Ich gehe den
Weg der Freude
Das Feuer im kleinen Holzofen knackte leise und übertönte
dennoch die wenigen Geräusche in der Küche. Draussen
war es bissig kalt geworden. Januar in Plum Village,
Dordogne, Südwestfrankreich.Ich sass neben Thay (Thich
Nhat Hanh) am Küchentisch oder genauer gesagt an den
durchgebogenen Holzplatten, die einen deutlichen Eindruck
von Provisorien hinterliessen.
Ich war ja immer noch neu hier und konnte vieles nicht
einordnen. In einigen Büchern hatte ich gelesen, da Thay
ein vietnamesischer Zen-Meister war. Wir Buddhisten
lieben aber geradezu klare Zugehörigkeiten in Schulen
und Traditionen und machen häufig viel Aufhebens daraus.
So brannte es mich schon länger unter den Fingernägeln
und ich ergriff die Gelegenheit, um Thay nach seiner
Zugehörigkeit zu fragen. Wie so häufig, und ich gewöhnte
mich in all den Jahren daran, sagte er erst mal lange
nichts. Da ich befürchtete, er könnte am Ende gar
nichts sagen, legte ich nach: "Weisst du Thay, wenn
ich wieder in die Schweiz komme, wollen die Leute wissen,
wer wir hier sind und was Du lehrst......".
"Dann sag ihnen einfach, ich lehre den Weg der
Freude".
Diese, wie viele andere seiner Worte, haben mich all die
Jahre hindurch begleitet, und sie wurden immer
selbstverständlicher. Die Freude, die hier gemeint ist,
ist nicht bedingt durch Gewinn und Verlust, Ruhm oder
Tadel, Erfolg oder Misserfolg. Sie erblüht in der Genügsamkeit,
nährt sich an kleinen Dingen wie dem Moos auf den
Steinen, dem fernen Stimmengewirr, dem fast zufällig
entdeckten Leuchten dieser Augenpaare der fremden Person
dort drüben. Nichts ist bleibend. Das Leben wird
leidvoll, wenn wir daran haften. An unseren Vorstellungen
und Träumen, wie es sein sollte. An dem, was uns so lieb
und angenehm geworden ist. Wir haben uns eine Welt
zusammen konstruiert und rennen Idealen nach. Auch
sogenannten spirituellen. Das eigentliche Leben ist weit
nüchterner - und dennoch ein letztlich unbegreifliches
Wunder.
Vielleicht gab es tatsächlich in der
Menschheitsgeschichte immer wieder mal Oasen des Friedens.
Gewöhnlich ist aber durch alle Jahrhunderte hindurch
unsere Welt ein Ort eines höchst labilen Gleichgewichtes.
Dauernd schwelten und schwelen immer wieder neue
Kriegsherde auf. Bei genaueren Betrachtung erkennen wir,
da sie nur neue Äusserungen uralter Konflikte sind. Was
für die globale Ebene gilt, ist genauso wahr für die
individuelle. Wann erleben wir schon eine länger
andauernde Zeit inneren und äusseren Friedens. Auf
diesem Hintergrund ist ja Buddhas Suche und die immense
Bedeutung seiner Lehre zu sehen. Die Aussage Buddhas,
woran lebende Wesen leiden, nämlich "getrennt sein
von Geliebtem und vereint sein mit Ungeliebtem ist
leidvoll" mag erst mal ziemlich banal tönen. Sie
bringt uns jedoch unmittelbar auf die Vier Edlen
Wahrheiten, die Tatsache, da immer wieder Leiden entsteht,
deren Ursache, deren Aufhebung und den für uns alle
praktisch gangbaren Weg.
Um die festgefahrenen Gewohnheiten zu verlassen, müssen
wir uns derer erst mal bewusst werden. Der Weg ist somit
immer ein Weg der Achtsamkeit. Thich Nhat Hanh nimmt das
sehr wörtlich. Für ihn gibt es nur eine Weise des
Gehens: langsam und gelassen, Schritt für Schritt in
Achtsamkeit. Die Karlsbrücke in Prag war voller Menschen
an jenem warmen Mittag. Thich Nhat Hanh hatte sich an
meinem Arm eingehängt, wie dies häufig vorkam in jenen
Tagen. Niemand drückte oder bedrängte uns oder schien
uns in unserer Langsamkeit zu bemerken. Plötzlich blieb
Thay wie angewurzelt stehen und schloss die Augen, was
eher ungewöhnlich war. Erst jetzt bemerkte ich den
tiefen Klang der nahen Kirchenglocken, die majestätisch
die Mittagsstunde verkündeten. Eine beinah zauberhafte
Stille breitete sich aus und so standen und standen wir
in mitten der Menschen und dennoch schaute niemand sich
nach uns um, so als wären wir unsichtbar. "Ich habe
die alte Seele Europas gespürt", sagte Thay später.
Für uns sind nicht nur die Glocken in den Tempeln oder
Kirchen Glocken der Achtsamkeit. Genauso kann uns ein
Bellen des Hundes, das Klingeln des Telefons oder ein
tief fliegendes Flugzeug in die Gegenwart bringen. Wir
begegnen dem Leben jedoch nur in der Gegenwart. Manchmal
ist das Rotlicht an der Ampel, das Lachen eines Menschen
oder ein
unerwartetes Ereignis eine Glocke der Achtsamkeit.
Thich Nhat Hanh hat in all den Jahren eine Sprache
gefunden, in der tiefste philosophische Inhalte allgemein
verständlich werden. So hat er unter anderem den Begriff
"Intersein" geprägt. Leben "inter-ist"
- in fortwährender Veränderung setzt es sich zusammen
aus allem anderen Leben und bildet somit eine untrennbare
Einheit. Alle Erscheinungsformen sind in fortwährender
Verwandlung und entstehen nur auf Grund der Verwandlung
anderer Dinge. Festhalten ist zwar menschlich, aber
dennoch wider die Natur. Es ist vollkommen unmöglich,
das sich verändernde Leben festzuhalten, und der Versuch
führt bald einmal zu selbstgeschaffenem Leiden.
Die Einsicht in "Intersein" bildet seit Buddhas
Zeiten die Grundlage für ein ethisches Verhalten und hat
somit eine bedeutende sozialpolitische und ökologische
Seite. So ist es nicht weiter verwunderlich, wenn Thich
Nhat Hanh unsere Zukunft in engstem Bezug zu den 5 Übungen
der Achtsamkeit sieht. Wir alle wissen heute gut genug,
da das Wohl der zukünftigen Generationen die Frucht
unseres jetzigen Verhaltens sein wird. Die Themen der
Ausbeutung gelten genauso auf der globalen wie der persönlichen
Ebene.
Thich Nhat Hanh war für mich in vieler Hinsicht einfach
auch ein Vorbild und ist es immer noch. Jeder Mensch kann
aber nur ein bestimmtes Modell verkörpern und so
unterscheiden wir uns sicherlich darin, da er ganz und
gar Mönch ist - monastisch/zölibatär. In den letzten
Jahren hat sich Thich Nhat Hanh stärker der Ausbildung
der Mönche und Nonnen gewidmet und den Laienlehrern die
Weiterbildung vor Ort anvertraut. Immer wieder sagte er
mir eindringlich: "Bitte hilf mit, einen ganz europäischen
Buddhismus zu schaffen!" So legte ich ihm 1994 ein
Ausbildungskonzept für ein dreijähriges
Buddhismusstudium vor, das seit dem erfolgreich im
Meditationszentrum Haus Tao angeboten wird. Auch was die
Formen und Strukturen angeht, ist Thich Nhat Hanh als
asiatischer Lehrer aussergewöhnlich liberal und überlässt
vieles in grossem Vertrauen den regionalen Gruppen. Er
war und ist immer ein buddhistischer Reformer gewesen und
hat nach neuen Möglichkeiten gesucht, die Lehre unserer
Zeit gemäss darzulegen. Seine tiefe Liebe zum Leben und
die konsequente
Hinwendung zu dem, was gut ist in uns selbst oder unserer
Umwelt, hat in vielen von uns das innewohnende Potential
geweckt. Nur allzu oft bleibt das Praktizieren der
buddhistischen Lehre in der Faszination einer letztlich
fremden Kultur oder in blinder Anpassung stecken. Im Haus
Tao ist es uns heute möglich, eine Alternative zur
monastischen Tradition zu erarbeiten.
Die Gründung der Sati-Zen-Sangha (Zen-Gemeinschaft der
Achtsamkeit) ist unsere ganz persönliche Antwort auf die
Probleme und Gegebenheiten von Laien, die sich tief in
die Lehre Buddhas stellen möchten. Die Grundsätze der
Zen-Gemeinschaft der Achtsamkeit sind nicht neu oder
einzigartig und wurden schon früher von anderen, meist
westlichen Lehrerinnen und Lehrern formuliert. Sie sind
jedoch neu für unsere Tradition des vietnamesischen
Rinzai-Zen. Im Mittelpunkt der Neuformulierungen steht
das dritte der drei Juwelen, die Gemeinschaft (Sangha).
In der "Zen-Gemeinschaft der Achtsamkeit" ist
das Novizen- und PriesterInnenmodell vorgesehen, das der
japanischen Form ähnelt, also nicht zölibatär ist. Die
Zen-Nonne/den Zen-Mönch (PriesterIn) erkennt man nicht
primär an ihrem Äusseren. Sie richten ihr Leben auch
mit Familie und Beruf ganz nach dem Buddha-Dharma aus.
Die Wahl der Lebensform entspringt verschiedenen
biologischen und psychologischen Präferenzen.
Gleichzeitig ist sie eine Strategie im Umgang mit den
beiden Hauptkonfliktquellen: Besitz und Sexualität. Die
Annahme dieser Herausforderungen ist ein Praxisweg zu
Verstehen und Liebe. So wird der Umgang mit Sexualität
und Besitz den Praktizierenden in selbstverantwortlicher
Weise überlassen und nicht institutionell festgelegt.
Die Sati-Zen-Sangha bildet somit eine mögliche
Alternative zum traditionellen Modell.
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