen könnten. Doch wir können die Zeit nutzen, uns Gedanken darüber zu machen, was das Leben lebenswert macht und wie es seine Schönheit verliert. Damit betreten wir immer wieder erneut und frisch den Pfad des Buddha, mitten in einer modernen Welt mit ihren komplexen Herausforderungen. Das Gefühl von Mangel oder Fülle ist sehr subjektiv. Meine Großmutter war eine mausarme Frau, dennoch umgab sie ein süßer Duft von Reichtum. Sie teilte das Wenige, das sie hatte, mit allen, die ihr begegneten. 

Wenn unsere Wirtschaft nicht grad auf Hochtouren läuft, wenn vielleicht sogar Arbeitslosigkeit vor der Tür steht, verlieren wir schnell die Relationen, vergessen, was wir immer noch haben: Ein Dach über dem Kopf, wir können essen, unsere Wohnung heizen, haben Freundschaften und eine Sangha und ungehinderten Zugang zur Lehre des Erwachten. Können wir dankbar das genießen, was wir haben? 

Großzügig zu sein, wenn wir im Überfluss haben, ist eines. Doch Großzügigkeit ist weit mehr, ist direkt verbunden mit Einfachheit und Genügsamkeit. Wenn Menschen geneigt sind, einen Krieg anzufangen, nur weil ihnen das Erdöl nicht zur freien Verfügung steht, bleiben sie in diesem unheilvollen samsarischen Kreislauf gefangen und das bedeutet für alle Beteiligten Leiden. Oder wir setzen uns der natürlichen Unsicherheit des Lebens aus und versuchen nicht um alles in der Welt, unseren Status Quo zu erhalten.

Entweder überreden wir uns, freigebig zu sein, weil man freigiebig und liebevoll sein sollte, oder wir entdecken eine Quelle in uns, aus der heraus wir auf natürliche Weise großzügig sind. Dazu helfen uns zwei Dinge, die zutiefst mit einander verbunden sind. Das eine ist die Einsicht, dass wir - sind einmal die Grundbedürfnisse des Lebens gedeckt - uns mitten in einem unendlich reichen Universum befinden. Dass täglich tausend Schönheiten auf uns warten, wenn wir den Blick dafür erst einmal wieder erlernen. Dass es so etwas wie den "Gott der kleinen Dinge" tatsächlich gibt, wie dies die indische Schriftstellerin Arundathi Roy so schön bezeichnet. Dabei entdecken wir die zweite Quelle der Großzügigkeit, nämlich die Tatsache, dass wir niemals von den unendlich vielen Dingen, die uns erfüllen können, je getrennt waren: dem zarten Neuschnee auf den Zweigen und dem Sonnenschein, der sie zum glitzern bringt.

In Sekunden können wir jedoch unser inneres Erfülltsein verlieren und den Lichtkegel unseres Gewahrseins auf all das lenken, woran es uns mangelt, was uns nicht gelungen ist oder gar, was andere mehr haben als wir selbst. Das Glück liegt oft buchstäblich vor unseren Augen: Allein sein zu können und aufzugehen in der Schönheit der Natur; mit Freunden zu sein, die uns annehmen, so wie wir sind, wo wir keine gekünstelte Frömmigkeit vorgeben müssen oder nur geliebt werden für besondere Leistungen; oder wie vor zwei Wochen an einer der verkehrs- und abgasreichsten Strassen von Bangkok, wo ich den Mut hatte, dem schwerst Leprakranken nicht einfach beim Vorbeigehen ein paar Münzen in den Plastikbecher zu werfen, sondern stehen blieb, ihn begrüßte und plötzlich sein wunderbares Strahlen in den Augen entdeckte und sein frohes Lächeln, wo er doch nicht nur an den Extremitäten, sondern auch im Gesicht bis zur Unkenntlichkeit entstellt war.

Wenn wir erkennen, was uns glücklich oder unglücklich macht, brauchen wir nicht lange zu suchen, wie wir andere glücklich machen können, denn es ist genau das, was wir einander geben können:

 -         eine stete Ausrichtung auf Einfachheit und das teilen, was wir haben;

-         gegenseitige Erwartungen abbauen und einen unkomplizierten Umgang mit einander;

-         die Verschiedenartigkeit der Wesen respektieren und sie nicht alle auf einen einzigen Weg trimmen;

-         Orte der Stille schaffen und wo immer wir leben, die Natur schützen und pflegen - sie wird es uns reichlich vergelten!

Voraussetzung zum Glücklichsein ist ein genügsamer Geist, der diese Stille und ein unaufregendes Leben überhaupt aushält und wertschätzen kann.