Jenseits
des Selbstbildes
Westliche
Psychotherapie und buddhistische Meditation
Von
Dharmacharya Marcel Geisser
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Erschienen in der Zeitschrift "connection
special", Febr.-März 2000
Wenn wir die westliche Psychotherapie der
buddhistischen Meditation gegenüberstellen wollen, so
finden wir Bereiche, wo sich die beiden Wege eindeutig
gleichen und überschneiden. Darüber hinaus entdecken
wir aber, dass es sich auch um ganz verschiedene Ansätze
handelt. Auf die Frage nach den Gemeinsamkeiten und
Unterschieden zwischen Psychotherapie und der Meditation
möchte ich im folgenden Artikel genauer eingehen.
Nach über 30 Jahren Meditationspraxis und nach langjähriger
Arbeit als Gestalttherapeut bin ich noch heute immer
wieder überrascht von der Tatsache, wie leicht wir
unbestimmte Themen und blinde Flecken herum meditieren
und therapieren können. Wirklich erstaunlich! Es scheint
einfach keine Garantie dafür zu geben, dass eine
bestimmte Methode durchgehend aufdeckend, klärend und
heilend ist. So starr ist in manchen Bereichen das Bild,
welches wir von uns haben, dass innere Veränderungen nur
sehr langsam, wenn überhaupt, geschehen. Dieses
Selbstbild, das wir da aufrechtzuerhalten versuchen, ist
nicht nur in unserem jetzigen Leben entstanden, sondern
reicht oft weit zurück und ist tief verwurzelt mit den
Gewohnheitsenergien unserer Vorfahren. Ein anderes Wort für
Gewohnheitsenergie ist Karma.
Die Frage danach, wer ich wirklich bin, kreist anfänglich
meist um dieses Selbstbild. Einiges von dem, was uns
ausmacht, ist uns bewusst, anderes wurde schon in frühen
Kinderjahren verschüttet und durfte einfach nicht sein.
Es wirkt ständig, aber deshalb nicht weniger kraftvoll
aus der Tiefe unseres Bewusstseins und bestimmt unsere
Gedanken und Entscheidungen mit. Die oft destruktiven und
leidvollen Energien kennen zu lernen und in konstruktive
und heilsame Bahnen zu lenken ist Aufgabe der Therapie
und oft auch eine notwendige Wegstrecke des
Meditationsweges. Dennoch, und das möchte ich mit aller
Deutlichkeit sagen, ist dies weder das Ziel der
Meditation noch das, worin sie sich erschöpft.
Immer wieder hören wir Fragen wie: "Braucht man
nicht ein starkes Ego, um es dann zu überwinden? Wie
soll man etwas loslassen, das man nicht hat?" Es ist
Teil unserer Entwicklung zum erwachsenen Menschen, dass
wir bereits in den ersten Lebensjahren ein Selbstbild
entwickeln und immer differenzierter ausbauen. Dies
geschieht zu einem beachtlichen Teil aus der Wahrnehmung
innerer Empfindungen und aus dem Vergleich mit und der
Abgrenzung zum Du und der Umwelt. Unterdrückung,
Bedrohung und Manipulation in dieser Entwicklungsphase führt
zu Stockung und Verdrehung, und bei einer gewissen
Intensität nennen wir dies Neurose. In der
psychotherapeutischen Arbeit geht es vorwiegend um die
Entdeckung verdrängter Inhalte und Gefühle. Sich
bewusst abgrenzen zu lernen und klar und deutlich "nein"
sagen zu können, um sich dann neu auf die Welt zu
zubewegen in einem neuen "Ja". Freundschaft zu
schliessen mit schwierigen Emotionen. Unsere
Einzigartigkeit wieder zu entdecken, unseren Selbstwert
und unsere Durchsetzungskraft. Es besteht also kaum
Zweifel darüber, dass auch buddhistisch Praktizierende
eine gesunde und integrierte Persönlichkeit als wünschenswert
erachten und nicht der Überzeugung sein können, ein möglichst
verdrehtes Selbstbild und ein untergrabenes Selbstwertgefühl
seien Kennzeichen der Egolosigkeit und damit des
spirituellen Weges.
Ausser wir setzen uns eines Tages direkt und tief mit der
Frage auseinander, wer wir wirklich sind, gehen wir meist
davon aus, dass unser Selbst das ist, was wir von uns
wissen und dass es sich dabei um eine feste und gegebene
Grösse handelt. Das in unseren ersten Lebensjahren
entstandene Selbstbild war ein natürlicher und wichtiger
Schritt in unserer Entwicklung. Es ist selbstverständlich
geworden, dass wir uns getrennt fühlen vom Du und von
der Welt. Nicht nur das. Wir beginnen uns in jeder
Beziehung zu verfestigen, nehmen uns mehr und mehr als
abgetrennte Wesen war und reagieren auf alle Formen des
Angriffs mit Verteidigung. Wir sind uns meist nicht
bewusst darüber, dass wir und somit unsere Persönlichkeit
ein sich ständig verändernder Prozess ist. Die Annahme,
so etwas wie ein festes, abgeschlossenes Selbst zu
besitzen, ist nach buddhistischer Auffassung eine
Konstruktion und bei genauerer Betrachtung eine falsche
Sichtweise. Das wäre weiter nicht schlimm, würde uns
diese Annahme nicht zu vielfältigen, egozentrischen
Gedanken, Worten und Taten verleiten. Handlungen also,
die für uns selbst wie für andere immer wieder sehr
leidvoll sein können.
Hier beginnt der Ansatz von Buddhas Lehre. Die tiefe
Einsicht in die Beschaffenheit der Phänomene eröffnet
den Blick in die Unbeständigkeit und das vollkommene
Verwobensein mit dem Universum. Nichts entsteht aus sich
selbst heraus und nichts wird von einem Schöpfergott
hervorgebracht, sozusagen von aussen. Alles entsteht aus
den vor-hergehenden Voraussetzungen und Bedingungen. Das
Verstehen der gegenseitigen Abhängigkeit bringt natürlicherweise
Mitgefühl hervor. Je tiefer das Verstehen, desto tiefer
das Mitgefühl. Je tiefer wir das Naturgesetz der "Entstehung
in Abhängigkeit" begreifen, desto freier fühlen
wir uns. Einmal mehr erweist sich die Bewusstwerdung
nicht als Belastung, sondern als Quelle des Vertrauens
und der Befreiung. Die Angst, dass wir, angesichts dieser
universalen Ordnung, uns in unausweichlichen Bahnen der
Gewohnheitsenergie befänden, ist rein theoretisch.
Praktizierende MeditiererInnen erfahren täglich, dass
die Achtsamkeit zunehmend einen Raum grösserer
Entscheidungsfreiheit er-öffnet.
Nicht zuletzt brauchen wir auch einen tiefen Wunsch, mit
dem wirklichen Leben in Berührung zu kommen. Mit all
seiner Rauheit und Schönheit. Gewohnheitsmässig
versuchen wir aber das Unangenehme immer wieder zu
vermeiden. Meditation vermag uns über die Suche nach
Annehmlichkeiten oder Heldentum hinaus zu führen, denn
die buddhistische Meditation ist nicht darauf
ausgerichtet, unsere Probleme zu lösen. Es geht nicht
mehr zentral darum, ob es uns gerade gut geht, ob die
Sonne scheint oder ob es regnet. Ein freudvoller, stiller
und gleichmütiger Geist beginnt die Welt so anzunehmen,
wie sie ist. Dieses Annehmen ist niemals passiv, sondern
eine aktive und kraftvolle Begegnung mit dem Leben. Auch
mit den schmerzhaften Seiten unseres Lebens, mit der Veränderung,
dem Altern, Krankheit und Tod. Der gegenwärtige Moment
erstrahlt immer deutlicher in seiner Einzigartigkeit und
unsere Haltung wird getragen von tiefem Respekt. Wenn die
Praxis auf dem Sitzkissen nicht zu einer Flucht in eine
Zuckerwattenwelt ausartet, begegnen wir all den
Regenbogenfarben des Geistes. Unsere Meditationspraxis
ist dann eine zweifache: einerseits anerkennen wir jede
einzelne Farbe ohne Verurteilung, ohne Manipulation. Wir
begreifen langsam, dass dies alles vorbeiziehende Wolken
sind, die niemals unser ganzes Leben ausmachen. Und wir
atmen aus und lächeln. Andererseits haben wir auch mehr
und mehr eine Wahlfreiheit. Gleichzeitig, neben der
nasskalten Wolke der Unlust, zieht eine kleine Rosenwolke
vorbei, eine kleine Rosenknospe, die gerade dabei ist,
aufzugehen. Beide können sein - miteinander,
nebeneinander, ineinander. Wir brauchen uns nicht in den
Schatten des Lebens zu verlieren.
All die Wolken sind Teil dieser sich fortwährend verändernden
Erscheinungswelt. Die Konzepte von "Ich" und
"Anderen", von "Ich" und "Nicht-Ich"
lösen sich auf, denn wir durchschauen deren Konstruktion.
Das Leben selbst ist jedoch keine Konstruktion. Was ist
es dann? Eine fortwährende Offenbarung des Dharma (der
Lebensgesetze) selbst. Und wo ist das Dharma zu finden,
wenn nicht in den zehntausend kleinen und grossen Dingen
dieser Welt?
Wer bin ich?
Die Frage verliert sich im grossen Raum.
Die Wolken und der weite Raum bedingen sich gegenseitig -
so wie sich Wellen und Meer bedingen.
Durch den Gesang der Amsel fliesst die stille Nacht
herbei.
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