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von Beatrice Knechtle

 
Körperarbeit, integriert in die Lehren des Buddha heute
von Beatrice Knechtle

Artikel aus Ursache & Wirkung Nr. 18 - Herbst 96

Über die Jahrhunderte wurden in den vom Buddhismus geprägten Kulturen Asiens Bewegungsrituale, Bewegungsmethoden und Körper-Geist-Schulungen entwickelt, welche uns in ihrer Tiefe und Wirksamkeit grossen Respekt abverlangen. Einige dieser Methoden haben auch im Westen Verbreitung gefunden. So kann sich auch ein westlicher Mensch in deren Vertiefung zu Hause fühlen sofern er bereit ist, sich zumindest ein Stück weit auch auf die jeweiligen kulturellen Hintergründe und Prägungen einzulassen.

Als Schülerin des vietnamesischen Zen-Meisters Thich Nhat Hanh und seit vielen Jahren praktizierende Bewegungs-Tanztherapeutin fühle ich mich aber auch immer wieder von meinem Lehrer in meinem Interesse unterstützt, nach Wegen zu suchen, wie die Essenz der Lehre in westlichen Formen seinen Niederschlag finden könnte.Denn immer, wenn der Buddhismus im Laufe der Geschichte in ein neues Land eingeführt wurde, begann er mit der Zeit auch die bereits vorhandenen Elemente der bestehenden Kultur zu integrieren und transformieren. Was könnte dies nun bezüglich des Einbezugs der Körperebene in der Vermittlung der buddhistischen Lehre heute bedeuten? Welche Wurzeln unserer Körperkultur müssen beachtet werden? Ich möchte im folgenden auf einige Elemente eingehen, welche sich in meiner Unterrichtstätigkeit in buddhistischen Retreats während der letzten 10 Jahre als zentral erwiesen haben.

Warum Körperarbeit innerhalb buddhistischer Retreats?

Was mit dem Aufkommen der westlichen Psychotherapieformen erst in den letzten Jahrzehnten in unserem Kulturkreis zum Schlagwort wurde, ist dem Buddhismus seit Anbeginn eine Selbstverständlichkeit: nama-rupa. Nama rupa, von Lama Govinda als "Geist-Körperlichkeit" übersetzt, verweist auf eine untrennbare Einheit, ein fortwährend sich bedingendes, komplexes Zusammenspiel von Körper und Geist. Der Begriff "Körperarbeit" ist also bereits ein untrügliches Symptom einer unserer folgeschwersten westlichen Grundkrankheiten - nämlich der Spaltung von Körper und Geist - welche unser Leben und Wirken, aller Aufklärung zum Trotz, immer noch nachhaltig bestimmen.

Buddhistisch verstandene Körperarbeit ist demnach immer Arbeit am Geist-Körper-Organismus, und in diesem Sinne in unserer Zeit von unschätzbarem Wert. Die Vermittlung des Buddhismus im Westen ist ohne einen bewussten und reflektierten Einbezug der Körpereben für mich daher undenkbar geworden. Im Rahmen eines traditionellen Retreats sollte meines Erachtens "buddhistische Körperarbeit" als ein gleichwertiges Element zur Sitz- und Gehmeditation und zur intellektuellen Vermittlung (Vorträge etc.) integriert werden. Das bedeutet, dass die "buddhistische Körperarbeit" die jeweilige inhaltliche Thematik des Retreats aufnimmt und auf der körperlichen Ebene integrieren hilft. Ich verstehe "buddhistische Körperarbeit" also nicht als ein Element zur Gesunderhaltung der RetreatteilnehmerInnen (obwohl dies ein erfreulicher Nebeneffekt sein darf) oder als blosse Entspannung!


Die traditionellen Grundlagen buddhistischer Körperarbeit

Als Grundlage meiner Arbeit lasse ich mich immer wieder von den Quellentexten der buddhistischen Literatur leiten und inspirieren. Allen voran steht dabei für mich das Satipatthana Sutta. In diesen frühen Lehrreden des Buddha wird die Übung der "Achtsamkeit auf den Körper" als ein mögliches Tor zur Befreiung von Illusion, hin zu Verstehen und Liebe, beschrieben. Zur "Achtsamkeit auf den Körper" gehören traditionellerweise der Atem, die Haltung des Körpers, die Bewegungen des Körpers, die Teile des Körpers, die vier Elemente, aus denen sich der Körper zusammensetzt, und die Betrachtung des Entstehens und Vergehens des Körpers.
"Ob die Übende liegt, sitzt,steht oder geht, schläft oder aufwacht, spricht oder schweigt - ihre volle Achtsamkeit lenkt sie stets auf diese Verrichtungen." Interessanterweise stossen wir bei der Vertiefung in die "Achtsamkeit auf den Körper" folgerichtig auf die drei weiteren "Grundlagen der Achtsamkeit": der Achtsamkeit auf die Gefühle, des Geistes und der Geistobjekte. Und damit schliesst sich wieder der Kreis zur obigen Thematik:"nama-rupa"!
Das Satipattana-Sutta ist zugleich "Grundprogramm" meiner Arbeit. Ich arbeite oft anhand von "Alltagsbewegungen" wie Liegen, Sitzen, Aufstehen, Stehen, Gehen etc.. In meinen Bewegungsanweisungen und Fragestellungen zum Erfahrenen beziehe ich oft die vier Grundlagen der Achtsamkeit mit ein. Für die Praktizierenden wird auf diese Weise die Einheit von nama-rupa langsam zum "verkörperten" und daher tief verstandenen Selbstverständnis.

Eine weitere Quelle ist die Lehrrede des Buddha über "die abhängige Entstehung" (Paticca-Samuppada). Im 5.Glied der Kette beschreibt er unsere Geist-Körperlichkeit, welche sich in den sechs Sinnen (salayatana) differenziert: Sehen, Hören, Riechen, Schmecken, Tastsinn oder Fühlen und Denken. In meiner Arbeit schule ich das Bewusstsein für alle sechs Sinne möglichst gleichberechtigt. Dabei geht es mir insbesondere immer wieder um die damit verknüpften Identifikationsprozesse. Das Erfahren und Erforschen der Funktion der Gefühle (angenehme, unangenehme und neutrale) nimmt dabei auf dem Weg zur Befreiung eine wichtige Rolle ein. Ebenfalls für viele westliche Menschen von grosser Bedeutung ist der traditionell buddhistische Umgang mit dem Denken. Die Erfahrung, dass Gedanken bedingt entstehen und vergehen, d.h. keine eigenständige Entitäten sind, denen ich bedingungslos ausgeliefert bin, ist unbeschreiblich erleichternd und eröffnet eine bisher ungeahnte Entscheidungsfreiheit.


"Zen-Geist, Anfänger-Geist

"Zen-Geist, Anfänger-Geist", ein von Suzuki Roshi geprägter Begriff, beschreibt für mich die Essenz "buddhistischer Körperarbeit". Es geht mir stets darum, durch die Art und Weise der Vermittlung die Praktizierenden zu dieser Neugierde für das Alltägliche, von Aussen betrachtet Unspektakuläre, zu wecken. Dies geschieht oft durch offene Fragestellungen - Fragen, die in erster Linie Anstoss zum Forschen und weniger Anstoss für letztendliche Antworten sein sollen!

Unsere Praxis beweist sich bekanntlich am Alltäglichen. Darum versuche ich mich davor zu hüten, möglichst interessante, spektakuläre Übungsangebote zu machen. Ich arbeite oft mit sich wiederholenden Bewegungsabläufen - der damit verbundene "Entzug vom gewohnheitsmässigen Konsumerismus" kann dann auch immer mal wieder zu unangenehmen Durststrecken führen und Langeweile, Schläfrigkeit, Zweifelssucht oder Rastlosigkeit provozieren. Diese Auszuhalten ist für Schüler wie Lehrerin nicht immer einfach, führt aber erfahrungsgemäss zu den wertvollsten Erfahrungen, wenn dadurch liebevolle Achtsamkeit kultiviert werden kann, das Wesen dieser Geistesfaktoren allmählich erkannt wird und die Identifikation damit eine grosse Relativierung erfährt.


Training von Samadhi

Das Kultivieren eines Geistes von unaufhörlicher Achtsamkeit - was der sechste Patriarch Hui Neng als Samadhi beschreibt - ist ein weiterer Pfeiler. Dies ermöglicht den Praktizierenden, ein tiefes Verständnis für den ununterbrochenen Fluss des Lebens zu entwickeln und die künstlich geschaffenen Grenzen wie "Anfang und Ende einer Übung" oder auch "Retreat und Berufsalltag" zu überschreiten. Auf der Körpereben bedeutet dies, dass wir zu einer "entspannten Wachheit", oder anders ausgedrückt: einem uns und der jeweiligen Situation angemessenen Körpertonus finden müssen. Hilfreich dabei kann das Zulassen einer natürlich und ungehindert fliessenden Atmung sein, aber auch die Arbeit am Innen- bzw. Aussenraum des Körpers. Ebenfalls nicht unterschätzt werden darf die Gesamtdynamik der Stunde, welche von der Leitung beeinflusst werden kann. Alle diese Elemente können den Praktizierenden helfen, tiefer in Samadhi vorzudringen. Kontinuierliche Achtsamkeit ermöglicht uns ein zunehmend bewusstes Erleben der Paticca-Samuppada, dem ewigen Fluss von bedingtem Entstehen und Vergehen. Dies schenkt uns Einsicht in unsere gewohnheitsmässige Identifikation mit den unaufhörlichen Wahrnehmungsvorgängen und somit in die illusorische Natur des "Selbst". An diesem Punkt gewinnen wir an Entscheidungsfreiheit, können Gier, Hass und Verblendung Schritt um Schritt verwandeln.


Nicht-Anhaften

Dass wir an alteingesessenen Denkmustern und emotionalen Mechanismen leiden können, ist für viele relativ leicht einsichtig (was nicht heisst, dass diese schnell und leicht zurückgelassen werden können!). Dass sich dieses Anhaften aber auch auf der Körperebene manifestiert, ist oft weniger bewusst. "Buddhistische Körperarbeit" muss es sich daher zur Aufgabe machen, den gewohnheitsmässigen Gebrauchs unseres Körpers sowie etwaige "Körperideale" (von welcher Seite sie auch immer kommen mögen) radikal in Frage zu stellen. Natürlich ist unser Körper und dessen Gebrauch zugleich die Verkörperung unserer Lebensgeschichte, und daher müssen wir mit viel liebevoller Achtsamkeit an uns arbeiten. Auch können durch Körperarbeit starke Emotionen und Erinnerungen ausgelöst werden. Es ist darum von grossem Vorteil, wenn die Lehrerin bei Bedarf über einen psychotherapeutischen Hintergrund verfügen kann. Dieser soll aber nur dazu dienen, mittels tieferem Verstehen und liebevoller Annahme den Weg zur Weiterentfaltung zu ebnen. Psychotherapeutische Prozesse sollen nicht forciert und kultiviert, sondern in ihrer wahren Natur allmählich erkannt werden können. Die "geeigneten Mittel" (upaya) dafür müssen sehr sorgfältig abgewogen werden!


Kultivieren von Freude und Vertrauen

Die "buddhistische Körperarbeit" soll uns unterstützen, zunehmend frei von Angst, ganz aus dem gegenwärtigen Moment heraus, reagieren zu können. Damit verbunden sind eine vertrauensvolle und zugleich wache Grundhaltung, welche sich naturgemäss auch im Körper wiederspiegelt. Weitere Kennzeichen sind ein freudvoller, friedlicher Geist. So gehört für mich die Kultivierung der "positiven Samen in unserem Bewusstsein" (Thich Nhat Hanh) als ein weiterer Grundpfeiler wesentlich zu meinem Verständnis der Arbeit.

Mögen wir unsere "Wahre Natur" erkennen und so zum Wohle aller Wesen wirken können!