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Gibt
es im Bezug auf sektiererische Tendenzen einen Unterschied zwischen
dem traditionellen asiatischen Buddhismus einerseits und dem neueren,
westlichen Buddhismus andererseits? Welche Unterschiede siehst Du,
wenn Du die beiden Ausprägungen des Buddhismus prototypisch
nebeneinander hält?
Wenn wir vom Sektenpotential in den Religionen reden, kann
ich keinen wesentlichen Unterschied feststellen zwischen Asien und dem
Westen. Wo Menschen zusammen kommen, sind sie immer irgendwann
versucht, ihr kleines Ego auf ein grosses Ego auszuweiten. Jede Gruppe
beinhaltet diese Versuchung. Die Tendenz zur Ausweitung des Ego in religiösen Gruppen läuft immer ähnlich. Und äussert sich dann in der Überzeugung: Wir sind die Besten. Oder: Wir sind die Effizientesten, mit der effizientesten Methode zur Erleuchtung. Oder: Wir haben den besten Lehrer. Das läuft sehr kindlich ab, wie damals, als wir klein waren und prahlten mit: Mein Vater ist der Stärkste! Da hat sich nicht viel geändert. Dieser Versuchung erliegen wir immer gern mal wieder.
Zwischen Verehrung und Hinterfragung
Sprechen wir zuerst über Asien, wo der Glaube an Autoritäten noch
relativ ungebrochen ist. Tatsächlich
hat Asien bis heute kaum eine eigene Hinterfragungskultur entwickelt,
obwohl Buddha selber vor 2600 Jahren deutlich gesagt hat: Glaubt mir
nicht, weil ich eine religiöse Autorität bin, ja glaubt überhaupt
keiner religiösen Autoritäten. Glaubt dem Lehrer nicht blind, glaubt
den Eltern nicht blind, sondern: überprüft es. Überprüft es lange
und gut! Und wenn ihr es am Ende als richtig und wahr befinden könnt,
dann nehmt es an - ansonsten lasst es. Das ist eine der häufigst
zitierten Reden Buddhas. Seine Botschaft war stets: Prüfe selbst!
Verlasse dich nicht auf andere Autoritäten. Schau allein auf dein
Herz. Und sei dir selbst eine Insel. In
Asien vertrauen die Menschen darauf, dass eine Autorität es nur gut
meint. Darum wird auch das Heiraten noch immer von den Eltern
arrangiert und bestimmt. Die Kinder haben meist ein natürliches
Vertrauen, dass ihre Eltern für die bestmögliche Partnerschaft
sorgen. Dieses Autoritätsmodell wurde in Asien auch auf den religiösen
Bereich übertragen. Ein religiöser Lehrer, ein Guru will ja nur das
Beste für uns: nämlich die wirkliche Befreiung. Und auch was Buddha
sagte, kann doch nur gut sein. Die
Relativierung, von der Buddha sprach, dieses kritische Überprüfen,
das wir seit der Aufklärung im Westen als Grundgedanke akzeptiert
haben, dies fehlt in Asien. Ja, ich würde behaupten, dass Asien im
Bezug auf das Hinterfragen 30 bis 50 Jahre hinterherhinkt. Zur Aufklärung, die
das Instrument der Vernunft rehabilitierte, kam bei uns ja dann noch
das mythische Jahr 1968. Da gab es die antiautoritäre Bewegung und
die Devise: Trau keinem über 30. Also trau auch dem Vater, der
Mutter, dem Lehrer nicht; geh deinen eigenen Weg. Paradoxerweise
findet man heute in religiösen Bewegungen Leute, die in ihrer Jugend
grosse Rebellen waren. Doch diese haben ihr Rebellentum an den Nagel
gehängt und hangen nun an den Lippen eines Gurus, der sagt, wo's
lang geht... Ja, wir haben
viele Beispiele dafür. Am Bekanntesten ist vielleicht Osho, bei dem
vorwiegend Intellektuelle und Psychotherapeuten ihre neue Heimat
fanden. Leute also, von
denen wir ein gewisses Niveau erwarten könnten. Gerade bei
Therapeuten, die sich mit ihrer Kindheit und ihrer Beziehung zu
Autoritätspersonen auseinandergesetzt haben, berührt dies
eigenartig. Kaum sind sie bei einem asiatischen, spirituellen Lehrer,
hört das Hinterfragen plötzlich auf. Sie regredieren gleichsam in
eine frühkindliche Phase und sehnen sich nach Hingabe. Eine tiefe
Sehnsucht ist da festzustellen. Die Sehnsucht, wieder glauben zu können
- bis hin zum Glauben an Wunder, an Märchen, an Träume. In gewisser Weise
ist dies etwas ganz Schönes. Es ist nicht etwas, das ich total
verneinen würde oder als schlecht erachte. Aber: Es fehlt mir da
einfach die Relativierung des Ganzen. Wir treffen in diesem Gurusystem
Menschen, die sich auf absolute Weise und damit blind einer Sache
verschreiben, derselben Sache vielleicht, die sie vor 5 oder 10 Jahren
noch bekämpft haben. Ich kann mir dies nicht anders erklären als mit
der grossen Sehnsucht des Menschen nach Hingabe. Nun gilt ja der
Wunsch nach Hingabe in unserer westlichen Kultur per se bereits als
suspekt. Zu Recht?
Die Hingabe als solche ist in meinen Augen nicht einfach
negativ, selbst wenn das Objekt der Hingabe fragwürdig ist. Die
Tatsache, dass wir uns hingeben können, ist eigentlich positiv. Wenn
Hingabe und Verehrung als Mittel gesehen werden, mit denen ein
bestimmtes Ziel erreicht werden soll, können sie sehr hilfreich sein. Aber da gibt es
auch Gefahren.
Natürlich. Das kann sehr gefährlich sein. Wenn dies soweit
geht, wie in faschistischen oder kommunistischen Systemen... Ich war
vor Jahren in Kambodscha und habe dort gesehen, wie die fanatischen
Kommunisten unter Pol Pot in wenigen Jahren 1,7 Millionen Menschen
einfach ausradiert haben. Das war blinde Hingabe, blinder Fanatismus.
Da wurden die Ziele und die Zwecke nicht hinterfragt. Mit
anderen Worten: Spirituelle Lehrer oder Lehrerinnen dürfen die
Hingabe der Schüler nicht missbrauchen. Dieser Verführungen und
Versuchungen widerstehen sie aber nur, wenn sie ihre Ich-Illusion
wirklich durchschaut haben. Wenn ein Lehrer die Ich-Illusion nicht
wirklich durchschaut hat, dann ist es nur eine Frage der Zeit, bis er
meint und gar daran glaubt: ICH werde verehrt. Schüler,
die sich auf eine Lehrer-Schüler-Beziehung einlassen, gehen
normalerweise davon aus, dass der Guru hat diese Einsicht hat. Nur:
Die Erfahrung zeigt, dass es hier keine Garantien gibt. Es gibt
Methoden der spirituellen Übung, die so angelegt sind, dass sie -
wenn sie sorgfältig ausgeführt werden - sehr effizient sind. Aber
wenn da nur im Geringsten ein Haken drin liegt, kann es gefährlich
werden. Für den Lehrer vielleicht gar noch gefährlicher als für den
Schüler.
Moment mal: Für den Lehrer gefährlicher als für den Schüler? Ja. Wenn Schüler
und Schülerinnen ihren spirituellen Meister verehren, ist dies für
sie selber oft nicht so gefährlich. Es gibt Formen der Hingabe die
relativ unproblematisch sind. Aber für die Person, die verehrt wird,
kann dies zum Problem werden... Weil es zur
Selbstinflation, ja zum Grössenwahn führen kann? Ja, weil der
Lehrer dadurch auf subtile Weise in seiner Ich-Illusion bestärkt
wird. Und dies ist gerade das Gegenteil von Erleuchtung. Vor allem der
Lehrer kommt so also von seinem eigenen Weg ab? Ja. Vor Jahren
hat mir ein Lehrer in Indien gesagt: Wer sich auf den Pfad des Lehrens
begibt, wird in seiner eigenen Entwicklung 500 Lebzeiten lang
stillgelegt. Man kann das als Metapher anschauen... Aber man sollte
dies wirklich bedenken. Mich hat dies damals sehr aufgerüttelt und
grosse Fragen aufgeworfen. Aus diesem Grund möchte ich selber
weder Guru sein noch mich einem Guru verschreiben. Buddha und die
multikulturelle Gesellschaft Heute leben wir in einer multikulturellen, multireligiösen Gesellschaft. Und es gibt so etwas wie einen spirituellen Supermarkt mit Hunderten von Angeboten, die uns Wege zum Glück und zur Harmonie versprechen. Im Bezug auf ihre Weltanschauung sind die Menschen heute frei wie kaum je in der Geschichte. Diese Freiheit ist aber verbunden mit der Hypothek, ja gar dem Zwang, sich selber eine bestimmte Weltsicht zurechtzulegen. Nur: Vielleicht ist dies gar nicht so neu. Gab es im polytheistischen Indien nicht schon zu Zeiten Buddhas einen spirituellen Supermarkt? Mit unterschiedlichen Yoga-Wegen, mit Ashrams unterschiedlichster Prägung, mit Swamis, die mal dies, mal das lehrten... Tatsächlich
gibt es da gewisse Parallelen. Auch was den Materialismus betrifft.
Buddha ist in einer wohlhabenden, adligen Familie aufgewachsen. Seine
Jugendzeit kann durchaus mit dem relativ luxuriösen Leben verglichen
werden, das viele von uns im Westen haben. So hat er sich den Luxus
leisten können, sich mit anderen Fragen als mit den Grundbedürfnissen
auseinanderzusetzen. Nach seiner
Flucht aus dem adligen Elternhaus hat er von den bestmöglichen
Angeboten auf dem damaligen religiösen Supermarkt Indiens Gebrauch
gemacht. Auf seiner Wanderschaft hat er viel studiert, viel meditiert.
Aber er kam relativ schnell zum Schluss: Das genügt mir nicht, das führt
nicht zum Ziel der Befreiung, wonach ich eigentlich suche.
Schliesslich hat er all sein Bestreben und seine Methoden radikal
weggelegt - und sich auf ganz neue Pfade begeben. Nach seiner
Erleuchtung hat er selber als Lehrer zu wirken begonnen. Und er hat
dabei die Welt doch recht anders gedeutet und den Schülern andere
Mittel zum Heil empfohlen als die damalige hinduistische
Priesterkaste... Ja, und dabei
wurde er häufig mit der Frage konfrontiert: Lieber Buddha, das ist ja
alles gut und recht. Aber woher sollen wir denn wissen, ob das, was du
lehrst, richtiger ist als das, was die anderen lehren?
Bezeichnenderweise hat er darauf nie geantwortet: Was die anderen
lehren ist gut, aber im Grunde ist das, was ich lehre, das Beste. Er
sagte vielmehr: Schaut und prüft, ob das was gelehrt wird, euch von
den grundlegenden Illusionen befreit. Der Glaube an
die Beständigkeit von Geformtem, der Glaube an die Beständigkeit von
Phänomenen und Dingen wird im Buddhismus als Illusion bezeichnet.
Denn es gibt nichts, das ewig bleibt. Alles was zusammenkommt, vergeht
auch wieder. Wenn also etwas gelehrt wird, das in der Welt der Form
Beständigkeit hat, dann ist etwas faul daran. Denn das entspricht
nicht dem Naturgesetz. Buddha sagte:
Wenn ihr bemerkt, dass eine Lehre in euch die beiden Triebkräfte Gier
oder Aversion verstärkt, dann kann dies nicht zur Befreiung führen.
Diese beiden Energien - die Gier und die Aversion - gilt es genau zu
untersuchen. Nur: Diesen beiden
Triebkräften ist wohl nicht so einfach auf die Schliche zu kommen, da
sie sich ganz gut verkleiden können? Ja, Gier und
Aversion gibt es in unterschiedlichster Weise; in kaum bemerkbarer
subtiler Weise oder auch ganz plump ins Auge springend. Schauen wir
uns doch ein kleines Beispiel an. Allein schon ein Satz wie "Wir
sind besser als die andern" ist ein Spiel zwischen Gier und
Aversion. "Wir sind die Besten" ist auf der Gierseite. Während
der Satz oder Gedanke "Die anderen sind nicht so gut wie wir" auf
der Aversionsseite steht. Es ist wie bei einer Münze, die zwei Seiten
hat. Wenn sich also
eine buddhistische (oder auch eine andere religiöse) Gruppe oder
Gemeinschaft sich um alles in der Welt vergrössern will, sollte man
dies sehr kritisch prüfen und versuchen, dahinter zu sehen: Ist es
ein zutiefst ehrliches Bemühen, aus Mitgefühl heraus anderen die
Botschaft zu bringen - oder ist es nichts weiter, als eine neue Form
der Ego-Erweiterung. Gier und
Aversion sind Grundenergien. Dieses Etwas-Wollen und das
Etwas-Ablehnen prägen uns zutiefst. Dabei kann die Gier zur Sucht
werden. Und die Aversion kann sich in Hass steigern. Ja, überall wo
Ausschliesslichkeiten gelehrt werden, ist letztlich Gier und
Hass im Spiel. Auch im politischen Bereich, beim Nationalismus etwa
oder beim Rassismus... Ist dies auch ein
Massstab, um religiöse Gruppen auf ihre Sektenhaftigkeit zu überprüfen? Ja, dies scheint
mir ein sehr brauchbarer Massstab zu sein. Einer, der sehr tief
reicht. Ich versuche diesen Massstab auch bei mir selber immer wieder
anzuwenden. Bei all dem, was ich tue. Bei dem, wie ich mit der
buddhistische Lehre und dem, was daraus entsteht, umgehe. Aber auch
bei all dem, was in meinem Umfeld auf mich zukommt... Der Mittlere Weg Buddha hat ja aus
eigener Erfahrung vor allen Extremen gewarnt, auch im Bezug auf die
praktische Lebensführung. Als Prinzensohn hat er zuerst im Luxus
gelebt. Dann hat er sich kasteit und in der Askese das Heil gesucht
- bis er plötzlich eingesehen hat, dass auch der Körper zu unserer
Existenz gehört. Nach seiner Erleuchtung hat er dann stets den
Mittleren Weg gelehrt. Gibt es heute buddhistische Gruppierungen, die
vom Mittleren Weg abgekommen sind?
Na ja, da ist man zumindest immer gefährdet. Weil nämlich
die Mitte nichts Statisches ist, sondern sehr dynamisch - und sehr
persönlich. Da gibt es Gurus, Lehrerinnen und Lehrer, die für eine
ganze Gruppe den Mittleren Weg definieren. Aber dies geht nicht. Da
mein Mittlerer Weg sich sehr von deinem Mittleren Weg unterscheiden
kann. Was für mich Kasteiung ist, braucht für eine andere Person
noch lange nicht Kasteiung zu sein. Wir sind individuell aufgewachsen,
haben einen individuellen Hintergrund, haben verschiedene Vorfahren,
kommen aus verschiedenen Schichten - das muss alles miteinbezogen
werden. Darum gibt es nicht den einen, einzig richtigen Weg. Gerade
auf dieser Ebene ist die individuelle Anpassung wirklich eine Sache
der Selbstkenntnis. Buddha lehrt den
Mittleren Weg einerseits aus dieser Erfahrung heraus, dass die Extreme
immer problematisch und meist mit Gier und Hass verknüpft sind.
Buddha hat aber auch in geistiger Weise den Mittleren Weg gelehrt: den
Weg zwischen dem Nihilismus und dem Ewigkeitsglauben. Sehr verkürzt
gesagt, meint dies: Das Leben ist ein Wunder und kann niemals endgültig
definiert werden. Jede Definition, jede begriffliche Fixierung ist
schon ein Verlassen des Mittleren Weges.
Von Linji, dem Begründer der Rinzai-Tradition, aber auch von
anderen grossen Zen-Meistern gibt es viel radikale,
dekonstruktivistische Aussagen, die alle auf dasselbe zielen: auf das
Loslassen aller Denkkonzepte. Grosse Zen-Meister haben die eigenen
Riten und Konzepte, die sich im Laufe der Zeit entwickelt hatten,
immer wieder in Frage gestellt. Und sie haben stets betont, dass
selbst die buddhistische Lehre nur ein Fahrzeug, nur ein Mittel, zum
grossen Ziel der Erleuchtung ist. Mit anderen Worten: Es gibt im
Buddhismus verglichen etwa mit dem Christentum eine lange Tradition
der Skepsis gegenüber allen spirituellen Konzepten, die vorgeben, die
Wahrheit zu besitzen. Wenn wir vom
Naturgesetz ausgehen, dann ist alles im Fluss, alles verändert sich,
nichts bleibt. Jetzt ist es Mittag, in ein paar Stunden wird Abend
sein, und dann kommt in irgend einer Form der nächste Tag... Obwohl
wir in dieser Wahrheit tagtäglich leben, wir diese Wahrheit auch
sind, scheint etwas in uns nicht gewillt zu sein, diese simple
Wahrheit anzuerkennen. Irgendetwas in uns scheint darauf ausgerichtet
zu sein, Bleibendes zu schaffen und Ewiges zu sehen. Buddha sagt: Ich
lehre keine Religion, ich lehre nur die Naturgesetze. Aber warum
sollte Buddha denn die Naturgesetze lehren, wo sie doch so
offensichtlich sind? Weil wir sie nicht anerkennen können oder
anerkennen wollen. Die Aufgabe der spirituellen Meister und
Meisterinnen in der Zen-Tradition bestand immer darin, gegen diese
Tendenz anzutreten. Gegen diese Tendenz zur Fixierung, zum Festhalten,
zum Festklammern. Dieses Klammern bringt Erstarren, ja den Tod. Aus
diesem Grunde waren viele Zen-Meister so brüskierend. Sie waren immer
wieder Reformer, haben Systeme, feste Ideen, feste Rituale
aufgebrochen. Das ist der Grund, warum wir heute immer wieder sagen,
das waren verrückte Kerle. Zum Teil haben sie
ja selbst die eigene Schülerschaft vor den Kopf gestossen. Na ja...
Was soll man von einem Zen-Meister halten, der statt die Buddha-Statue
zu verehren, die Statue anzündet und seine kalten Hände am Feuer wärmt? Wenn sich jemand
an eine Buddhastatue festgeklammert, ist er vom Weg abgekommen.
Vielleicht müsste ich meine Statuen auch anzünden und das Feuer für
mein Teewasser gebrauchen? In den Augen vieler Buddhisten wäre dies
tatsächlich Blasphemie. Aber bei solch provokativen Handlungen ging
es nie um eine Revolution um der Revolution willen. Dahinter steckte
vielmehr die Frage von Buddha, wie es zum Leiden kommt. Leiden kommt
durch Festhalten. Vor einigen
Monaten haben Taliban-Milizen in Afghanistan zwei grosse
Buddha-Statuen zerstört. Ich habe diese Statuen vor vielen Jahren
gesehen. Es waren wirklich wunderschöne Statuen. Aber offengestanden:
Als Buddhist berührt mich diese Zerstörung kaum. Aus einer
bestimmten Optik haben die Muslime völlig recht: Man kann weder von
Gott, noch von Buddha, noch von uns ein wirkliches Ebenbild machen.
Wir greifen immer daneben, wenn wir irgend etwas festhalten wollen.
Wir fotografieren uns vor dem Eiffelturm. Aber sind die Fotos dann
zuhause mehr als eine Erinnerung? Der Moment vor dem Eiffelturm ist
vorbei, längst vorbei. Das Bild, das wir machten, besitzt keine
lebendige Wahrheit. Natürlich: Wenn ich die Zerstörung der beiden
Buddhastatuen aus der Perspektive von Kulturgeschichte anschaue, dann
finde ich dies Blödsinn, was die Taliban taten. Vom Spirituellen her
stört mich dies hingegen nicht. Da mache ich ganz klar einen
Unterschied. Die Dialektik
von Form und Leere Ist die Zen-Praxis
nicht auf Paradoxien aufgebaut? Da wird stundenlang meditiert, um zur
Klarsicht zu gelangen. Zugleich wird aber gesagt, dass es kein Ziel zu
erreichen gibt. Da wird Hingabe gepredigt - und zugleich vor der
Hingabe gewarnt.
Ich glaube nicht, dass es hier um Paradoxien geht. Es geht
um das richtige Verstehen von Form und Leerheit. Und es geht um die
Erkenntnis, dass Form und Leerheit letztlich identisch sind.
Das ist nun etwas gar abstrakt...
Nun: Es gibt
eine absolute Ebene und es gibt eine relative Ebene. Absolut gesehen,
gibt es nur Fluss, nur Bewegung. Es gibt nichts, woran man sich halten
kann. Aber zugleich gibt es immer eine momentane Form. Das ist die
relative Ebene. Die relative, momentane Form zu verleugnen oder zu übersehen,
ist falsch oder ungenau. Es geht vielmehr darum, die Form im
Bewusstsein ihrer Vergänglichkeit zu bejahen und wertzuschätzen. Das
ist kein Paradox. Aus diesem Grunde kann ein Zen-Meister Zen lehren
und zugleich sagen: Es gibt kein Zen, es gibt keine Meister, es gibt
keine Lehre von Buddha. Weil es nichts gibt, woran man sich wirklich
halten kann. Religiöse
Gemeinschaften leben von Gebeten, Formen, Ritualen. Sobald solche
Werkzeuge aber sakrosankt erklärt werden und die Gläubigen sich
daran klammern, braucht es eine Gegenbewegung. Das Leben spielt sich
stets in Pendelbewegungen ab. Wir können gar nicht in einer
vermeintlichen Mitte stehen bleiben. Leben heisst: konstantes
Ausbalancieren. Die Geschichten der Meister haben das tagtäglich
verdeutlicht. Je nach Schüler und Situation sagten sie mal dies und
am Tag darauf genau das Gegenteil. So etwas kann natürlich
verwirrlich sein. Aber wenn man weiss, worum es geht, ist dies kein
Widerspruch. Es geht stets um das Gleiche: Der Geist soll sich
nirgends fixieren. Nur so erlangen wir unendliche Weite und Offenheit. Das Problem der
Autorisation Um die Qualität
von Lehrern zu garantieren, gibt es im Buddhismus die Tradition, dass
ein Schüler nicht von sich aus lehren darf. Ein Lehrer muss ihn
zuerst autorisieren, nun selber lehren zu dürfen. Ist dies eine
intelligentes Mittel zur Qualitätssicherung oder hat dieses System
auch seine fragwürdigen Seiten? Ein System kann
nur insofern intelligent sein, als die Leute, die sich in dem System
bewegen, intelligent sind - und das scheint nicht immer der Fall zu
sein. Wir wissen aus Japan, um nur ein Beispiel zu nehmen, dass die
Autorisationen im Tempel in Familientradition weitergegeben werden.
Dass also die Väter darauf schauen, dass ihre Söhne - unabhängig
von ihren spirituellen Qualitäten - in irgendwelchen Klöstern zu
Ehren kommen. Das ist natürlich
korrupt. Das System der
Autorisation ist also keine Garantie für Qualität. Es ist immer abhängig
von der Ehrlichkeit, der Weisheit und dem tiefen Verständnis der
beteiligten Personen. Ich hinterfrage darum die ganzen Autorisationen
heute sehr. Zumal ein Mensch, der vor zehn Jahren glaubwürdig die
Lehre weitergeben konnte, heute den Kriterien vielleicht nicht mehr
standhalten kann. Wir können demnach nichts anderes tun, als unsere
Lehrer stets neu zu prüfen... Kann einem Lehrer
der Lama- oder Roshi-Titel überhaupt weggenommen werden, wenn er ihn
missbraucht? In
den autoritären Systemen Asiens können solche Titel nicht mehr
weggenommen Werden.
Ich weiss allerdings von einem sehr bekannten Lehrer, dessen
Lehrauftrag zehn Jahre lang sistiert wurde. Ich fände es tatsächlich
eine gute Erneuerung, wenn
solche Lehraufträge, solche Autorisationen, nicht einfach für immer
gegeben werden, sondern sich die Lehrer immer wieder unter Beweis
stellen müssen. Die Menschen, die das eigentlich überprüfen müssten,
sind die Menschen im engsten Umkreis, also die Schülerinnen und Schüler,
die Partnerin, der Partner. Würdest Du so weit
gehen und sagen: Die Autorisation von oben sollte durch eine
demokratische Wahl von unten ersetzt werden? Das haben wir
bei der Gründung unserer Sati-Zen-Sangha sogar eingeführt, ganz
praktisch. Wir überlassen es dem einzelnen Schüler, seinen Lehrer
oder seine Lehrerin für einen gewissen Zeitraum zu bestätigen - oder
nicht. Eine solche Praxis ist innerhalb der buddhistischen Schulen natürlich
so etwas wie eine Revolution. Ich she dies eher als gute Form der
Selbstregulierung. Oder anders gesagt: Die Demokratie kann durchaus
ein Werkzeug zur Qualitätssicherung sein. Dies fehlt im Buddhismus
noch ganz gewaltig. Vor allem in Asien gibt es noch immer ein
eklatantes Ungleichgewicht zwischen Männern und Frauen, zwischen Mönchen
und Nonnen, wie auch zwischen dem Mönchtum und den Laien... Da
besteht noch immer ein grosses Gefälle, das zum grossen Teil künstlich
erzeugt und durch bestimmte Interessen künstlich aufrecht erhalten
wird. In diesem Bereich ist eine buddhistische Reform dringend nötig. Hätte der
boomende, westliche Buddhismus hier nicht die grosse Chance, neue
Akzente zu setzen? Könnte er die kulturspezifischen Kleider des
asiatischen Buddhismus nicht ablegen, um so wieder zur Essenz
vorzustossen? Das
buddhistische Establishment, das Angst hat, seine Macht zu verlieren,
redet da natürlich sehr schnell von einer Verwässerung der wahren
Lehre. Reformen sind darum nicht so einfach durchzusetzen. Da wird
sehr schnell auf die Reinheit der Lehre gepocht. Wo es um die
Aufrecherhaltung von Systemen geht, wird sehr schnell mit der
"Reinheit der Lehre" argumentiert. Dabei geht es nur um
machtpolitische Fragen. Bleiben wir noch einen Moment bei der Machtfrage. Solange am klassischen Lehrer-Schüler-Verhältnis festgehalten wird, gibt es natürlich ein Machtgefälle. Zumal den Schülern meistens gesagt wird, sie sollten die typisch westliche Hinterfragungskultur zurückstellen und erst einmal versuchen, zu verstehen. - Braucht es im Bereich des spirituellen Lernens fast zwingend den persönlichen Kontakt mit einem Lehrer oder einer Lehrerin? Ja,
ein stückweit schon. Der Dalai Lama sagte einmal: Es ist
hilfreich, einen Lehrer zu haben. Aber es ist nötig, ihn genau zu prüfen.
Eine solche Prüfung kann fünf oder gar zehn Jahre dauern. Wir
sollten uns nie kopflos in Abhängigkeitsstrukturen hineinstürzen,
sondern sorgfältig prüfen, ob wir uns wirklich auf einen intensiven,
spirituellen Lernprozess mit einer Lehrperson einlassen wollen. Wenn
wir jemanden über Jahre kennen gelernt haben, sollten wir wissen, ob
diese Person anfällig ist für Machtmissbrauch. Sei dies im Bereich
des Geldes, der Macht oder der Sexualität. Wenn man genau hinschaut
und sich Zeit lässt, findet man dies schnell einmal heraus. Wenn wir von
vornherein blind hingehen und meinen, der Lehrer oder die Lehrerin hätte
das Ego überwunden, dann sind wir hoffnungslos verloren. Wir müssen
davon ausgehen, dass Lehrpersonen genau so wie wir selber auf dem Wege
sind. Dass sie zwar einiges kennen und einiges transformiert haben,
was wir vielleicht noch nicht haben. Nur: Es ist absolut möglich,
dass diese Person eben nicht alle Facetten der Egozentrik wirklich
aufgelöst hat. Eine Restskepsis,
eine Restdistanz ist demnach immer angebracht? Wir unterscheiden
hier zwischen Kritiksucht und dem, was im tibetischen Buddhismus die
"Weisheit der unterscheidenden Klarschau" genannt wird.
Chronischer Zweifel, chronische Kritik ist nie hilfreich, sondern
untergräbt die spirituelle Entwicklung. Das Unterscheidungsvermögen
ist jedoch ein Merkmal von Weisheit. Nun gibt es aber
sicher auch Lehrer, die ihre eigenen Schwächen so gut tarnen können,
dass man sie kaum durchschaut. Zumal bei Lehrer-Schüler-Verhältnissen
sehr schnell auch Übertragungen und Projektionen mitspielen, die eine
"unterscheidende Klarschau" behindern... Tatsächlich gibt es hier Fälle, die sehr zu denken geben. In einem Fall wurden der Alkoholismus und die sexuellen Fehlhandlungen des Lehrers nicht nur jahrelang nach aussen vertuscht, sondern intern gar als "höhere Lehrmethoden" gerechtfertigt. Das scheint mir typisch zu sein. Oft wollen wir gar nicht sehen, dass es sich um Menschen handelt, die auf dem Weg sind. Und so rechtfertigen wir dann am Schluss die absurdesten Verrücktheiten eines solchen Menschen, statt den Mut aufzubringen, das Ganze zu hinterfragen - selbst auf das Risiko hin, aus der entsprechenden Gemeinschaft herauszufliegen. Stärken und Schwächen der verschiedenen Schulen Es gibt im
Buddhismus drei grosse Hauptschulen: den Theravada-, den Vajrayana-
und den Zen-Buddhismus. Ich denke, dass jede dieser Schulen ihre
spezifische Stärke, aber auch ihre je spezifische Schwäche hat. Und
es wäre ja möglich, dass die Schwäche sogar ganz nah bei der Stärke
liegt. Dass da aber plötzlich etwas kippt ins Fundamentalistische,
ins Sektiererische, ins Engstirnige. Könntest du versuchen, Stärken
und Schwächen dieser drei Traditionen etwas zu beschreiben? Solange wir
erkennen, dass alle Wege, Systeme und Gemeinschaften nur Hilfsmittel
sind, solange gibt es keine Gefahr. Wenn wir aber das Boot mit der
letzten Wahrheit verwechseln und meinen, wir müssten es ein Leben
lang mit uns herumtragen, dann wird es schwierig... Dies gilt für
alle religiösen Ausrichtungen. Meines Erachtens hat Jesus nicht das
Christentum gegründet und Buddha nicht den Buddhismus. Jesus und
Buddha haben ein Leben vorgelebt, das für uns beispielhaft ist. Von
ihrem Leben können wir lernen. Betrachten wir aber
hier erst einmal den altehrwürdigen Theravada-Buddhismus. Die
Theravada-Tradition macht häufig den gravierenden Fehler, dass sie
behauptet, die ursprüngliche Lehre Buddhas zu lehren. Theravada
heisst übersetzt "die Lehre der Alten".
Nur: der heutige Theravada ist nicht zu Lebzeiten Buddhas
entstanden, sondern viel später. Die wichtigsten Grundsteine aller
Schulen gehen auf Buddha zurück. Die heutigen Ausformungen sind aber
alle lange nach Buddha entstanden. Wenn wir dies nicht bedenken,
besteht die Gefahr, dass wir meinen, die eigentliche, ursprüngliche
Lehre zu besitzen. Doch das führt zu Stolz und Überheblichkeit. Wir
meinen dann, wir seien die Reinen, die Ursprünglichsten. Und was sind die Stärken
des Theravada? Die Stärke der
Theravada-Tradition liegt im Bereich der buddhistischen Schriften. Die
Thervadins arbeiten sehr mit den alten Sutren, die im tibetischen
Buddhismus und im Zen nahezu verloren gegangen sind - oder zumindest
kaum mehr eine zentrale Bedeutung haben. Diese alten Schriften geben
eine ganz praktische Grundlage und deren Anwendung beinhaltet kaum
irgendwelches Gefahrenpotential. Die Sutren haben einen hohen Grad an
Klarheit und vermitteln so auch Sicherheit. Ich denke etwa an "das
Sutra des bewussten Atmens", oder an "das Sutra der vier
Grundlagen der Achtsamkeit". Das sind fundamentale Texte, die für
die Meditation sehr wertvoll sind. Diese Texte wurden über
Jahrtausende erprobt. In ihnen gibt es keine undefinierbaren mysteriösen
Zwischentöne. Sie sind ganz klar, einfach und nüchtern. Und darum
gut anwendbar. Aber ist nicht
gerade diese Nüchternheit, verglichen mit der fast barocken Welt des
tibetischen Buddhismus, auch ein Problem? In den südostasiatischen
Ländern kaum. Aber es gibt westliche Theravadaschulen , ich denke
etwa an Vipassana, die den grossen Fehler gemacht haben, sämtliche
Rituale und sämtliche buddhistische Kultur aus der spirituellen
Praxis zu verbannen und alles
auf diese nackte, kühle Meditation zu reduzieren. Das ist extrem.
Denn das menschliche Gehirn arbeitet mit allen Sinneswahrnehmungen.
Ich finde es schade, wenn wir uns sämtlicher Formen und Rituale
entledigen, aus Angst sie könnten einen kulturellen Beigeschmack
haben. Oder in der Meinung, sie hätten nichts mit der Kernfrage zu
tun. Auch hier wäre die Suche nach dem Mittleren Weg sehr angebracht.
Weder zu nüchtern - noch zu verwoben in kulturelles Beiwerk. Das kulturelle
Kleid ist dafür im tibetischen Buddhismus sehr ausgeprägt. Im tibetischen
Buddhismus gibt es tatsächlich eine starke Durchmischung mit der dem
dortigen Vorläufer des Buddhismus, mit der Bön-Religion. Die Bön-Religion
ist eine magisch-schamanistische Naturreligion und hat den tibetischen
Buddhismus so stark geprägt, dass er sich stark vom nüchternen
Theravada-Buddhismus unterscheidet.
Nur allzu gern übernehmen westliche Buddhisten diese
tibetische Tradition. Denn sie ist sehr farbenfroh und voller
geheimnisvoller Mantren und Symbole. Das Positive
dabei ist: Der tibetische Buddhismus hat im Laufe der Geschichte eine
komplexe Psychologie und ebenso komplexe, mit ihrer Psychologie
korrespondierende Rituale entwickelt, die sehr eindrücklich sind.
Aber auch hier gilt wahrscheinlich: Die Menge macht das Gift. Der
Glaube, dass es primär die Form ist, auf die es ankommt, kann natürlich
auf Abwege führen. Und wie beurteilst
Du das tibetische Gurusystem? Dies ist nicht
unproblematisch, da es unglaublich schnell ausgenützt werden kann. Da
gibt es tatsächlich ein grosses Gefahrenpotential. Denn in einigen
tibetischen Traditionen geht man davon aus, dass der Lama, den man für
sich gewählt hat, nicht nur Buddha symbolisiert, sondern auch das,
was über Buddha hinausgeht - also das Absolute. Dies führt sehr
schnell dazu, dass man Fehler oder gar Verfehlungen eines Lama übersieht. Kommen wir noch zum
Zen-Buddhismus. Auch der
Zen-Buddhismus hat seine Stärken und Schwächen. Auch Zen ist voller
klar definierter Formen und Rituale, die allerdings weniger pompös
sind als im Tibet. Das Problem liegt hier vor allem in der Dialektik
von Form und Formlosigkeit. Mir scheint, dass im Zen viele Leute den
Inhalt mit der Form verwechseln. Ich kann es zum Beispiel nicht
verstehen, warum gerade christliche Zentren, ihre Meditationsräume
mindestens so japanisch einrichten wie die Japaner im 14. Jahrhundert. Ein weiteres
Problem im Zen ist das Verständnis der Leere. Hier gibt es
grundlegende Missverständnisse darüber, was mit der Leere gemeint
ist. Bei der Lehre von der Leere lauert stets die Gefahr des
Nihilismus. Der Glaube ans Nichts, der Glaube an die Abwesenheit von
irgendetwas, ist auch politisch gefährlich. Dies ist am groteskesten
im 2. Weltkrieg zum Ausdruck gekommen, wo man gesagt hat: Alles ist
leer - somit kommt es nicht darauf an, ob jemand lebt oder stirbt.
Damals gab es ganze Zen-Klöster, die sich für die Mobilisierung der
Japaner im 2. Weltkrieg stark gemacht haben. Selbst Gräueltaten
wurden so gerechtfertigt. Da gab es wirklich absurdeste, ideologische
Verdrehungen im Bezug auf das Verständnis der Leere. Wird die Leere
falsch verstanden, kann dies fatale Folgen haben. Denn man redet sich
dann ein: Wir können alles machen. Alles ist möglich. Denn wir sind
losgelöst von sämtlichen Normen, Formen und Regeln, so wie das die
alten Zenmeister gepredigt haben... Und wo liegen die
Stärken der Zen-Schulen? Die Stärke des
Zen ist seine starke Naturverbundenheit. Er ist nicht so lebens- und
formabgewandt wie der Theravada, der manchmal fast zur
Lebensfeindlichkeit neigt. Zen wendet sich viel stärker der Natur zu
und liebt alle natürlichen Dinge. Kann man sagen,
dass sich der Mahayana-Buddhismus aufgrund seines Bodhisattva-Ideals
auch mehr den Mitmenschen, ja allen Lebewesen zuwendet als der
Theravada?
Tatsächlich wirft man den Theravadins häufig vor,
sie würden sich ausschliesslich um die eigene Erleuchtung kümmern.
Ich glaube, dass diese Unterscheidung nicht zulässig ist. Das ist
eine künstliche Unterscheidung. Wenn man nämlich das Leben unter dem
Aspekt des Inter-seins, also in der gegenseitigen, einander
bedingenden Verwobenheit des Lebens versteht, dann wird diese
Unterscheidung hinfällig. Trotz
unterschiedlicher Vorzeichen, unterschiedlicher Akzente führt dies in
der Praxis zu einem ähnlichen Lebensvollzug?
Ja. Denn Inter-sein heisst: Du und ich repräsentieren
dasselbe Leben. Wenn ich an meiner Erleuchtung arbeite, arbeite ich
gleichzeitig auch an deiner. Wenn ich schaue, dass ich glücklich
werde und Frieden finde, so macht das niemals Halt bei mir. Diese
Unterscheidung ist rein theoretischer Art. Die Frage ist ja
die, wie wir leidbringendes Sektierertum vermeiden können. Meine
Empfehlung ist da meistens: Bleibt bitte gewöhnlich, ganz normal! Ihr
müsst den Mut haben, eine Meditationsform zu praktizieren, die ganz
gewöhnlich ist und uns von unseren Nachbarn nicht gross
unterscheidet. Die Achtsamkeit und nicht die Form ist entscheidend.
Wenn wir begreifen, dass wir alle ein und dasselbe Leben sind, dann
bedarf es ganz vieler abstruser Zutaten nicht mehr. Was sind denn
Haarschnitt, besondere Kleidung oder Amulette anderes als plakative
Abgrenzungen? Also praktiziere ganz normal, und mit etwas Humor, so
gut du kannst. Das ist meine Botschaft. |