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Der
spirituelle Weg: Leidenschaftliche Umkehr
Von
Intellektualisieren zu Weisheit
Was
viele Menschen hier im Westen und auch mich vor über 20 Jahren zum Buddhismus
hingezogen hat, ist die traditionelle Ermunterung zum vollen Ausschöpfen
unserer Reflexionsfähigkeit. Die buddhistische Tradition hat zudem über 2600
Jahre eine präzise Geisteskenntnis erarbeitet und überliefert, welche bis
heute dem Dialog mit neueren westlichen Erkenntnissen der
Kognitionswissenschaften, der Quantenphysik etc. standhalten kann.
Aber
die unbefriedigenden Auswirkungen des „Tanzes der Maya“, der trügerischen
Erscheinungen, sind auch mit dem schärfsten Intellekt nur an der Oberfläche
angekratzt. Wir sehnen uns ja nach einem alltagsrelevanten, transformierenden
Verstehen, und dieses kann sich uns nur durch ein tiefes Eindringen in unseren
Geist und die Entwicklung eines intuitiven Verstehens dessen, „wer wir
wirklich sind“, erschliessen. Dafür braucht es eine fundierte
Meditationspraxis, welche in der buddhistischen Tradition detailliert überliefert
wird und sich über Generationen von Praktizierenden bewährt hat.
Sobald
wir uns der Meditationspraxis zuwenden, geht es um die Kultivierung einer
Haltung des „Nicht-Wissens“, eines „Anfänger-Geistes“. Die
dualistischen Konzepte, die uns letztlich gefangen halten, müssen in ihrer
konventionellen Brauchbarkeit erkannt und wertgeschätzt, in ihrer Begrenztheit
zu Gunsten von direkter Erfahrung aber überschritten werden: eine
„leidenschaftliche Umkehr“, von Moment zu Moment, vom scheinbar Bekannten
ins Unbekannte.
Von
Angst zu Vertrauen
„Form
ist Leere – Leere ist Form“: ein oft zitierter, aber meist
fehlinterpretierter Satz aus dem „Herz-Sutra“, einem zentralen
Rezitationstext der Mahayana Schulen. Es ist damit NICHT gemeint, dass wir uns
auf die Suche nach dem „grossen Nichts“, der „Leere“ im Sinne von
Abwesenheit von Gedanken oder gar der Auflösung unserer Persönlichkeit begeben
würden!
Vielmehr
lässt uns das Üben von Konzentration (Shamata)
und Einsicht (Vipassana) den Körper-Geist-Organismus direkt als Manifestation
des „Dharma“, der Grundgesetze allen Lebens, erfahren: ein Prozess
gegenseitiger Bedingtheit, jenseits von unserem dualistischen Vorstellungsvermögen,
jenseits aller Begriffe. Die Hingabe an das wache Erforschen dessen, was wir als
„ich“, „du“, „Welt“ bezeichnen führt uns nicht in ein beängstigendes
Vakuum wo sich alles auflöst, sondern ganz im Gegenteil zurück zu „unserer
wahren Heimat“, der Untrennbarkeit aller Lebensformen. Leerheit meint also Fülle
von umfassendem Beziehungsgeschehen ohne jede feste, bleibende Substanz.
So
kann die Unmittelbarkeit jeder Erfahrung, jeder Berührung durch Sehen, Hören,
Schmecken, Riechen, Körperempfindung und Objekte des Geistes zum Tor werden von
Angstfreiheit, jetzt.
Von Gier zu Grosszügigkeit
Traditionell
ist das Üben von Grosszügigkeit (Dana) der Beginn und Boden der buddhistischen
Praxis – Grosszügigkeit im Denken, Sprechen und Handeln. Wir westlichen
Menschen suchen oft erst mal Zugang zum Buddhismus über den Intellekt und über
das Interesse an der Meditationspraxis, doch bald einmal wird spürbar, dass es
ohne Hingabe, auch ganz alltäglicher Art, schwerlich Fortschritte auf dem Weg
geben kann.
Die
zwei Grundenergien, welche „das ewige weltliche Rad von Entstehen und
Vergehen“ aufrecht erhalten, sind aus buddhistischer Sicht Gier und Aversion
in all ihren Facetten. Grundlegend sind sie Ausdruck eines
Mangelgefühls, eines Nicht-in-Frieden-Seins mit dem, wie es jetzt gerade
ist, wie ich jetzt gerade bin. Und sie resultieren in einem Grundgefühl der
Isolation, eines Sich-abgetrennt-Fühlens, welches als individuelles wie
kollektives Phänomen mit all seinen Auswirkungen gerade unseren Zeitgeist
zutiefst auszeichnet.
Das
Üben von Grosszügigkeit steht Gier und Aversion konträr gegenüber. Denn der
Akt des Gebens lässt uns unmittelbar zurück finden zur Verbindung – sei es
zu einem selber (Aufmerksamkeit dem „ungeliebten Kind in uns“ etc.) wie zur
Mitwelt – Mitmenschen, Tieren, Pflanzen.
Manchmal
ist die bewusste Praxis von Geben und Groszügigkeit auch eine Strategie des
„so Tun als ob“, nämlich spätestens dann, wenn wir uns bewusst dafür
entscheiden müssen. Mein Lehrer Thich Nhat Hanh forderte uns manchmal auf:
„geh heute so durch den Tag, als seiest du eine erleuchtete Buddha“. Ein
spannendes Experiment!
Von Abspaltung zu Integration
Klärend
und befreiend für mich als Frau wie praktisch relevant in meiner Arbeit als
Therapeutin ist das buddhistische Verständnis dessen, was wir als Körper und
Geist bezeichnen. Durch die Praxis der Achtsamkeit wird zunehmend erfahrbar,
dass es sich dabei um Prozesse des Bewusstseins handelt, die in
unterschiedlichen Formen erlebbar werden. Somit gibt es per se keine Wertung
oder Hierarchie von „Körper“ und „Geist“.
In
der Übung der Achtsamkeit auf den Geist-Körper-Organismus besteht der erste
Schritt immer im Anerkennen was ist, ohne sich gleich einzumischen. Dies fordert
manchmal viel Mut und ist bereits ein Ausdruck von Respekt, die Wurzel
liebevoller Zuwendung.
Beim
zweiten Schritt benötigen wir das unterscheidende Bewusstsein. Auf allen Ebenen
der Manifestationen (5 Sinne, Emotionen, Kognition etc.) interessiert
letztendlich immer die Frage: was führt zu innerem und äusserem Unfrieden, was
zu wahrem Frieden und Glück?
So
richten wir den Geist und unser Handeln immer wieder aufs „Heilsame“ aus.
Heilsam ist das, was uns zu unserem Ganz-Sein zurück führt oder wie Thich Nhat
Hanh es ausdrückt: Inter-Sein.
Momente
der Freiheit, des Glücks sind zugleich Momente innerer Gelöstheit und Weite in
Geist und Körper. Ihre Ingredienzien sind Hingabe, Gleichmut, Mitgefühl,
letztlich alle Facetten der Liebe. So ist der Weg der Achtsamkeit immer auch ein
Weg des Sich-mit-sich-selbst-Anfreundens und der Versöhnung.
Von starken Emotionen zu Weisheit und Liebe
In der buddhistischen Psychologie
sprechen wir vom „Feld des Geistes“, welches bei allen Menschen aus den
gleichen 51 Grundbausteinen oder Geistfaktoren besteht (z.B. Gier, Hass, Liebe,
Mitgefühl, Neid, Gelassenheit etc.). Die Praxis der Achtsamkeit – angewendet
in traditionellen Meditationsformen wie im Alltag - gibt uns schonungslos
Einblick in alle Dimensionen unseres Geistes, geliebte wie ungeliebte.
Natürlich ist es bedeutsam, wie nun dieses Feld des Geistes beackert wurde und wird. Da liegt der Kern dessen, was wir Verantwortung nennen und wo es primär auf unsere Motivation ankommt, denn diese prägt den nächsten Moment und alle darauf folgenden.
Im Umgang mit starken Emotionen sprechen wir von drei Zugängen: der Enthaltsamkeit, der Transformation und der Weisheitsebene. Dabei ist eine ehrliche Einschätzung bezüglich unserer momentanen Kapazitäten entscheidend.
Wenn eine Herausforderung so stark ist, dass unser Geist sich in Rechthaberei, Anhaften etc. sehr stark verfängt, dann mag eine zeitliche und räumliche Periode der Distanzierung oder auch der bewussten Vermeidung des „auslösenden Objektes“ oder Umfeldes ratsam sein. Denn erst wenn eine gewisse Ruhe des Geistes da ist, können wir auch mit Interesse „den Stein des Anstosses“ untersuchen.
Zur transformativen Ebene stossen wir vor, wenn wir der schwierigen Emotion einen Aspekt der Liebe, des Verstehens zugesellen. So kann z.B. die Verachtung einem selber oder einer anderen Person gegenüber in Mitgefühl transformiert werden, indem wir mit wirklichem Interesse für die Hintergründe des Geschehens und der Erinnerung an den uns alle verbindenden Wunsch nach Leidensfreiheit praktizieren.
Der dritte Weg dann geht direkt „ins Herz der Dinge“. Aus der Erkenntnis, dass Leiden immer nur in unserem eigenen Geist stattfindet fragen wir nach der Essenz unserer Person, unserer Enttäuschung, unserer Schuldgefühle etc. und stellen fest, dass wir keine bleibende, substanzielle „Realität“ vorfinden können. Wenn die „Weisheitsebene“ aktiviert ist mündet diese – ebenso wie die anderen Vorgehensweisen – in verantwortungsvollem, wertschätzendem Denken und Handeln. Ohne Anstrengung kehren wir zurück zu unserer „wahren, ursprünglichen Natur“. Diese ist seit anfangsloser Zeit Weisheit, welche sich in der natürlichen Aktivität von Mitgefühl und Liebe offenbart:
Ob wir stehen oder gehen, sitzen oder liegen – solange wir wach sind bewahren wir diese liebende Achtsamkeit in unseren Herzen. Denn frei von falschen Ansichten, von Gier und sinnlichem Verlangen sind die, die grenzenlose Liebe praktizieren. Sie verwirklichen vollkommenes Verstehen und werden mit Gewissheit über Geburt und Tod hinaus gelangen.
Aus: Metta Sutta, traditioneller Rezitationstext über die
allumfassende Liebe.