Haus Tao
 

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von Marcel Geisser

Interview in der Zeitschrift Ursache&Wirkung,

Nr. 58, November 2006

 

ZEIT DER ENTWICKLUNG

Seit über 100 Jahren ist die Lehre Gautamas auf dem Weg durch Europa und Amerika und entwickelt auch hier ihre eigene (westliche) Ausprägung.

Buddhismus im Westen ist lebendig und findet unterschiedliche  Ausdrucksformen. Durch sein Zusammentreffen mit abendländischer Kultur kommt es zu gegenseitiger Befruchtung aber auch zu Missverständnissen. Wir fragen namhafte buddhistische Persönlichkeiten, was sie von dieser Entwicklung halten, wie sich Buddhismus im Westen entwickeln soll oder ob es bereits einen westlichen Buddhismus gibt?

Marcel Geisser, Zen-Meister, Psychotherapeut, Gründer und Leiter des schweizerischen Zentrums Haus Tao, spricht in dieser U&W-Reihe als Erster von seinen Erfahrungen:

1994 war Thich Nhat Hanh im Haus Tao und sagte mal nebenbei: „Das ist mir alles zu asiatisch.“ Ich frage ihn, was er meinte und er erklärte, dass wir uns mehr auf unsere eigenen Wurzeln beziehen sollen. „Du führst die klassischen Musik des Westens, Mozart und Beethoven als unsere Wurzeln an. Für unsere Generation sind es eher die Beatles und Rolling Stones,“ antworteten wir ihm. Das hat ihn irritiert, weil er, glaube ich, auch gewisse Bilder hatte, was die Wurzeln des westlichen Menschen sind. Er hat dann auch gesagt er wüsste es nicht genau. „Es ist diene Sangha, du weißt es am besten!“ So wurde mir meine Vision klar: Meinen Beitrag zu leisten in der Integration des Buddhismus in den Westen.  Wir haben dann viele Texte ins Deutsche übersetzt. Und das relativ frei,  damit die Menschen bei uns mit ihnen auch etwas anfangen können, ohne den Inhalt zu verändern.

Ich meine, die Eins-Zu-Eins Kopie des Asiatischen ist Ausdruck unserer Unbeholfenheit. Das ist nicht negativ gemeint und ganz normal, wir wissen noch nicht, wie es anders geht. Dazu kommt bei vielen eine starke Romantik, für viele ist Asien, so wie für mich, eine Art zweite Heimat. Auch die Lehre Buddhas ist asiatisch. Es ist eine große Aufgabe und wird wohl eine riesige Arbeit werden, sich davon langsam zu lösen und zu sehen: es geht um die grundsätzlichen buddhistischen Aussagen und die können wir auch in unsere eigene Kultur hineinbringen. Selbst in Asien hat es das gegeben und auch dort sind bis zu 300 Jahre vergangen, bis derartige Prozesse abgeschlossen waren.

Darüber hinaus gibt es für uns noch einige andere große Herausforderungen: die Gleichstellung von Mann und Frau. Und die Gleichstellung in Bezug auf Autoritäten und Hierarchien. ‚Full monastics’, also die voll ordinierten Mönchen und Nonnen und ‚half monastics’, die sogenannten Laien sind gleich zu behandeln. Es ist nicht tragbar, dass jemand unhinterfragt und automatisch Überordnung bekommt, nur weil er eine Robe trägt. Wir müssen das wirklich leben und nicht nur darüber reden.

Der westliche Mensch setzt sich seit etwa 100 Jahren nicht mehr primär über christliche Religion mit dem Geist auseinander, sondern über die Therapie. Ich habe einen psychotherapeutischen Hintergrund und gelernt Menschen in ihren Charakterstrukturen zu erfassen. Das ist mir eine enorme Hilfe, erkennen zu können, dass ein Problem eines Teilnehmers nichts mit der eigentlichen Meditationspraxis zu tun hat, sondern zum Beispiel frühkindliche Muster zum Vorschein kommen.

Thich Nhat Hanh hat uns mit dem Begriff ‚Intersein’, den wir früher etwas irreführend mit dem Begriff ‚Leerheit’ übersetzten, einen Schlüssel in die Hand gegeben, der die Sache sehr anschaulich macht. ‚Intersein’ bedeutet das totale Verwobensein aller Phänomene. Und wenn wir das begreifen, ist das Bodhisattvatum, das Bedürfnis anderen helfen zu wollen, eine natürliche Folge. Das ist nicht mehr aufgesetzt oder ein ‚Man-sollte-so-oder-so-denken’, sondern Intersein ist eine Perspektive: Wir sind ein einziges, ungetrenntes Leben.

Es ist grundlegend und wichtig, dass wir im Buddhismus offen sprechen lernen. Ich habe durch viele Vorträge Kontakte zur Landeskirche. Ich sage dort: „Ihr könnt in gewisser Weise ganz stolz sein, denn im Gegensatz zum Buddhismus seid ihr seit 50 Jahren bei einigen Themen dran und wir haben noch nicht einmal angefangen.“ Und dann staunen sie häufig. Da ist zum Beispiel der Umgang mit dem Zölibat. Das ist ja im Buddhismus nach wie vor ein Tabuthema. Darüber spricht man in buddhistischen Kreisen nicht. Der Buddhismus ist eine monastische Kultur vom Grunde auf. Es gibt einzelne, herausragende Koryphäen, wie Vimalakiti (wichtiger Laienlehrer im 2. Jh), der die zölibatäre Lebensweise mit der weltlichen gleichstellte. Wir hören aber bis heute, dass es die zölibatäre doch bessere Lebensweise ist. Und darüber will ich diskutieren können: ‚Ist unser Leben, wenn wir es in Partnerschaften verbringen, ein Ersatzleben?’ Dieses Thema ist einfach tabu. In meinen Augen hat der Buddhismus ein enormes Erbe vom indischen Kastensystem. Der Buddha wollte die Kasten radikal abschaffen aber in gewissen Bereichen leben wir heute noch im Kastensystem. Die Gleichstellung der Frauen ist auch so ein Thema. Der Buddhistische Weltkongress ist eine patriarchale Angelegenheit, da können die Hauptdelegierten bis heute keine Frauen sein!

Vor 5000 Teilnehmern in Bangkok habe ich ganz klar gesagt: „Es liegt mir fern, Vorschriften machen zu wollen, was hier in Asien gemacht wird, aber ich kann vorhersagen: ‚Wenn ihr im Westen ernstgenommen werden wollt, dann müsst ihr die Frau voll und ganz integrieren.“ Die Frauen sind dort nur in der zweiten und dritten Linie hinter den Mönchen erwünscht. Wir können nichts anderes tun, als ständig mit diesen Themen zu konfrontieren. Da halten, Gott sei Dank, die westlichen Delegierten sehr zusammen.

Wichtig ist die Integration. In Vietnam z.B. hat sich die Integration von Theravada, Mahayana oder Zen schon vor 200, 300 Jahren vollzogen. Ich habe im Haus Tao Vipassana uns Zen verbunden und ich dachte zuerst, dass etwas ganz neues daraus entstand. Anfänglich wurden wir in der buddhistischen Szene dafür fast ein bisschen angefeindet. Es ist mir aber ein Herzensanliegen. Vipassana Praxis ist eine gute Grundlage. Und sie lässt sich fliessend mit dem Mahayana Geist, dem Zen-Geist verbinden, der nicht—dualistischen Sicht des Lebens. Als ich dann Thich Nhat Hahn begegnet bin, sah ich, dass es diese Kombination schon gibt. Ich musste das nicht neu erfinden und so bin ich, von der Geschichte her, kein Außenseiter. Es ist möglich und es ist „legal“. Diese ganze Panik vor der Vermischung ist einfach nicht angebracht.

 Marcel Geisser, Zen-Meister (Dharmachãrya), nach der Tradition von Thich Nhât Hanh, Psychotherapeut (Gestalttherapie und Bioenergetik), Gründer und Leiter des schweizerischen Zentrums Haus Tao, Autor von: ‚Die Buddhas der Zukunft’.