Kleine Übersicht über Philosophie und Praxis einiger buddhistischer Schulen
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Zitierweise / cite as: Schiekel, M.B. <1950- >: Kleine Übersicht über Philosophie und Praxis einiger buddhistischer Schulen. -- URL: http://www.mb-schiekel.de/phil2.htm , bzw. gespiegelt auf http://www.haustao.ch/n1/phil2.htm . -- [Stichwort]. Erstveröffentlichung: 30.03.1996. Überarbeitungen: siehe Versions-Historie.
©opyright: 1996-2007, M.B. Schiekel,
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0. Vorwort und Danksagung |
Gesang von Meister Liêu QuánWährend der siebzig oder mehr Jahre, Die ich in dieser Welt gelebt habe, Sind Form und Leerheit immer dasselbe gewesen. Heute, nachdem alle Gelübde erfüllt sind, Kehre ich in mein Zuhause zurück. Quält euch nicht mit Fragen Über Schulen und Patriarchen. Die große Weite der Wirklichkeit Ist der reine Ozean der wahren Natur. Die Quelle des Geistes Hat alles durchdrungen. Aus dem Boden der Tugend Entspringt die Tradition des Mitgefühls. Vinaya, Samadhi und Prajna - Die Natur und das Wirken der drei ist eins. Die Frucht der transzendenten Weisheit Kann im wunderbaren Zusammensein verwirklicht werden. Bewahrt die wunderbare Grundwahrheit und reicht sie weiter, Damit die wahre Lehre bekannt werde! Damit wahre Leerheit verwirklicht werden kann, Müssen Weisheit und Tun zusammen entstehen.
Abschiedsgedicht von Liêu Quán
(1670-1742),
Buddha-Mönch und Zen-Meister aus Vietnam. Übersetzung Irene Knauf, InterSein 11/1997, mit freundlicher Genehmigung von Irene Knauf und der Zeitschrift InterSein. |
VorwortDie Lehren des Buddha und seiner Schüler und Schülerinnen in den letzten 2500 Jahren sind den Bäumen, Blumen und blühenden Büschen in einem großen, lebendigen Garten vergleichbar. Ein unvertrauter Beobachter mag sich ob der Vielfalt und Buntheit vielleicht sogar eher an einen Dschungel erinnert fühlen. Da wachsen nun auch mancherlei Früchte, süße und nahrhafte, bittere und gesunde, aber auch unbekömmliche und giftige. Nur eine achtsame, geduldige Untersuchung und Erforschung, oder wie der Buddha selbst es ausdrückt, Hören, Lesen, eigenes kritisches Nachdenken, Prüfen und Kontemplieren, vermögen uns vor Schaden zu bewahren und unser Glück und das Glück anderer Wesen zu ermöglichen.
Hilfreich ist es auch, sich immer wieder an die erste der vierzehn Richtlinien
des von dem vietnamesischen Zen-Meister Thich Nhat Hanh inspirierten Ordens
InterSein zu erinnern: Doch sollten wir über dem Erforschen der Lehre und der Wirklichkeit dann nicht den allerwichtigsten Schritt versäumen, die Umsetzung des als heilsam Erkannten in unser alltägliches Leben - das Herz des Buddha ist die Praxis, die dreifache Übung in Ethik (sîla), Sammlung des Geistes (samâdhi) und Einsicht (prajñâ). Es mag es uns dabei helfen, die von Stephen Levine in seinem Buch "Sein lassen - Heilung im Leben und Sterben" zitierte Geschichte jenes intelligenten jungen Mannes nicht zu vergessen, der glaubte, alles aus Büchern lernen zu können. Er las viel über die Sterne und wurde ein Astronom. Er las viel über Geschichte und wurde ein Historiker. Er las viel über das Schwimmen und - ertrank. Diese Kleine Übersicht über Philosophie und Praxis einiger buddhistischer Schulen habe ich zusammengestellt, obwohl ich über kein umfassendes Wissen in buddhistischer Philosophie und keine tiefgründige Erfahrung in buddhistischer Praxis verfüge. Dennoch war es mein Wunsch, ein wenig mehr Klarheit in meinem eigenen Geist zu erlangen und vielleicht auch der einen Leserin oder dem anderen Leser ein wenig bei den ersten Schritten einer Erforschung der so vielfältigen buddhistischen Gedankenwelt zu helfen. Wer weiterlesen möchte, der mag sich vielleicht durch die folgende kleine Bücherauswahl inspirieren lassen:
Zwangsläufig spiegelt die hier vorgelegte Darstellung in Auswahl und Wertung auch eine ganz persönliche und subjektive Sichtweise wider. Für die Einseitigkeiten, Unvollkommenheiten, möglicherweise auch Fehler, möchte ich mich aufrichtig entschuldigen. Danksagung
Für diese kleine Übersicht habe ich mich fast ausschließlich
auf die in der Literaturangabe am Schluß aufgeführten Werke der
Sekundärliteratur gestützt, insbesondere auf das Lexikon der
östlichen Weisheitslehren.
Ich bedanke mich bei Irene Knauf und der Zeitschrift InterSein für die
Erlaubnis, den Gesang von Meister Liêu Quán hier wiedergeben
zu dürfen, und ich danke ganz herzlich für ihr Interesse und die
zahlreichen wertvollen Hinweise: Hinweise und Anregungen an die oben genannte Email-Adresse sind willkommen. Mögen Segen und Glück entstehen und zunehmen.Versions-Historie
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1. Buddha (563 - 483 v.u.Z.)
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2. Frühbuddhistische SchulenNach dem Tod des Buddha (483 v.u.Z.) kam es innerhalb der nächsten vierhundert Jahre zu vielfach unterschiedlichen Interpretationen der Lehre und zahlreichen Ordensspaltungen. Die klassischen Schriften zählen 18 verschiedene Schulen, manche moderne Historiker bis zu 40 Schulen. Im folgenden seien einige der wichtigsten kurz aufgeführt. Die frühbuddhistischen Schulen wurden oft Hînayâna-Schulen genannt; da jedoch das Wort Hînayâna (kleines Fahrzeug) eine abschätzige und herabsetzende Bewertung ausdrückt (hîna = minderwertig, fehlerhaft), sollte auf die Verwendung dieses Begriffes besser verzichtet werden. 2.1. Theravâda-Schule = Sthaviravâda (skrt.)Auf dem 2. Konzil in Vaishâlî (383 v.u.Z. - nach Meinung der Theravâda-Schule), bzw. auf dem 3. Konzil in Pâtaliputra (zwischen 383 und 283 v.u.Z. - nach Auffassung der Mahâsânghika-Schule) spaltete sich die Urgemeinde in die Theravâda-Schule und die Mahâsânghika-Schule. Das scholastische Theravâda begann ab dem 3.Jh. v.u.Z. die philosophischen und psychologischen Analysen und Lehren des Buddha systematisch zu ordnen - so entstand das Abhidhamma. Dieses Theravâda-Abhidhamma erhielt seine endgültige Form durch Buddhaghosha (5.Jh.). Unter anderem wird im Abhidhamma die sogenannte Dhamma-Theorie entwickelt: d.h. die fünf Gruppen (khandha) werden weiter unterteilt in 75 elementare, d.h. unteilbare dhamma (später bis zu 174), ähnlich der alten Vorstellung von den Atomen, und zwar in nichtbedingte dhamma (einzig nibbâna) und bedingte dhamma (der ganze Rest). Die bedingten dhamma werden kurzlebig gesehen - Leben ist so ein einziges Aufflackern, Gruppieren, Erlöschen von bedingten dhamma. Die bedingten dhamma bilden die Wirklichkeit - dahinter ist kein wahres Sein, kein Absolutes. Jedoch bekommt jetzt der Begriff des nibbâna als nichtbedingtes dhamma anstelle der ursprünglichen Bedeutung des Verlöschens der Lebensgier ansatzweise eine neue ontologische Bedeutung, die dann später im Mahâyâna zu einem transzendenten Absoluten weiterentwickelt wird. 2.2. Mahâsânghika-SchuleGegenüber dem Theravâda abweichende Ansichten über den Heiligen (arahat), über den Buddha, über das Nicht-Selbst (anattâ), über den zur Befreiung führenden Weg:
2.3. Pudgalavâda-Schule = VâtsîputrîyavâdaDiese Schule hat sich um 240 v.u.Z. (d.h. zur Zeit von König Ashoka) vom Theravâda abgespalten. Sie lehrt, daß es im Menschen eine Person (pudgala) gibt, die der Träger der Wiedergeburten ist. Diese Schule war eine der größten ihrer Zeit, wurde jedoch von allen anderen buddhistischen Schulen abgelehnt, die im pudgala ein âtman, ein Selbst mit anderem Namen sahen. 2.4. Sarvâstivâda-Schule = Vaibhâshikavâda = Pi-tan (chin.)Diese Schule hat sich ebenfalls etwa um 240 v.u.Z. (d.h. zur Zeit von König Ashoka) vom Theravâda abgespalten. Sie verfügte über eine eigene Version des Abhidhamma. Dieses Sarvâstivâda-Abhidhamma erhielt seine endgültige Form im Abhidharmakosha durch Vasubandhu (5.Jh.). Die Sarvâstivâdins erklärten deutlicher als die Theravâdins, daß eine Seele "nicht existiert" und nicht nur "nicht zu finden" ist. Sie bauten die Dhamma-Theorie weiter aus - so gibt es bei ihnen drei nichtbedingte dhamma (Raum, statisches nibbâna, aktives nibbâna), die restlichen 72 bedingten dhamma existieren latent schon seit jeher, manifest aber nur kurzlebig wie bei den Theravâdins, verlöschen dann jedoch nicht, sondern wechseln ihren Zustand erneut von manifest in latent und so fort - d.h. alle dhamma sind "immer existent", also "Alles ist" (sarvam asti). Die Theravâdins sehen in Buddha einen Menschen, die Mahâsânghikas einen Übermenschen und die Sarvâstivâdins sehen in ihm ein transzendentes (ein himmlisches) Wesen. Zur Harmonisierung führten sie das System der Drei-Leiber-Lehre (trikâya) ein, welches dann später im Mahâyâna weiter entwickelt wurde. 2.5. Kosha-Schule = Chü-she (chin.) = Kusha (jap.)Diese Schule des chinesischen Buddhismus stützte sich hauptsächlich auf das Abhidharmakosha von Vasubandhu. Man könnte sie daher mit Recht als die chinesische Sarvâstivâda-Schule bezeichnen. Jedoch galt und gilt das Abhidharmakosha als das grundlegende Werk und die höchste Autorität auch in nahezu allen anderen buddhistischen Schulen Chinas. Aus diesem Grund ging die Kosha-Schule im 8.Jh. in den anderen chinesischen Mahâyâna-Schulen auf, insbesondere in der chinesischen Yogâchâra-Schule, der Fa-hsiang-Schule. 2.6. Sautrântikavâda-SchuleDiese Schule spaltete sich etwa um 150 v.u.Z. von der Sarvâstivâda-Schule ab. Die Sautrântikas lehnen das Abhidhamma und speziell die Sarvâstivâdin-Theorie des "Alles ist" ab und stützen sich nur auf die Sûtren. Sie betonen am stärksten von allen buddhistischen Schulen die Momenthaftigkeit aller dhamma, welche nur durch die zeitliche Dichte die Illusion von Dauer vermitteln. Sie erklären, daß sich beim Tod die vier khandha in das Bewußtsein auflösen, welches von Existenz zu Existenz fortbesteht und sich erst im parinibbâna des Erleuchteten restlos auflöst. 2.7. Satyasiddhi-Schule = Cheng-shih (chin.) = Songsil-lon (kor.) = Jôjitsu (jap.)Diese Schule basiert auf der Sichtweise der Sautrântika-Schule und beruft sich dabei nur auf die Sûtren des Buddha. Der Mönch und Gelehrte Harivarman (4.Jh.) studierte zunächst in der Sarvâstivâda-Schule, dann in der Mahâsângika-Schule, wo sein Werk Satyasiddhi entstand, das zur Basis dieser Schule wurde. Er verneint jegliche wahre Existenz (weder Materie noch Geist sind wirklich), lehrt eine zweifache Wahrheit, nämlich konventionelle und höchste Wahrheit. Auf der konventionellen Ebene existieren die fluktuierenden Dharmas rein phänomenal, auf der höchsten Ebene sind sie leer (shûnya) - dabei wird jedes Objekt in seine Moleküle, dann in seine Atome usw. zerlegt, bis man zur Leere gelangt. Dies ist nicht die transzendente (synthetische) Leerheit der Mahâyâna-Schulen. Das Werk Satyasiddhi wurde zu Anfang des 5. Jahrhundert von Kumârajîva (344-413) ins Chinesische übertragen. Die Cheng-shih-Schule war vor allem im China des 5./6. Jahrhundert eine der bedeutendsten buddhistischen Schulen. Auf Grund der Angriffe der San-lun-Schule schwand schließlich ihr Einfluß. Im 7. Jahrhundert wurde sie von einem koreanischen Mönch nach Japan gebracht. |
3. Mahâyâna-SchulenDie Mahâyâna-Schulen sind hervorgegangen aus den frühbuddhistischen Schulen Mahâsânghika und Sarvâstivâda. Grundsätzliche Unterschiede in der Sichtweise zu den frühbuddhistischen Schulen sind: Das Mahâyâna vertritt einen ontologischen Idealismus - es hält das Leiden und Samsâra nur für einen Schein und behauptet unter vielerlei Bezeichnungen ein wahres Sein, ein "Absolutes", hinter den Dingen. Autoritative Texte sind die zwischen den 1.Jh. v.u.Z. und dem 6.Jh. in Sanskrit entstandenen Mahâyâna-Sûtren, die dem Buddha in den Mund gelegt werden. Gautama Buddha wird als eine Projektion dieses Absoluten in einen irdischen Scheinleib gesehen. Eine Weitergabe der karmischen Verdienste wird als möglich angesehen, wodurch das strikte Karma-Gesetz aufgehoben wird und fremde Hilfe durch menschliche und transzendente Bodhisattvas auf dem Erleuchtungsweg möglich wird. Daher wird für den Erlösungsweg ein Bodhisattva-Leben, um alle Wesen zur Erleuchtung zu führen, als bedeutsamer angesehen, als nur möglichst rasch die eigene Erleuchtung verwirklichen zu wollen. Erlösung ist nicht wie in den frühbuddhistischen Schulen die restlose Auslöschung von Verlangen und Lebensdurst, sondern die Schau der Identität des eigenen Wesens mit dem Absoluten, die Schau des schon seit jeher Erlöst-Seins. (Das Erlöschen von Verlangen und Lebensdurst stellen sich hier als das Resultat dieser Wesensschau, bzw. als ein Kriterium der tatsächlichen Verwirklichung dar.) 3.1. Mâdhyamaka-Schule = Shûnyatâvâda = San-lun (chin.) = Samnon (kor.) = Sanron ( jap.)Die Mâdhyamaka-Schule stützt sich auf die Prajñâpâramitâ-Sûtren (Entstehungs-beginn im 1.Jh. v.u.Z.) und das Saddharmapundarîka-Sûtra. Als eigentlicher Gründer der Mâdhyamaka-Schule gilt Nâgârjuna (2.Jh.). Von ihm und seinem Schüler Âryadeva sind zahlreiche Lehrbücher (Shâstras) erhalten. Diese Mâdhyamaka-Lehre kann sehr heilsam wirken, kann aber auch sehr gefährlich sein, wenn sie nicht wirklich begriffen wird - daher sollte sinnvollerweise das Ablegen der Bodhisattva-Gelübde und eine intensive Schulung auf dem Weg der pâramitâs (speziell der ersten fünf: Geben, Ethik, Geduld, beständiges Bemühen, Meditation) der eigentlichen Übung der prajñâpâramitâ (pâramitâ der Weisheit) vorausgehen. Während der Buddha es ablehnte, ontologische Fragen zu diskutieren, weil diese nach seinem Verstehen nicht zur Leidbefreiung führen, ist es Nâgârjunas Ansatz, jede Aussage über Sein, Nichtsein, Objekt, Subjekt, Samsâra, Nirvâna, usw. logisch zu widerlegen, um so zum Nicht-Anhaften, d.h. zur Leidbefreiung zu gelangen. Nâgârjunas Widerlegungstechnik basiert auf der antiken indischen Logik (Tetralemma), welche vier verschiedene mögliche Aussagen kannte:
Unter einer Aussage A ist hierbei die Behauptung einer
unabhängigen Existenz irgendeines Dinges (dharmas) gemeint.
Nâgârjuna versucht nun, diese vier möglichen Aussagen zu
widerlegen. Einzelne Widerlegungen halten einer modernen wissenschaftlichen
Prüfung, zumindest aus westlicher Sichtweise, nicht immer stand.
Gelegentlich wird z.B. folgendermaßen argumentiert (siehe
Mûlamadhyamaka-Kârikâs 3.2):
Wiewohl mit westlichen Augen so nicht mehr haltbar, wird diese
Widerlegungstechnik doch auch heute noch in den tibetischen Schulen mit
großer Hingabe geübt. Die bei Nâgârjuna aber hinter
der formalen Logik stehende Grundidee, daß nämlich kein
widerspruchsfreies Denken und Reden, keine widerspruchsfreie Welterkenntnis,
keine absolute Wahrheit möglich sei, ist heute gleichermaßen richtig
und aktuell: es sei auf das berühmte mathematische Theorem von Gödel
und seine Folgerungen verwiesen (siehe z.B. Roger Penrose, 1991). Nach Nâgârjuna gibt es zwei Wahrheiten:
Nâgârjuna nun sieht alle Dinge (dharmas) und auch die zwei Wahrheiten
selbst als leer, leer von einem unabhängigen Selbst oder Sein, leer
von einer unabhängigen Wahrheit, d.h. alle dharmas sind abhängiges
Entstehen. Die Verbindung von tiefer Einsicht in die Widersprüchlichkeit allen Denkens und Redens zusammen mit einem klaren Verstehen der Leerheit aller Dinge führt zur Streitlosigkeit, zur Loslösung von allem Anhaften, und d.h. zur Leidbefreiung. Diese Loslösung muß schlußendlich selbst von der Mâdhyamaka-Lehre erfolgen, denn: "Die Lehre ist zum Entrinnen tauglich, nicht zum Festhalten". Dies nun ist die Verwirklichung der prajñâpâramitâ, die Vollkommenheit des Verstehens. Da die Leerheit aller dharmas universell ist und das Erwachen zu dieser Einsicht endgültige Befreiung darstellt, wird Leerheit im Mâdhyamaka auch als ein Absolutes, als dharmakâya, bezeichnet. 3.1.1. Prâsangika-Mâdhyamaka-SchuleNach Âryadeva war der nächste bedeutende Mâdhyamika-Gelehrte Buddhapâlita im 5.Jh. - er versuchte die Behauptungen anderer Schulen und deren unerwünschte Folgerungen (prasanga) deduktiv zu widerlegen. Chandrakîrti im 8.Jh. versuchte die Lehren Nâgârjunas und Buddhapâlitas in ihrer ursprünglichen Form zu erhalten und zu erneuern - speziell in der Auseinandersetzung mit Bhâvaviveka (siehe unten). 3.1.2. Svatantrika-Mâdhyamaka-SchuleNachdem der Yogâchâra-Gelehrte Dignâga (ca. 480-540) die Logik wesentlich weiter entwickelt hatte, benützte auch der Mâdhyamika-Gelehrte Bhâvaviveka (ca. 490-570) diese Logik der richtigen Schlüsse (svatantrika) und integrierte Teile des Yogâchâra (aus Psychologie und Erlösungslehre). Im Gegensatz zum Yogâchâra sah er das Bewußtsein jedoch als Teil der Erscheinungswelt. Bhâvaviveka wurde von anderen Mâdhyamikas, speziell von Chandrakîrti (8.Jh.) heftig kritisiert: Ein Mâdhyamika stellt keine Thesen auf. Während der ersten Ausbreitung des Buddhismus in Tibet erlangte eine von Shântirakshita und seinem Schüler Kamalashîla (8.Jh.) vertretene Svatantrika-Mâdhyamaka-Yogâchâra Synthese in Tibet Geltung als Staatsdoktrin. Bei der zweiten Ausbreitung des Buddhismus in Tibet im 11.Jh. setzte sich die Prâsangika-Mâdhyamaka-Schule des Chandrakîrti durch. 3.1.3. Sechs Häuser und Sieben Schulen = Liu-chia chi (chin.)Verschiedene prajñâpâramitâ-Schulen in der Frühphase des chinesischen Buddhismus (4.Jh.) knüpften an eine Erneuerungsbewegung des Taoismus (Neotaoismus, Hsüan-hsüeh-Bewegung, Studium des Verborgenen) an und interpretierten indisch-buddhistische Begriffe mit Hilfe taoistischer Bilder - z.B. Leerheit (shûnyatâ) durch Wu (Nicht-Sein, Leere), Weg (magga) und Ziel (nirvâna) durch Tao. 3.1.4. San-lun-Schule (chin.) = Samnon (kor.) = Sanron (jap.)Zusätzlich zu den Lehren der indischen Mâdhyamaka-Schule wurde von der chinesischen Mâdhyamaka-Schule noch die Lehre von den zwei Wegen und den drei Zeitperioden in Buddhas Lehrtätigkeit vertreten. Die zwei Wege, die der Buddha gelehrt hat, sind einerseits der Weg der Shrâvakas (Hörer) und Pratyeka-Buddhas (Einsam-Erwachten) sowie andererseits der Weg der Bodhisattvas. Die drei Perioden in Buddhas Lehrtätigkeit sind:
3.2. Tien-tai-Schule (chin.) = Chontae (kor.) = Tendai (jap.)Diese chinesische Schule erhielt im 6.Jh. durch Chih-i (Chih-che, jap. Chisha, 538-597) ihre eigentliche Gestalt, obgleich Chih-i bereits als der vierte Patriarch dieser Schule gilt. Als ersten Patriarchen bezieht sich die Tien-tai-Schule auf Nâgârjuna. Der Name Tien-tai (himmlische Plattform) war der Name des Berges, auf den sich Chih-i zurückgezogen hatte und wo er bis zu seinem Tode lehrte. Das zentrale Sûtra dieser Schule ist das Saddharmapundarîka-Sûtra (Lotos-Sûtra), so daß man auch von der Lotos-Schule spricht. In ihrer Lehre betont die Tien-tai-Schule die Totalität allen Seins und legt diese anhand der drei Wahrheiten dar:
Die Meditationspraxis war hauptsächlich auf die Shamatha-Vipashyanâ Methode (chin. Chih-kuan, jap. Shikan) ausgerichtet. Die Bücher Tung-meng chih-kuan (Shamatha-Vipashyanâ für Anfänger) und Mo-ho chih-kuan (Großes Shamatha-Vipashyanâ), beide von Chih-i, zählten in China zu den meistgelesenen Werken über Meditation. Chih-i hat, wie kein anderer vor ihm, versucht, alle buddhistischen Lehren zu systematisieren, ihre Einseitigkeiten und Extreme zu überwinden und all diese vielfältigen Lehren harmonisch zu integrieren - dieses umfassende Programm trägt den Namen: die Fünf Perioden und die Acht Lehren des Buddha. Die fünf Perioden in Buddhas Lehrtätigkeit sind:
Ein Kapitel im Lotos-Sûtra ist dem Bodhisattva Avalokiteshvara (Der die Schreie der Welt hört / erhört) gewidmet. Der Buddha selbst wird nicht als historische Person aufgefaßt, sondern als Manifestation der Dharmakâya. Zwar, sagt Chih-i, hat der Buddha all diese Lehren im allgemeinen in dieser zeitlichen Reihenfolge gelehrt, dennoch kann man auch sagen, daß er sie alle gleichzeitig gelehrt hat, indem er sich von Fall zu Fall auf die Bedürfnisse und Qualitäten der Schüler eingestellt hat - daher kann man auch eine methodische Klassifizierung vornehmen, nämlich in die Acht Lehren: Plötzliche Methode, allmähliche Methode, geheime Methode, unbestimmte Methode, Shrâvaka- und Pratyeka-Buddha-Lehren, allgemeine Lehren, Bodhisattva-Lehren, runde Lehren (Buddhâvatamsaka-Sûtra und besonders das Lotos-Sûtra). 3.3. Nichiren-SchuleDiese Schule wurde in Japan im 13.Jh. von Nichiren (1222-1282), einem ehemaligen Mönch der Tendai-Schule gegründet und trägt auch den Namen Neue Lotos Schule. Er sah die Lehren des Lotos-Sûtra als den einzigen Weg zur Erleuchtung an, vertrat als Meditationspraxis allein das Rezitieren der Formel Namu Myôhô Renge-kyô (Verehrung dem Sûtra des Lotos des guten Gesetzes), griff alle anderen buddhistischen Schulen und die sie unterstützenden Herrscher heftigst an: "Jôdo-shû ist die Hölle, Ritsu ist Hochverrat, Shingon ist nationaler Ruin, Zen ist Ausdruck teuflischer Mächte", etc. Nichiren wollte in Japan auf der Basis seiner Lehren ein irdisches Buddha-Reich errichten, das sich von dort aus dann über die ganze Welt verbreiten sollte - daher ist bei ihm sozialpolitisches Engagement untrennbar mit fundamentalistischer Radikalität und japanischem Chauvinismus verknüpft. Sein Ziel, Kosen-rufu, d.h. Frieden und Glück für die ganze Menschheit durch den Wahren Buddhismus rechtfertigt für ihn den Gebrauch jeglicher Mittel: Verteidiger des Wahren Gesetzes brauchen die fünf grundlegenden ethischen Gelübde nicht zu befolgen und müssen die Regeln für rechtes Verhalten nicht beachten. Statt dessen sollten sie Messer und Schwerter, Bogen und Pfeile tragen. (ursprünglich ein Zitat aus dem Nirvâna Sutra). Sein kompromißloses sektiererisches Auftreten führte zunächst zum Ausschluß aus seinem Kloster und später zu politischen Verurteilungen. Im 20.Jh. entstanden in Japan auf dieser Basis eine Reihe neuer Schulen: Nichiren-shôshû anerkennt als autoritativ nur die Schriften Nichirens als des Buddha der Endzeit und wird von einer kleinen Priesterschaft geleitet. Sôka Gakkai war zunächst die Laien-Bewegung von Nichiren-shôshû, bis es 1990 aufgrund eines Machtkampfes zwischen Sôka Gakkai Präsident Ikeda und der Priesterschaft von Nichiren-shôshû zum Bruch kam. Sôka Gakkai ist eine Massenbewegung (weltweit 20 Millionen Mitglieder, davon 16 Millionen in Japan) mit äußerst aktiver Mitgliederwerbung. Das Ziel ist: ein Drittel jeder Gesellschaft sollten Mitglieder von Sôka Gakkai sein, ein weiteres Drittel der Bewegung positiv gegenüberstehen, so daß Sôka Gakkai wirkungsvoll die Politik kontrollieren kann. Auf religiöser Ebene wird wie bei Nichiren-shôshû die Verehrung Nichirens und des Lotus-Sûtra betont, sowie das Rezitieren der Formel Namu Myôhô Renge-kyô (durchaus auch mit der Absicht zur Erfüllung beliebiger weltlicher Wünsche). Sôka Gakkai verfügt über eine eigene Presse, Schulen, Universitäten, soziale Einrichtungen und hat eine eigene politische Partei mit dem Namen Komeito gegründet, die sich gegen Korruption und für eine Wahre Buddhistische (d.h. Nichiren-buddhistische) Demokratie engagiert. Risshô Koseikai ist eine buddhistische Volksbewegung, die die ursprüngliche Buddha-Lehre mit Nichirens Lehre zu verbinden sucht und auch in der Sozialhilfe und Erziehung tätig ist. Nipponzan Myôhôji wurde von Fujii Nichidatsu gegründet, der sich von den anderen Nichiren-Schulen trennte, um gemäß einer Prophezeiung von Nichiren den Buddhismus auf Wanderungen durch ganz Asien zu verbreiten. Im 2. Weltkrieg wurde Fujii zum radikalen Pazifisten, so daß der Schwerpunkt der Schule heute neben der Verehrung des Lotos-Sûtra und der Errichtung von Friedens-Pagoden insbesondere in der Durchführung weltweiter Friedensmärsche besteht. 3.4. Yogâchâra-Schule = Vijñânavâda = Cittamâtra = Fa-hsiang (chin.) = Hossô (jap.)Die Yogâchâra-Schule vertritt einen absoluten Idealismus: Die Welt ist ausschließlich Geist (citta), daher auch der Name Cittamâtra-Schule (= Nur-Geist-Schule). Diese Schule stützt sich auf das Lankâvatâra-Sûtra, das Ratnagotravibhaga, das Buddhâvatamsaka-Sûtra und das Sandhinirmocana-Sûtra. Als Gründer gelten Saramati im 3.Jh., Maitreya(nâtha) im 3./4.Jh., sein Schüler Asanga und dessen Bruder Vasubandhu im 4./5.Jh. Von Asanga, der mehr Wert auf das Praktizieren des Dharma legte, stammt der Name Yogâchâra (Wandel im Yoga, wobei Yoga hier allgemein für meditative Praxis steht). Von Vasubandhu, der mehr die Philosophie betonte, stammt der Name Vijñânavâda (Bewußtseins-Schule). Alle Dinge (dharmas) bestehen nur als Erkenntnisvorgänge. Es gibt keine (unabhängigen) Objekte der Außenwelt, es gibt kein (unabhängiges) erkennendes Subjekt, es gibt nur eine Imagination, einen Traum im reinen Geist, im absoluten Grundbewußtsein. Dieses Grundbewußtsein heißt auch Speicherbewußtsein (âlaya-vijñâna), da in ihm alle früheren Eindrücke in Form von Samen (bîja) gespeichert sind. Karma ist der Prozeß des Wachsens und Reifens dieser Samen. Wenn diese Samen in das Individual- oder Denkbewußtsein (manovijñâna) aufsteigen und dort interagieren, so entsteht dort die Täuschung einer realen Existenz von Ich und Dingen.
Die Natur aller Phänomene ist zunächst einmal: imaginiert und abhängig.
Doch zugleich sind alle Phänomene vollkommen und rein, da sie in ihrem
Wahren Wesen eins mit dem absoluten Grundbewußtsein sind, für
welches die Worte Leerheit (shûnyatâ), oder Nicht-Dualität
(advaya), oder Soheit (tathatâ), oder Buddha-Natur (tathâgatagarbha)
nur Hinweise sein können. Asanga entwickelte die volle Drei-Körper-Lehre (trikâya):
Der Weg zur Befreiung wird in vier Stufen gegliedert:
3.4.1. Fa-hsiang-Schule = Hossô (jap.)Die chinesische Fa-hsiang-Schule geht auf die Arbeiten von Hsüan-tsang (596-664) und seiner Schüler zurück. Hsüan-tsang reiste nach Indien, studierte dort lange den Buddhismus und kehrte schließlich mit einer Bibliothek von 657 buddhistischen Texten nach China zurück, von denen er mit seinen Schülern 75 ins Chinesische übersetzte. In Bezug auf die Buddhanatur schloß sich Hsüan-tsang, im Gegensatz zu anderen chinesischen Mahâyâna-Schulen, der Ansicht von Dharmapâla (6.Jh., ein Schüler des Logikers und Yogâchâra-Gelehrten Dignâga) an, daß nicht alle Wesen die Buddha-Natur besitzen; so etwa nicht ein Ichchantika, ein Mensch, der alle heilsamen Wurzeln in sich abgeschnitten und keinen Wunsch nach Erlangung der Buddhaschaft hat. 3.4.2. Ti-lun-SchuleDer Grundtext dieser frühen chinesischen Yogâchâra-Schule (6.Jh.) war vor allem das Shih-ti-ching-lun (eine Übersetzung von Vasubandhus Da abhûmivyâkhyâna, einem Kommentar zum Da abhûmikasûtra), das besonders den Stufenweg der Bodhisattvas zur Erleuchtung betont. Darüber hinaus stand vor allem die Lehre vom Speicherbewußtsein im Mittelpunkt des Interesses, wobei sich zwei verschiedene Sichtweisen entwickelten. Die nördliche Ti-lun-Schule hielt das Speicherbewußtsein für ebenso unwirklich, wie alle anderen Dinge (dharmas) und getrennt vom Absoluten (Soheit) und die Buddha-Natur nicht für angeboren, sondern für erlangt im Moment der Erleuchtung. Diese Schule ging später in die Fa-hsiang-Schule auf. Die südliche Ti-lun-Schule hielt das Speicherbewußtsein für identisch mit dem Absoluten (Soheit) und die Buddha-Natur für angeboren. Aus dieser Schule entwickelte sich die Hua-yen-Schule. 3.5. Nirvâna-Schule = Nieh-pan (chin.)Diese Schulrichtung wurde in China zu Beginn des 5.Jh. von Tao-sheng (355-434) begründet und stützte sich hauptsächlich auf das Mahâparinirvâna-Sûtra. In diesem Sûtra wird die Lehre von der Buddha-Natur (tathâgatagarbha) vertreten, daß nämlich alle Wesen Buddha-Natur bereits besitzen. Daher weist Tao-sheng auch die These der Fa-hsiang-Schule von den absolut unerlösbaren Wesen, die alle heilsamen Wurzeln in sich abgeschnitten haben (den Ichchantikas) zurück. Das Mahâparinirvâna-Sûtra beschreibt Nirvâna als einen freudvollen, reinen und ewigen Zustand. Daraus schließt Tao-sheng, daß es keinen Stufenweg zur Befreiung geben kann, denn ein einfaches mehr und mehr Verstehen kann ja nie zu allumfassendem Verstehen führen - also ist echte Befreiung nur durch unmittelbares Erwachen zur Buddha-Natur (tun-wu) möglich. Ganz ähnliche Gedanken finden sich später in der tibetischen Jonang-Schule. Da diese Sichtweise im Gegensatz zum Verständnis der Prajñâpâramitâ-Sûtren steht, wurde sie weithin abgelehnt. Tao-sheng versuchte diese verschieden Sichtweisen zu versöhnen und eine Synthese zwischen diesen beiden Sûtren zu schaffen, indem er lehrte, daß Weg, Ziel, Leerheit, Buddha-Natur, Samsâra und Nirvâna nur verschiedene Namen für diese eine, unteilbare Wirklichkeit sind. 3.6. Hua-Yen-Schule (chin.) = Avatamsaka (skrt.) = Kegon (jap.)Die Hua-yen Schule trägt ihren Namen vom Buddhâvatamsaka-Sûtra und wurde von Fa-tsang (643-712) begründet. Sie lehrt die Totalität allen Seins, d.h.:
Die Hua-yen-Schule versucht eine Integration aller Lehren des Buddha, ähnlich der Tien-tai-Schule, indem sie die gesamten buddhistischen Lehren in fünf Gruppen einteilt:
3.7. Chan-, Son-, Thiên- und Zen-Schulen3.7.1. Thiên-SchuleDie vietnamesische Thiên-Tradition (chin. Chan, jap. Zen) beginnt bereits im 3.Jh. (und damit etwa 300 Jahre vor Bodhidharmas Wirken in China) mit dem Dhyâna-Meister Tang Hôi. Die große Wertschätzung der Thiên-Schule für eine Sythese von Theravâda und Mahâyâna geht auf Tang Hôi zurück, der die Sûtren dieser beiden großen Traditionen übersetzte und lehrte. Im Jahr 255 reiste er nach Nanking in Südchina weiter und lehrte dort 25 Jahre lang Meditation. Tang Hôi war auch der erste buddhistische Meister, der chinesische Mönche ordinierte und er brachte für diese Zeremonie eigens 10 vietnamesische Mönche mit sich. Im Jahr 580 kam der indische Dhyâna-Meister Vinitaruci, ein Schüler des 3. chinesischen Chan-Patriarchen Seng-tsan ( jap. Sôzan) nach Vietnam und gründete dort eine Chan-Schule. Im Jahr 820 ging der chinesische Chan-Meister Wu Yen-tung, ein Schüler von Pai-chang Huai-hai (jap. Hyakujô Ekai) nach Vietnam und begründete die berühmte Vo-Ngon-Thong-Schule. Die Thao-Duong-Schule gelangte durch den chinesischen Mönch Tsao-tang, einen Schüler von Hsüeh-tou Chung-hsien (jap. Setchô Jûken, Autor des berühmten Chan-Textes Pi-yen-lu), im späten 11.Jh. nach Vietnam und steht damit in der Tradition der chinesischen Yün-men-Chan-Schule. Mit ihr erreichte im 13.Jh. der Buddhismus in Vietnam seinen Höhepunkt unter dem Thiên-Meister Trúc Lâm und seiner Bambuswald-Schule. Im Norden Vietnams blieb die Bambuswald-Schule bis heute die bedeutendste Schule, während sich im Süden durch das Wirken des großen Meisters Liêu Quán (1670-1742) die Lâm-Tê-Schule (chin. Lin-chi, jap. Rinzai) stärker verbreitete. 3.7.2. Chan-SchuleDie Chan-Schule in China, und ebenso die Son-Schule in Korea und die Zen-Schule in Japan berufen sich als ihren ersten chinesischen Patriarchen auf den indischen Mönch Bodhidharma (chin. Pu-ti-ta-mo, jap. Bodaidaruma), der vermutlich etwa zu Beginn des 6.Jh. in China wirkte. Bodhidharma vertrat die Tradition der indischen Dhyâna-Schulen (Pali: jhâna = Skrt: dhyâna = Meditation, Versenkung), die außerordentlichen Wert auf die Praxis der Meditation legten, insbesondere auf das Praktizieren der Sammlung (samâdhi) durch Vertiefung von Shamatha/Vipashyanâ. Bodhidharmas Unterweisungen basierten auf den traditionellen Mahâyâna-Sûtren, insbesondere betonte er die Wichtigkeit des Lankâvatâra-Sûtra. Der 4. Patriarch Tao-hsin (jap. Dôshin, 580-651), der großen Wert auf eine intensive meditative Praxis legte, führte aber auch als erster Meister Samu, d.h. Arbeitsdienst zur Selbstversorgung seiner Mönchsgemeinschaft ein. Der ursprüngliche Stil der Chan-Schule änderte sich jedoch deutlich mit dem 6. Patriarchen Hui-neng Wei-lang (jap. Enô, 638-713), unter dem es zur Spaltung in eine nördliche und eine südliche Chan-Schule kam. Die nördliche Schule unter Shen-hsiu (jap. Jinshû, 605?-706) vertrat weiterhin den traditionellen Stufenweg zur Erleuchtung, während die südliche Schule unter Hui-neng die plötzliche Erleuchtung betonte und das intellektuelle Studium der Sûtren ablehnte. Mit dem einfachen und ungebildeten Mann aus dem Volk Hui-neng und seinen Schülern wurde in der südlichen Chan-Schule das indische spekulative Denken endgültig abgelöst durch typisch chinesische Geisteshaltungen, wie die Betonung des Natürlichen, Diesseitigen und Praktischen.
Aus der Vielzahl der großen chinesischen Chan-Meister der Tang-Dynastie
(618-906) seien hier nur zwei Schüler und Dharma-Nachfolger des großen
Meisters Ma-tsu Tao-i (jap. Baso Dôitsu, 709-788, in der Traditionslinie
ein Dharma-Enkel von Hui-neng) genannt:
An die Stelle der Sûtren und Kommentarliteratur traten jetzt Sammlungen mit den Kurzbiographien der Chan-Meister der Traditionslinie und Sammlungen mit Geschichten über Begegnungen und Aussprüche dieser Meister. Diese Zen-Geschichten zeigen exemplarisch die hohe Kunst des unmittelbaren Deutens auf den Herz-Geist und des Erweckens der Schüler - die wichtigsten Text-Sammlungen sind:
Aus der südlichen Chan-Schule gingen in China die Fünf Häuser hervor:
Dabei betont die Tsao-tung-Schule (jap. Sôtô-Schule) in der Meditation die Praxis des Mo-chao (jap. Mokushô), des heiter gelassenen Widerspiegelns, ganz wie die indischen Dhyâna-Meister und die frühen Chan-Meister (und übrigends auch die tibetischen Mahâmudrâ-Meister, siehe z.B. Garma C.C. Chang, 1979). Die Lin-chi-Schule (jap. Rinzai-Schule) legt seit dem chin. Meister Ta-hui Tsung-kao (jap. Daie Sôkô, 1089-1163) in der Meditation sehr großen Wert auf die Praxis des Kan-hua (jap. Kanna), des Betrachtens der Worte, wie die Übung mit Hilfe einer Chan-Geschichte, d.h. einem Kung-an (jap. Kôan, wörtl. öffentlicher Aushang), genannt wird. Dabei liegt das Schwergewicht auf dem Erreichen von Zuständen sehr hoher Sammlung mit Hilfe der ununterbrochenen Kung-an Praxis, um von dort aus das eigene existenzielle Lebensproblem zu lösen und Satori (Erkenntnis, Erleuchtung), bzw. synonym Kenshô (Wesensschau), zu erfahren und in der Folge zu vertiefen. 3.7.3. Son-SchuleViele chinesische Chan-Meister, so etwa der 4. chinesische Patriarch Tao-hsin und einige Nachfolger von Ma-tsu, hatten auch koreanische Schüler, die dann wieder nach Korea zurückgingen und dort begannen, den Chan-Übungsweg weiterzugeben. So entstanden in Korea die bedeutenden Schulen der Neun Son-Berge. Der berühmteste koreanische Son-Meister war jedoch wohl Pojo Chinul (1158-1210), unter dessen Wirken die Son-Tradition in ganz Korea lebendig erblühte. Chinul wurde besonders stark von den Lehren des chinesischen Lin-chi-Meister Ta-hui Tsung-kao (jap. Daie Sôkô, 1089-1163) inspiriert. Der koreanische Son-Meister Taego Pou (1301-1382) schließlich, ein Schüler des chin. Lin-chi-Meisters Chu-an Shih-kuei, vereinigte die Neun Son-Berge zum Chogye-Orden, welcher bis zur Gegenwart die bedeutendste koreanische Son-Schule blieb. 3.7.4. Zen-SchuleDie erste Begegnung mit der Chan-Schule hatte Japan schon sehr früh durch den japanischen buddhistischen Mönch Dôshô (598-670), der in China bei Hsüan-tsang die Yogâchâra-Philosophie studierte und sich bei Hui-man, einem Schüler des 2. chinesischen Patriarchen Hui-ko, im Chan übte. Er besuchte auch den 4. Patriarchen Tao-hsin. Nach seiner Rückkehr nach Japan errichtete er in Nara die erste japanische Zen-Halle - und wirkte daneben überall im Land als ein tätiger Bodhisattva, ließ Brunnen bohren, Fähren einrichten und Brücken bauen. Im 12.Jh. brachte der japanische Mönch Myôan Eisai (auch Senkô Kokushi genannt, 1141-1215) die Rinzai-Schule nach Japan und begründete das erste japanische Zen-Kloster Shôfuku-ji. Später wirkte er lange als Abt im Kennin-ji Kloster in Kyoto, wo er neben Zen auch Tendai und Shingon lehrte. Im 13.Jh. brachte der japanischen Tendai-Mönch Eihei Dôgen (1200-1253) die Sôtô-Schule nach Japan. Er gründete das Kloster Eihei-ji und von seinem umfangreichen und tiefgründigen schriftstellerischen Werk sei hier nur das Shôbô-genzô Zuimonki, Die Schatzkammer der Erkenntnis des Wahren Dharma, genannt. In seinen Lehren betont Dogen vor allem zwei Punkte:
Im 17.Jh. gründete der chinesische Chan-Meister Yin-yüan (jap. Ingen Ryûki, 1592-1673) in Japan die Ôbaku-Schule, eine Nebenlinie der Rinzai-Schule. 3.8. Vinaya-Schulen: Yulchong (kor.), Lü-tsung (chin.), Ritsu(jap.)Der König Song des südkoreanischen Staates Paekche schickte in der Mitte des 6.Jh. den Mönch Kyomik zum Studium des Buddhismus nach Indien. Nach seiner Rückkehr begründete dieser in Korea mit der Yulchong-Schule eine sogenannte Vinaya-Schule. Die Vinaya-Schulen stellten in den Mittelpunkt ihrer Praxis die Übung der Achtsamkeit auf das Einhalten der Vinaya-Regeln, das heißt der von Buddha im Laufe der Jahrzehnte seines Lehrens in Indien für die buddhistischen Mönche und Nonnen empfohlenen Lebensregeln. Die Lü-Schule (Lü-tsung) in China wurde von Tao-hsüan (596-667) gegründet. Der Schwerpunkt lag in der Praxis der Vinaya-Regeln gemäß dem Dharmaguptaka-Vinaya (250 Mönchs-, bzw. 348 Nonnen-Gelübde). Dieses Vinaya wurde in China von den frühbuddhistischen Schulen ebenso als verbindlich anerkannt, wie von den Mahâyâna-Schulen und enthält auch Bodhisattva-Lehren. Der bedeutende chinesische Meister Chien-chen (jap. Ganjin, 688-763) brachte auf Einladung der kaiserlichen japanischen Familie die Lü-tsung-Schule im Jahr 754 nach Japan, wo sie als Ritsu bezeichnet wurde. 3.9. San-chieh-SchuleEine in China im 6.Jh. von Hsin-hsing (540-594) begründete Schule. Er teilte die buddhistische Lehre in drei Zeit-Perioden ein (Drei Stufen-Schule):
Für die dritte Periode sei die einzig richtige Praxis: striktes Einhalten der Regeln (shîlas) und Askese (nur einmal Nahrung pro Tag), Almosengeben und altruistische Handlungen. Die San-chieh-Schule zeigte stark sektiererische Züge, da sie sich allein im Besitz der Richtigen Lehre glaubte und alle anderen buddhistischen Schulen der Häresie beschuldigte. Da alle Wesen Manifestationen der Buddha-Natur sind, praktizierten die Anhänger dieser Schule auch Niederwerfungen vor Fremden und vor Tieren auf der Straße. 3.10. Reine-Land-Schule = Ching-tu (chin.) = Jôdo-shû (jap.)Diese Schule wurde in China im Jahre 402 von Hui-yüan (334-416) unter dem Namen Weißer-Lotos-Gesellschaft gegründet. Das Ziel der Anhänger dieser Schule ist es, nach ihrem Tod im Reinen Land des Buddha Amitâbha (d.h. im Westlichen Paradies = sukhâvatî) wiedergeboren zu werden, um dort solche geistigen Fortschritte zu machen, daß in der nächsten (menschlichen oder göttlichen) Wiedergeburt mit Sicherheit Nirvâna verwirklicht wird. Etwas später vertrat Tan-luan den Gedanken, daß in einer Zeit des Verfalls der buddhistischen Lehren die eigene Kraft nicht ausreicht, um Erleuchtung zu erlangen. Daher verwarf er die Schweren Wege der anderen Schulen und lehrte den Leichten Weg: die Rezitation von Buddha Amitâbhas Namen (jap. nembutsu) in gläubigem Vertrauen, die durch Amitâbhas Hife dann nach dem Tod zur Wiedergeburt in seinem reinen Land führt. Da diese Praxis, verglichen mit der anderer buddhistischer Schulen, leicht erschien, erlebte die Reine-Land-Schule einen großen Aufschwung. Bis um das Jahr 1000 hatte sich die Rezitation von Buddha Amitâbhas Namen in den meisten chinesischen und japanischen Mahâyâna-Schulen verbreitet und drang während der chinesischen Ming-Dynastie (1368-1644) sogar in die chinesischen Chan-Schulen ein. Im 12.Jh. begründete Hônen (1133-1212) in Japan die eigentliche Jôdo-Schule (Jôdo-shû) und baute sie zu einer großen Organisation aus. Hônens sektiererische Sichtweise, der von ihm vertretene Weg sei der Höchste und in dieser Zeit des Verfalls auch der Einzige, führte zu zahlreichen Konflikten mit anderen buddhistischen Schulen. 3.11. Wahre-Reine-Land-Schule = Jôdo-shin-shû (jap.) = Shin-shû (jap.)Im 13.Jh. begründete Shinran (1173-1262), ein Schüler von Hônen, in Japan die Wahre-Reine-Land-Schule als eine reine Laiengemeinschaft. Jedoch ist die Funktion des Oberhauptes des Schule erblich. Shinran betonte ausschließlich das gläubige Vertrauen in Buddha Amitâbha, im Gegensatz zu Jôdo-shû, in dem die Praxis des nembutsu für essentiell gehalten wird. Shinran verwarf alle religiösen Regeln, damit seine Anhänger ohne trennende Schranken inmitten des einfachen Volkes allen Wesen und Buddha Amitâbha dienen konnten. So wurde dieser leichteste Weg denn auch folgerichtig zur heute größten Schule des Buddhismus in Japan. |
4. Tantrayâna-Schulen = Cheng-yen (chin.)Die zahlreichen buddhistischen Tantra-Schulen werden zum Teil auch nach dem Schwerpunkt ihrer Praxis als Mantrayâna, Vajrayâna, Sahajayâna, etc., benannt. Zunächst einmal sind sie von den hinduistischen Tantra-Schulen Indiens zu unterscheiden. Voraussetzung im buddhistischen Tantra sind Zuflucht zu Buddha, Dharma und Sangha, die Bodhisattva-Gelübde des Mahâyâna und, implizit, die Philosophie der Mâdhyamaka- und Yogâchâra-Schulen. Historisch gesehen entstanden in Indien, von Bengalen und Assam in 2.Jh. ausgehend bis etwa ins 8.Jh. hinein, kleine Meister-Schüler-Gruppen, die eine Weiterentwicklung des vielfach in mönchischen Regeln und scholastischem Denken erstarrten Mahâyâna-Buddhismus begründeten. Die Träger dieser nichtmönchischen, nichtscholastischen, tantrischen Schulen in den ersten Jahrhunderten waren die Mahâsiddhas, praktizierende Yogis und Yoginîs, bis dann Ausbreitung und gesellschaftliche Anerkennung im 8.Jh. dazu führten, daß Tantra auch in die großen buddhistischen Mönchsuniversitäten einzog. Das im 10.Jh. entstandene Kâlachakra-System versucht eine groß angelegte Synthese des ganzen Kosmos - es besteht aus den Äußeren Lehren (Mathematik, Astronomie, Astrologie), den Inneren Lehren (Physiologie, Medizin) und den Geheimen Lehren (Meditation). Grundlage der tantrischen Sicht und Praxis ist die Reinheit, die Ganzheit und Heiligkeit aller Erscheinungen. Dabei stützt sich das Tantra, ebenso wie auch die chinesischen Nirvâna-, Hua-Yen- und Zen-Schulen, insbesondere auf die allen Erscheinungen innewohnende und nicht bedingte Buddha-Natur (tathâgatagarbha), wie sie die Yogâchâra-Sutren lehren. Samsâra und Nirvâna sind hier also nur Bezeichnungen einer nichtdualen, letzten Wirklichkeit, die sich allem konzeptuellen Sprechen und Denken entzieht, die aber erfahren werden kann, da wir selbst diese Wirklichkeit sind. Folgerichtig bezieht Tantra daher alle Phänomene von Körper, Rede und Geist ein und entwickelt Meditationsmethoden, die mit Hilfe von Mudrâ, Mantra und Visualisierung auf allen drei Ebenen eine gleichzeitige und sich gegenseitig unterstützende Wirkung entfalten. Durch die vorurteilsfreiere Anerkennung des Körpers und Untersuchung seiner Funktionen (Energiesysteme) kommt es zur Adaption und Entwicklung von Yogasystemen, von medizinischen Systemen und, erstmals im Buddhismus, zur einer Integration der Sexualität. Mit dieser Entwicklung zwangsläufig verbunden ist eine sehr viel größere Bedeutung der Frauen, sowohl als gleichberechtigte Praktizierende, wie auch als große Meisterinnen. Der tantrische Ansatz, alle Phänomene des Lebens in den Weg zu verwandeln gilt allerdings als schwierig und gefahrvoll im Vergleich zu den allgemeinen Mahâyâna-Lehren und von daher als ein Weg für nur wenige Menschen. Deshalb setzt Tantra auch die direkte Führung eines Meisters voraus, der jedem seiner Schüler individuell die geeigneten Lehren mündlich (ins Ohr geflüstert) übermittelt (tib. lung) und dazu in einer Einweihung (tib. wang) seinen Segen und seine Inspiration auf den Schüler überträgt. Sind diese Bedingungen alle gegeben, dann gilt Tantra als schnellster Weg zur Erleuchtung, d.h. Erleuchtung ist noch in diesem Leben möglich. In allen Tantra-Schulen findet sich eine vierfache Einteilung der Lehren (Tantra-Klassen), entsprechend der geistigen Stufen der Schüler:
4.1. Tibetische Vajrayâna-Schulen4.1.1. Nyingma-SchuleDiese Schule der Alten wurde im 8.Jh. von dem kaschmirischen Mahâsiddha Padmasambhava und dem indischen Mönch Vimalamitra nach Tibet gebracht. Die wichtigste Meditations-Praxis der Nyingmapas ist das Dzogchen (skrt. Mahâ-Ati), dessen Neukommentierung durch Longchenpa (1308-1363) als autoritativ gilt. In der Nyingma-Schule waren sowohl Laien, als auch verheiratete Lamas, Yogis, Yoginîs, Mönche und Nonnen vertreten. Da Tantra sich durch ein sehr offenes und undogmatisches Verhältnis zu der Anwendung geschickter Mittel (upâya) auszeichnet, hat Padmasambhava in seine buddhistischen Lehren die in Tibet vorhandenen geistigen und religiösen Strukturen, wie etwa die schamanistische Bön-Religion, insoweit es sinnvoll erschien, integriert. Während dieser ersten Ausbreitung des Buddhismus in Tibet erlangte eine von Shântirakshita und seinem Schüler Kamalashîla im 8.Jh. vertretene Svatantrika-Mâdhyamaka-Yogâchâra-Synthese Geltung als Staatsdoktrin und in Tibet lehrende chinesische Chan-Mönche mußten das Land verlassen. 4.1.2. Kadam-SchuleNach der Zerstörung des Buddhismus in Tibet durch König Langdarma im 9.Jh. wurde die Kadam-Schule (Schule der mündlichen Unterweisung) von dem gelehrten indischen Mönch Atîsha (Dipamkara Shrîjñâna, 980-1055) in Tibet neu begründet. Atîsha lehrte vornehmlich Mahâyâna-Lehren: die Geistes-Schulung (lo-jong), die Meditations-Praxis des weiblichen Bodhisattva Târâ, die Philosophie des Mâdhyamaka und des Yogâchâra. Er lehrte nicht die tantrischen Lehren des Mahâsiddha Saraha, obwohl er über die Überlieferung verfügte. Dies geschah auf ausdrücklichen Wunsch seines tibetischen Schülers Dromtön (1008-1064), der befürchtete, die Moral der Tibeter könnte durch ein zu wörtliches Verstehen von Sarahas Lehren Schaden nehmen. Die Überlieferungen der Kadam-Schule flossen später in die Sakya-, die Kagyü- und besonders in die Gelug-Schule ein. 4.1.3. Sakya-SchuleDas in Südtibet gelegene Kloster Sakya (Graue Erde) wurde im 11.Jh. gemäß einer Prophezeiung von Atîsha gegründet. Diese Schule widmete sich vornehmlich der Systematisierung der tantrischen Schriften und Systeme und der Überlieferung eines Zyklus von Vajrayâna-Lehren mit dem Namen Weg und Ziel (lamdre). Einer der bedeutendsten Lehrer dieser Schule war Sakya Pandita (1182-1251) im 13.Jh., der alle weltlichen und religiösen Wissenschaften seiner Zeit studierte. Sein Ruhm als Gelehrter und Meister führte zu einer Einladung in die Mongolei durch einen Enkel Chingis Khans, wo Sakya Pandita so erfolgreich war, daß seiner Schule von den Mongolen die Herrschaft über Zentraltibet übertragen wurde. 4.1.4. Kagyü-SchuleDie Kagyü-Schule (Schule der mündlichen Überlieferungslinie) führt ihre Ursprünge auf die indischen Mahâsiddhas und Mahâmudrâ-Meister Saraha (9.Jh. ?, seine Lehren sind bekannt als Sahajayâna), Maitripa (1007-?), Tilopa (988-1069) und Naropa (1016-1100) zurück. Sie widmet sich daher vornehmlich der Praxis des Mahâmudrâ, welche nach vorbereitender Übung von Shamatha/Vipashyanâ zu jenem Verweilen in heiter gelassenem Widerspiegeln führt, wie es auch für die Tsao-tung-Schule (jap. Sôtô-Schule) des Chan charakteristisch ist (siehe z.B. Garma C. C. Chang, 1979). Ein weiterer Schwerpunkt dieser Schule liegt in der Praxis der Naropa zugeschriebenen Übungen des Naro Chödrug, der Sechs Yogas des Naropa:
Diese Lehren, sowie viele weitere speziell tantrische Meditationsmethoden, wurden von dem tibetischen Laien, Yogi und großen Übersetzer Marpa (1012-1097) von Indien nach Tibet gebracht und dort von einem Schüler Marpas, dem berühmten tibetischen Yogi Milarepa (1052-1135), intensiv praktiziert. Ein Schüler von Milarepa, der tibetische Mönch Gampopa (1079-1153), verband diese Lehren mit der Kadampa-Überlieferung und begründete so die eigentliche Kagyü-Schule. Im Laufe der Zeit entstanden vier größere und acht kleinere Unterschulen. In jüngster Zeit hat sich die Kagyü-Schule nochmals geteilt, da über die Wiedergeburt des 17. Karmapa kein Konsens herbeigeführt werden konnte. 4.1.5. Jonang-SchuleDie Jonang-Schule selbst führt ihren Ursprung auf einen Kâlachakra-Meister des 12.Jh. aus Kashmir, Yumo Mikyo Dorje, zurück. Anderen Quellen zufolge geht sie auf den indischen Mahasiddha Maitripa (1007-?) zurück, der die Tradition der Mahasiddhas erneut mit der Yogâchâra-Philosophie verknüpfte. Als die bedeutendsten Lehrer dieser Schule gelten Dolpopa (1292-1361) und Taranatha (1575-1650). Dolpopa entwickelte eine eigene Yogâchâra-Mâdhyamaka-Synthese, die er Großes Mâdhyamaka nannte, wobei er den Aspekt der Buddha-Natur (tathâgatagarbha) besonders betonte. Dabei stützte er sich insbesondere auf das Sandhinirmocana-Sûtra und die Schriften und Kommentare des Ratnagotravibhagha (in der tibetischen Tradition bekannt als Mahâyâna-Uttara-Tantra-Sastra). Dolpopa unterscheidet dabei zwei Arten der Leerheit:
Diese Sichtweise wurde geteilt und unterstützt von bedeutenden Lehrern der Nyingma- und der Kagyü-Schule, wie etwa Longchenpa (1308-1363) und Rangjung Dorje (3. Karmapa, 1284-1339). Jedoch traf Dolpopa auch auf eine heftige Opposition von Seiten der Kadampas (Buton) und Gelugpas (Gyaltsab und Ketrub, die beiden Hauptschüler von Tsongkhapa), welche sehr strikt die Prâsangika-Mâdhyamaka-Philosophie vertraten und Dolpopa vorwarfen, die Vorstellung einer Buddha-Natur als Absoluter Wirklichkeit sei nicht-buddhistisch. Lobsang Gyatso (1617-1682), der 5. Dalai Lama der inzwischen sehr mächtigen Gelug-Schule, ließ nach dem Tod von Taranatha sämtliche Schriften der Jonang-Schule konfiszieren und die Klöster der Jonangpas gewaltsam der Gelug-Schule einverleiben. Dennoch lebte die Jonang-Übertragungslinie in der Nyingma- und der Kagyü-Schule weiter und gelangte besonders mit dem großen Gelehrten und Initiator der Rime-Bewegung (der Nicht-Sektiererischen-Bewegung) Jamgon Kongtrul Lodro Thaye (1813-1899) zu einer neuen, bis heute andauernden Wirkungskraft. Herrn Andreas Gruschke verdanke ich den Hinweis, daß die Jonang-Schule in den abgelegenen osttibetischen Regionen Dzamthang und dem Süden Amdos mit zahlreichen Klöstern bis zum heutigen Tag überleben konnte - siehe Andreas Gruschke: Der Jonang-Orden. 4.1.6. Gelug-SchuleDie Gelug-Schule (Schule der Tugendhaften) wurde von dem tibetischen gelehrten Mönch Tsongkhapa (1357-1419) als eine Reformationsbewegung im tibetischen Buddhismus gegründet. Tsongkhapa bestand auf einem präzisen Einhalten der Disziplinregeln für Mönche und Nonnen (vinaya) und auf einer umfassenden und gründlichen Schulung in den buddhistischen Lehren, deren Meisterung für ihn durch Hören, kritisches Nachdenken und meditative Verwirklichung geschieht. Er baute auf den Lehrgebäuden der Sakya- und besonders der Kadampa-Schule auf und unterzog den gesamten tibetischen Kanon (Kangyur = 92 Bände buddhistischer Sûtren, Tengyur = 224 Bände buddhistischer Philosophie und Kommentare) einer gründlichen Analyse, deren Ergebnisse 18 Bände füllen. Seine beiden Hauptwerke sind: Lamrim Chenmo, Große Darlegung der Stufen des Weges und Ngagrim Chenmo, Große Darlegung des Geheimen Mantra. Wie die Kadampa-Lehrer vor ihm, vertrat er strikt die Prâsangika-Mâdhyamaka-Philosophie. Die größten tibetischen Klöster Drepung, Ganden und Sera gehen auf Tsongkhapas Wirken zurückk. Unter dem 3. Dalai Lama Sönam Gyatso (16.Jh.) und besonders dem 5. Dalai Lama Lobsang Gyatso (1617-1682) wurden die Gelugpas mit Hilfe der mongolischen Herrscher zur politisch bestimmenden Macht in Tibet. 4.1.7. Rime-BewegungDie Rime-Bewegung entstand historisch im 19. Jahrhundert in der osttibetischen Provinz Kham und dehnte sich dann rasch über ganz Tibet aus. In ihr haben sich eine ganze Anzahl bedeutender Lamas aus verschiedenen tibetischen Traditionen zusammengefunden, um auf der Basis eines Nicht-Sektiererischen (tib. rime) Verständnises die in Tibet weit verstreuten vielfältigen tantrischen Überlieferungen zu sammeln, neu zu publizieren, zu kommentieren, in der Meditation zu verwirklichen und an kommende Generationen weiterzugeben. Ein erster wichtiger Vordenker dieser Bewegung war Situ Panchen (1700-1774). Die umfangreiche Arbeit der Rime-Bewegung wurde von dem großen Nyingma-Meister Jamyang Khyentse Wangpo (1820-1892) koordiniert und geleitet. Einer der bedeutendsten Mitarbeiter war der Kagyü-Lama Jamgon Kongtrul Lodro Thaye (1813-1899), der die Überlieferung von sechzig großen Gurus aller tibetischer Traditionen hielt und über alle Bereiche der traditionellen tibetischen Wissenschaften gearbeitet hat, einschließlich Medizin, Astronomie, Geschichte und Literatur - seine Werke umfassen etwas mehr als neunzig Bücher. Andere große Meister der Rime-Bewegung waren z.B. Jigme Lingpa (1730-1798), Patrul (1808- ?), Mipham Gyatso (1846-1917) und in unserem Jahrhundert Dilgo Khyentse (1910-1991). 4.1.8. Nichtmonastische tibetische SchulenIm gleichen Maße jedoch, in dem in Tibet die großen Mönchsklöster an Einfluß gewannen und die Überlieferung des Tantra bestimmten, im gleichen Maß verloren Sexualität und Frauen wieder ihre Bedeutung - dennoch gibt es bis heute sowohl in der Nyingma-Schule, als auch außerhalb der etablierten tibetischen Schulen eine lebendige, nichtmönchische Mahâsiddha-Tradition. Diese wird getragen von umherwandernden Yogis und Yoginîs, die häufig die auf den indischen Yogi Phadampa Sangye (gest. 1117) und seine Schülerin Machig Labdrön (1055-1145) zurückgehende Chöd-Meditation (Durchschneiden der Ich-Anhaftung) praktizieren (siehe z.B. Tsültrim Allione, 1986). 4.2. Mi-tsung-Schule (chin.) = Shingon (jap.) und Mikkyô (jap.)Diese tantrische Schule wurde im 8.Jh. von drei indischen Meistern nach China gebracht, von Shubhâkarasimha (chin. Shan-wu-wei, 637-735), von Vajrabodhi (chin. Chin-kang-chih, 663-723) und von Amoghavajra (chin. Pu-kung, 705-774). Mi-tsung bedeutet Schule der Geheimnisse. Der Basistext der Schule ist das Mahâvairochana-Sûtra. Der japanische Mönch Kûkai (774-835) brachte um das Jahr 800 die Lehren dieser Schule nach Japan, wo sie den Namen Shingon-Schule (Schule des Wahren Wortes, d.h. Mantra-Schule) führte. Zur gleichen Zeit hatte der japanischen Mönch Saichô (767-822), der Begründer der Tendai-Schule, ebenfalls Vajrayâna-Lehren nach Japan zurückgebracht und als Mikkyô (geheime Lehre) begonnen zu lehren. Beide Zweige zusammen wurden zu einer der größten buddhistischen Schulen Japans. Dazu mag beigetragen haben, daß Kûkai shintoistische Gottheiten als Bodhisattvas in den Buddhismus integrierte und bedeutende Abhandlungen über Taoismus, Konfuzianismus und Buddhismus schrieb. Außerdem gründete er eine Schule für Kunst und Wissenschaft, die allen Menschen offenstand und arbeitete auch als berühmter Maler, Bildschnitzer und Ingenieur. |
Literaturangabe
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