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von Dharmacharya Marcel Geisser

 

Ich gehe den Weg der Freude


Das Feuer im kleinen Holzofen knackte leise und übertönte dennoch die wenigen Geräusche in der Küche. Draussen war es bissig kalt geworden. Januar in Plum Village, Dordogne, Südwestfrankreich.Ich sass neben Thay (Thich Nhat Hanh) am Küchentisch oder genauer gesagt an den durchgebogenen Holzplatten, die einen deutlichen Eindruck von Provisorien hinterliessen.
Ich war ja immer noch neu hier und konnte vieles nicht einordnen. In einigen Büchern hatte ich gelesen, da Thay ein vietnamesischer Zen-Meister war. Wir Buddhisten lieben aber geradezu klare Zugehörigkeiten in Schulen und Traditionen und machen häufig viel Aufhebens daraus. So brannte es mich schon länger unter den Fingernägeln und ich ergriff die Gelegenheit, um Thay nach seiner Zugehörigkeit zu fragen. Wie so häufig, und ich gewöhnte mich in all den Jahren daran, sagte er erst mal lange nichts. Da ich befürchtete, er könnte am Ende gar nichts sagen, legte ich nach: "Weisst du Thay, wenn ich wieder in die Schweiz komme, wollen die Leute wissen, wer wir hier sind und was Du lehrst......".
"Dann sag ihnen einfach, ich lehre den Weg der Freude".

Diese, wie viele andere seiner Worte, haben mich all die Jahre hindurch begleitet, und sie wurden immer selbstverständlicher. Die Freude, die hier gemeint ist, ist nicht bedingt durch Gewinn und Verlust, Ruhm oder Tadel, Erfolg oder Misserfolg. Sie erblüht in der Genügsamkeit, nährt sich an kleinen Dingen wie dem Moos auf den Steinen, dem fernen Stimmengewirr, dem fast zufällig entdeckten Leuchten dieser Augenpaare der fremden Person dort drüben. Nichts ist bleibend. Das Leben wird leidvoll, wenn wir daran haften. An unseren Vorstellungen und Träumen, wie es sein sollte. An dem, was uns so lieb und angenehm geworden ist. Wir haben uns eine Welt zusammen konstruiert und rennen Idealen nach. Auch sogenannten spirituellen. Das eigentliche Leben ist weit nüchterner - und dennoch ein letztlich unbegreifliches Wunder.

Vielleicht gab es tatsächlich in der Menschheitsgeschichte immer wieder mal Oasen des Friedens. Gewöhnlich ist aber durch alle Jahrhunderte hindurch unsere Welt ein Ort eines höchst labilen Gleichgewichtes. Dauernd schwelten und schwelen immer wieder neue Kriegsherde auf. Bei genaueren Betrachtung erkennen wir, da sie nur neue Äusserungen uralter Konflikte sind. Was für die globale Ebene gilt, ist genauso wahr für die individuelle. Wann erleben wir schon eine länger andauernde Zeit inneren und äusseren Friedens. Auf diesem Hintergrund ist ja Buddhas Suche und die immense Bedeutung seiner Lehre zu sehen. Die Aussage Buddhas, woran lebende Wesen leiden, nämlich "getrennt sein von Geliebtem und vereint sein mit Ungeliebtem ist leidvoll" mag erst mal ziemlich banal tönen. Sie bringt uns jedoch unmittelbar auf die Vier Edlen Wahrheiten, die Tatsache, da immer wieder Leiden entsteht, deren Ursache, deren Aufhebung und den für uns alle praktisch gangbaren Weg.

Um die festgefahrenen Gewohnheiten zu verlassen, müssen wir uns derer erst mal bewusst werden. Der Weg ist somit immer ein Weg der Achtsamkeit. Thich Nhat Hanh nimmt das sehr wörtlich. Für ihn gibt es nur eine Weise des Gehens: langsam und gelassen, Schritt für Schritt in Achtsamkeit. Die Karlsbrücke in Prag war voller Menschen an jenem warmen Mittag. Thich Nhat Hanh hatte sich an meinem Arm eingehängt, wie dies häufig vorkam in jenen Tagen. Niemand drückte oder bedrängte uns oder schien uns in unserer Langsamkeit zu bemerken. Plötzlich blieb Thay wie angewurzelt stehen und schloss die Augen, was eher ungewöhnlich war. Erst jetzt bemerkte ich den tiefen Klang der nahen Kirchenglocken, die majestätisch die Mittagsstunde verkündeten. Eine beinah zauberhafte Stille breitete sich aus und so standen und standen wir in mitten der Menschen und dennoch schaute niemand sich nach uns um, so als wären wir unsichtbar. "Ich habe die alte Seele Europas gespürt", sagte Thay später.
Für uns sind nicht nur die Glocken in den Tempeln oder Kirchen Glocken der Achtsamkeit. Genauso kann uns ein Bellen des Hundes, das Klingeln des Telefons oder ein tief fliegendes Flugzeug in die Gegenwart bringen. Wir begegnen dem Leben jedoch nur in der Gegenwart. Manchmal ist das Rotlicht an der Ampel, das Lachen eines Menschen oder ein
unerwartetes Ereignis eine Glocke der Achtsamkeit.

Thich Nhat Hanh hat in all den Jahren eine Sprache gefunden, in der tiefste philosophische Inhalte allgemein verständlich werden. So hat er unter anderem den Begriff "Intersein" geprägt. Leben "inter-ist" - in fortwährender Veränderung setzt es sich zusammen aus allem anderen Leben und bildet somit eine untrennbare Einheit. Alle Erscheinungsformen sind in fortwährender Verwandlung und entstehen nur auf Grund der Verwandlung anderer Dinge. Festhalten ist zwar menschlich, aber dennoch wider die Natur. Es ist vollkommen unmöglich, das sich verändernde Leben festzuhalten, und der Versuch führt bald einmal zu selbstgeschaffenem Leiden.
Die Einsicht in "Intersein" bildet seit Buddhas Zeiten die Grundlage für ein ethisches Verhalten und hat somit eine bedeutende sozialpolitische und ökologische Seite. So ist es nicht weiter verwunderlich, wenn Thich Nhat Hanh unsere Zukunft in engstem Bezug zu den 5 Übungen der Achtsamkeit sieht. Wir alle wissen heute gut genug, da das Wohl der zukünftigen Generationen die Frucht unseres jetzigen Verhaltens sein wird. Die Themen der Ausbeutung gelten genauso auf der globalen wie der persönlichen Ebene.

Thich Nhat Hanh war für mich in vieler Hinsicht einfach auch ein Vorbild und ist es immer noch. Jeder Mensch kann aber nur ein bestimmtes Modell verkörpern und so unterscheiden wir uns sicherlich darin, da er ganz und gar Mönch ist - monastisch/zölibatär. In den letzten Jahren hat sich Thich Nhat Hanh stärker der Ausbildung der Mönche und Nonnen gewidmet und den Laienlehrern die Weiterbildung vor Ort anvertraut. Immer wieder sagte er mir eindringlich: "Bitte hilf mit, einen ganz europäischen Buddhismus zu schaffen!" So legte ich ihm 1994 ein Ausbildungskonzept für ein dreijähriges Buddhismusstudium vor, das seit dem erfolgreich im Meditationszentrum Haus Tao angeboten wird. Auch was die Formen und Strukturen angeht, ist Thich Nhat Hanh als asiatischer Lehrer aussergewöhnlich liberal und überlässt vieles in grossem Vertrauen den regionalen Gruppen. Er war und ist immer ein buddhistischer Reformer gewesen und hat nach neuen Möglichkeiten gesucht, die Lehre unserer Zeit gemäss darzulegen. Seine tiefe Liebe zum Leben und die konsequente
Hinwendung zu dem, was gut ist in uns selbst oder unserer Umwelt, hat in vielen von uns das innewohnende Potential geweckt. Nur allzu oft bleibt das Praktizieren der buddhistischen Lehre in der Faszination einer letztlich fremden Kultur oder in blinder Anpassung stecken. Im Haus Tao ist es uns heute möglich, eine Alternative zur monastischen Tradition zu erarbeiten.
Die Gründung der Sati-Zen-Sangha (Zen-Gemeinschaft der Achtsamkeit) ist unsere ganz persönliche Antwort auf die Probleme und Gegebenheiten von Laien, die sich tief in die Lehre Buddhas stellen möchten. Die Grundsätze der Zen-Gemeinschaft der Achtsamkeit sind nicht neu oder einzigartig und wurden schon früher von anderen, meist westlichen Lehrerinnen und Lehrern formuliert. Sie sind jedoch neu für unsere Tradition des vietnamesischen Rinzai-Zen. Im Mittelpunkt der Neuformulierungen steht das dritte der drei Juwelen, die Gemeinschaft (Sangha).
In der "Zen-Gemeinschaft der Achtsamkeit" ist das Novizen- und PriesterInnenmodell vorgesehen, das der japanischen Form ähnelt, also nicht zölibatär ist. Die Zen-Nonne/den Zen-Mönch (PriesterIn) erkennt man nicht primär an ihrem Äusseren. Sie richten ihr Leben auch mit Familie und Beruf ganz nach dem Buddha-Dharma aus. Die Wahl der Lebensform entspringt verschiedenen biologischen und psychologischen Präferenzen. Gleichzeitig ist sie eine Strategie im Umgang mit den beiden Hauptkonfliktquellen: Besitz und Sexualität. Die Annahme dieser Herausforderungen ist ein Praxisweg zu Verstehen und Liebe. So wird der Umgang mit Sexualität und Besitz den Praktizierenden in selbstverantwortlicher Weise überlassen und nicht institutionell festgelegt. Die Sati-Zen-Sangha bildet somit eine mögliche Alternative zum traditionellen Modell.