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von Dharmacharya Marcel Geisser

 
"Auf den Kissen und im Alltag"
von Dharmacharya Marcel Geisser

Buddh. studieren, heisst, sich selbst studieren.
Sich selbst studieren, heisst, sich selbst vergessen.....

Grundsätzlich besteht zwischen unserer Praxis auf dem Kissen und dem Alltag kein Unterschied. Wir sind immer wir selbst, oder zumindest das, was wir dafür halten. Dennoch berühren verschiedene Bedingungen verschiede Anteile unserer Persönlichkeit. Wenn wir den
Buddhismus “studieren” möchten, begegnen wir nach und nach unweigerlich all diesen bekannten und unbekannten Anteilen in uns, auch wenn sie zur Zeit vielleicht noch verborgen sind. Wer Dogen etwas kennt weiss, dass er mit studieren niemals das blosse intellektuelle Studium meint, sondern die Praxis selbst.
Menschen, die aus der psychotherapeutischen Arbeit kommen, sind häufig erstaunt darüber, dass durch diese stille Praxis der Achtsamkeit all jene Dinge zum Vorschein kommen, die sie sonst nur aus therapeutischen Prozessen kennen. Dennoch ersetzen diese Wege einander nicht vollständig, haben aber mindestens anfänglich erstaunliche Parallelen.

Nicht einfach zufällig heisst der erste Schritt von Dogen: sich selbst studieren! Um sich selbst wirklich zu begegnen, bedarf es einigen Grundvoraussetzungen. Wir brauchen ein “Klima” eines weiten Raumes. Dinge dürfen einfach mal sein, wie sie im Moment gerade sind - nicht wie wir oder andere sie haben möchten. Schwierige Emotionen wie Unlust, Sehnsucht, Angst, Ärger usw. sind Bestandteile dieser grossen “Suppe” des Geistes. Wir suchen nicht primär nach deren Ursachen, sondern nehmen diese weite Perspektive ein: sie sind immer bedingt entstanden, aus den Erfahrungen unseres Lebens, unserer Kindheit, sie sind auch die Frucht der Gewohnheiten der unendlich weit zurück reichenden Linie unserer Vorfahren. Sie sind aber auch ein Ausdruck unserer tiefsten Verbundenheit mit allen anderen Wesen. Weil dies alles zu unserer Praxis gehört, haben wir Dogens Worte als Überschrift für unseren 3-jähriges Buddhismus-Seminar genommen.

Dieses Klima des weiten Raumes ist uns vielleicht anfänglich noch fremd, da wir möglicherweise allzusehr mit Einschränkungen, Vorschriften und “Über-Ichs” gross geworden sind. Wenn uns eine Lehrerin oder ein Lehrer diese Offenheit entgegenbringt, fühlen wir uns vielleicht gleichzeitig wohlwollend berührt und verunsichert. Die uns zu eigen gewordenen Vorgaben haben uns auch all die Jahre Sicherheit gegeben. Plötzlich müssen wir selber fühlen, denken, urteilen und ermessen lernen. Vielleicht glauben wir nur allzu gern, die grossen LeherInnen wüssten doch alles besser. Und wir könnten ja Fehler machen.

Nicht zuletzt brauchen wir auch einen tiefen Wunsch, mit dem wirklichen Leben in Berührung zu kommen. Mit all seiner Rauheit und Schönheit. Gewohnheitsmässig versuchen wir aber das
unangenehme immer wieder zu vermeiden. Meditation vermag uns über die Suche nach Annehmlichkeiten oder Heldentum hinaus zu führen.Wenn die Praxis auf dem Sitzkissen nicht zu einer Flucht in eine Zuckerwattenwelt ausartet, begegnen wir all den Regenbogenfarben des
Geistes. Unsere Meditationspraxis ist dann eine zweifache: einerseits anerkennen wir jede einzelne Farbe ohne Verurteilung, ohne Manipulation. Wir begreifen langsam, dass dies alles vorbeiziehende Wolken sind, die niemals unser ganzes Leben ausmachen. Und wir atmen aus und lächeln. Andererseits haben wir auch mehr und mehr eine Wahlfreiheit. Gleichzeitig, neben der nasskalten Wolke der Unlust, zieht eine kleine Rosenwolke vorbei, eine kleine Rosenknospe, die gerade dabei ist, aufzugehen. Beide können sein - miteinander, nebeneinander, ineinander. Wir brauchen uns nicht in den Schatten des Lebens zu verlieren.

Doch Dogen führt uns weiter: „Sich selbst studieren heisst, sich selbst vergessen“. All die Wolken sind Teil dieser sich fortwährend verändernden Erscheinungswelt. Die Konzepte von „Ich“ und „Anderen“, von „Ich“ und „Nicht-Ich“ lösen sich auf, denn wir durchschauen deren Konstruktion. Das Leben selbst ist jedoch keine Konstruktion. Was ist es dann? Eine fortwährende Offenbarung des Dharma (der Lebensgesetze) selbst. Und wo ist das Dharma zu finden, wenn nicht in den zehntausend kleinen und grossen Dingen dieser Welt?

Wer bin ich? Die Frage verliert sich im grossen Raum. Die Wolken und er weite Raum bedingen sich gegenseitig – wie sich Wellen und Meer bedingen. Durch den Gesang der Amsel fliesst die stille Nacht herbei.