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von Dharmacharya Marcel Geisser

 
Das Meister-Schüler-Verhältnis aus Zen-Geist Nr. 3 Oktober 98
Frage:
Ein Zen-Meister sagte einmal: "Wenn Du Dir einen wahren Meister suchst, dann suche Dir einen wahren Freund". Dieser Satz beinhaltet ja nicht nur Vertrauen und Hingabe, sondern sollte auch für den Schüler Kritik vom Meister einschliessen, um Hindernisse auf dem Weg überwinden zu können. Zunehmend merke ich, dass für die Vertiefung der Praxis ein Meister unerlässlich ist.
Wie siehst Du ein Meister-Schüler-Verhältnis?

Marcel: Das westliche Modell sieht sicherlich sehr anders aus als das in vielen Büchern beschriebene asiatische. Freundschaft ist hier im Westen sicherlich zentraler als das autoritäre Gefälle. In der traditionellen Ausbildung zum Novizen gibt es Regeln, die klar und deutlich alles untersagen, was in Richtung Kritik geht. Nicht nur in bezug zum Meister, sondern zu allen älteren Brüdern (Schwestern waren traditionell ja eh untergeordnet). Das verhindert natürlich, dass sich etwas ändern kann, denn gewisse Dinge dürfen dann nicht einmal angesprochen werden. Aber Kritik kann sehr konstruktiv sein, wenn die Art und Weise von beiden Seiten erlernt wird. Eine tiefe Meister-Schüler-Beziehung muss wie jede andere Beziehung wachsen und geht durch ähnliche Phasen: Begeisterung und Projektionen, Ernüchterung bis Enttäuschung, zurückkehren zur eigenen Person und Übernahme der eigenen Verantwortung und erst dann ein ungeahnter Bereich von Vertiefung.
Ein Meister/eine Meisterin sollte weder unser Geld, unsere Arbeitskraft, unsere Sexualität noch uns selber als Erweiterung des Ego (Macht) missbrauchen. Dennoch ist ein Meister immer nur ein Mensch mit seinen/ihren Unvollkommenheiten. Oder sie entziehen sich uns und bleiben Projektionsfiguren. Irgendwann stellt sich die simple Frage: kann bzw. will ich von einem Menschen lernen, der in anderen Lebensbereichen unvollkommen ist? Oder sage ich “tschüss”, wenn ich ihn oder sie besser kenne, weil ich mit der Unvollkommenheit der Menschen einfach nicht zurecht komme. So gesehen ergeben sich sehr viele Parallelen zu einer länger dauernden Liebesbeziehung oder Freundschaft.
Im Aufbau der neuen Sati-Zen-Sangha sind für uns diese Fragen von zentraler Bedeutung. Auch religiöse Institutionen sind wie alle anderen Einrichtungen anfällig für alle Formen der Ausbeutung und Machterhaltung. Manche davon sind eher subtil und laufen unter gut angebrachten Erklärungen. Als westlicher Mensch habe ich im positiven Fall gelernt zu fragen und zu hinterfragen.
So können wir z.B. nicht jede Arbeit für die Gemeinschaft gleich als Ausbeutung bezeichnen. Zudem ist handfeste Arbeit auch ein Teil konkreter Praxis. Geben und Nehmen müssen aber übereinstimmen. Im Zweifelsfall schleppe ich dann als Dharmalehrer lieber selbst das Brennholz an, nicht zuletzt auch für meine eigene geistige Gesundheit. Auch ein Meditationslehrer kann sein Zimmer und seine Toilette selber putzen. Zen-Meister Pai-chang liess sich sein Gartenwerkzeug bis ins höchste Alter nicht nehmen!

Es ist wirklich eindrücklich, wie wir uns einerseits seit mehr als zwei Jahrhunderten von autoritären Machtstrukturen zu befreien suchen, andererseits in religiösen Belangen bereit sind, unsere Selbständigkeit sogleich wieder aufzugeben in der Hoffnung, dadurch das Heil zu erlangen. Hat nicht Buddha selbst seine Schülerinnen und Schüler immer wieder darauf hingewiesen, selber die Dinge zu untersuchen und zu prüfen und nicht blindlings einer Autorität zu folgen?