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von Marcel Geisser


erschienen in der Zeitschrift Intersein Nr. 18 (Mai 2001)

Die Vielfalt der Sanghen

von Dharmacharya Marcel Geisser, Wahre Verwirklichung

Spätherbst. Einer der letzten Föhntage hier in Niederösterreich. Ich schreibe diese Zeilen während eines Retreats im Buddhistischen Zentrum Scheibbs. Es ist Teil meiner Arbeit als Dharmalehrer, die verschiedenen Sanghen zu besuchen und sie auf ihrem Weg zu begleiten. Weltweit betrachtet, sind die Sanghen so verschieden wie die Menschen selbst. Einige versuchen, Plum Village nicht nur als Vorbild zu nehmen, sondern es möglichst genau zu kopieren. Andere sind kaum mehr erkennbar unserer Tradition zugehörig.
Im Haus Tao gehen wir seit Jahren wenn immer möglich so etwas wie den mittleren Weg. Dh. wir übernehmen, was wir gelernt haben, wenn es sich auch hier vor Ort bewährt. Ist es jedoch kulturell zu fremd, verändern wir die Formen leicht oder lassen sie ganz beiseite.

Vor über 30 Jahren begann meine Praxis der Meditation im japanischen Zen und insbesondere auch in der Vipassana Tradition. Da wurde zwar immer von den Drei Juwelen gesprochen, faktisch existierte aber nur das Dharma und die Meditationstechnik. Thây gab der Sangha wieder ihren Platz zurück. Ich sage bewusst: "wieder", denn ich bin sicher, dass dies in der langen buddhistischen Geschichte schon öfters geschah. Nicht nur die Menschen, die ganze Natur hat ein tief innewohnendes Bedürfnis nach Gleichgewicht, nach Harmonie. Wir versuchen immer wieder, einen Ausgleich zu schaffen, das, was in den Hintergrund oder in Vergessenheit geraten ist, wieder hervorzuholen, wieder zu betonen. Wenn wir lehren, können wir nicht ständig alles gleichzeitig sagen. Sogleich entsteht im aufmerksamen Zuhörer der Drang, das Vergessene anzusprechen und so beginnen häufig die Diskussionen mit dem Wort "aber". Genauso wenig kann eine Sangha alle Wünsche ihrer Mitglieder abdecken, muss deshalb in Bewegung bleiben, Kompromisse machen und nicht einfach stur eine vorgegebene Form verfolgen.

Als ich an all die Sanghen dachte, die ich kenne, kam mir zuerst das Bild einer Zwiebel mit den einzelnen Schalen und Schichten in den Sinn. Bald war mir aber klar, dass dies einmal mehr ein traditionell-hierarchisches Bild ist und mir der Vergleich eines Gartens mit den verschiedenen Blumen und Gemüsen doch weit sympathischer ist. Da hat jedes seinen Platz, seine Aufgabe, seine Einzigartigkeit, seine Schönheit und Würde. So gab und gibt es für mich niemals nur ein einziges Sanghamodell. Das Leben ist viel zu dynamisch, ständig in Bewegung und Veränderung. Teile fügen sich zusammen, streben wieder auseinander und bilden neue Formen. Wenn wir das verhindern wollen, aus Angst vor Auflösung oder aus dem Wunsch, Grosses zu erschaffen, vergewaltigen wir früher oder später die Freiheit der Wesen und die natürliche Gesetzmässigkeit des Lebens.

Da wir so viel von Sangha reden, ist es nur natürlich, dass wir geneigt sind, in diesen Begriff grosse Erwartungen hinein zu projizieren. So muss die Sangha uns all die unerfüllten Sehnsüchte befriedigen, unsere Einsamkeit beenden, uns in jeder Weise spirituell unterstützen usw. Das sind ganz einfach Überforderungen, die bald mal Enttäuschungen mit sich bringen. Es ist vielleicht ein wenig zu vergleichen mit dem Allerweltswort "Staat". Das kommt vom Staat, das soll der Staat doch übernehmen! Ja wer ist denn diese unerschöpfliche Mama Staat? Und wer ist die Sangha, wenn nicht wir? Erwarte ich nicht einfach zu viel von andern? Wenn es gar um tiefere psychische Probleme geht, kann die Sangha kaum eine gute Therapie ersetzen.

Eine buddhistische Sangha hat die Aufgabe, das Herz von Buddhas Lehre zu praktizieren und zu erhalten. Sie hat eine grundsätzlich gemeinsame Ausrichtung auf diesen Kern hin. Gleichzeitig kann sie ihr ganz persönliches Profil erarbeiten und neue Wege gehen. So ist die Haus Tao Sangha sicherlich geprägt von dem, was wir beide Lehrer hier einbringen, Beatrice und ich. Aber wir wollen bewusst auch vieles offen lassen. Wir haben den tiefen Wunsch, dass die Menschen hier mit offenem Geist praktizieren können. Viele von uns haben verlernt, Fragen zu stellen. Fragen sind oft interessanter als Antworten. Fragen lassen noch viele Möglichkeiten offen, wo hingegen Antworten uns gerne glauben machen, wir hätten etwas Endgültiges und Bleibendes gefunden. Das Verführerische dabei ist auch die Annahme, wir könnten nun die einmal gefundene Antwort immer beim selben Problem anwenden. So wie ein Kochbuch. Speziell dann, wenn die Antworten aus berühmten Mündern kommen. Was dabei herauskommt, sind nur fade Kopien.

Wir haben uns im Haus Tao die Freiheit genommen, unsere Sangha und ihren inneren Geist neu zu formulieren.  Im Mittelpunkt der Neuformulierungen steht das dritte der drei Juwelen, die Gemeinschaft und die wiederum besteht aus Individuen. Die heute zumindest theoretisch anerkannte Gleichwertigkeit aller Menschen und die Gleichberechtigung der Geschlechter bleibt auch in buddhistischen Kreisen häufig Theorie. Eigenverantwortung, Demokratie und Gleichberechtigung sind uns zentrale Werte. Formen, Weihen und Rituale sind immer nur Hilfsmittel zur Vertiefung der Praxis.

Die Wahl der Lebensform entspringt verschiedenen biologischen und psychologischen Präferenzen. Gleichzeitig ist sie eine Strategie im Umgang mit den Hauptkonfliktquellen: Macht, Besitz und Sexualität. Die Annahme dieser Herausforderungen ist ein Praxisweg zu Verstehen und Liebe. So wird der Umgang mit Sexualität und Besitz den Praktizierenden in selbstverantwortlicher Weise überlassen und nicht institutionell festgelegt. Die jeweils gewählte Lebensweise wird zum Übungsfeld und Ausdruck der Praxis.

Wieder hier in der Schweiz in diesem stillen Tal angekommen denke ich noch an eine ganz andere Form von Sangha: diese wort- und formlose Übereinstimmung der Herzen, wie ich sie mit Menschen in allen Teilen der Welt schon erlebt habe.