Archiv
|
Die Vielfalt der Sanghenvon Dharmacharya Marcel
Geisser, Wahre Verwirklichung
Vor über 30 Jahren begann meine Praxis der Meditation im japanischen
Zen und insbesondere auch in der Vipassana Tradition. Da wurde zwar
immer von den Drei Juwelen gesprochen, faktisch existierte aber nur
das Dharma und die Meditationstechnik. Thây gab der Sangha wieder
ihren Platz zurück. Ich sage bewusst: "wieder", denn ich
bin sicher, dass dies in der langen buddhistischen Geschichte schon öfters
geschah. Nicht nur die Menschen, die ganze Natur hat ein tief
innewohnendes Bedürfnis nach Gleichgewicht, nach Harmonie. Wir
versuchen immer wieder, einen Ausgleich zu schaffen, das, was in den
Hintergrund oder in Vergessenheit geraten ist, wieder hervorzuholen,
wieder zu betonen. Wenn wir lehren, können wir nicht ständig alles
gleichzeitig sagen. Sogleich entsteht im aufmerksamen Zuhörer der
Drang, das Vergessene anzusprechen und so beginnen häufig die
Diskussionen mit dem Wort "aber". Genauso wenig kann eine
Sangha alle Wünsche ihrer Mitglieder abdecken, muss deshalb in
Bewegung bleiben, Kompromisse machen und nicht einfach stur eine
vorgegebene Form verfolgen. Als ich an all die Sanghen dachte, die ich kenne, kam mir zuerst das
Bild einer Zwiebel mit den einzelnen Schalen und Schichten in den
Sinn. Bald war mir aber klar, dass dies einmal mehr ein
traditionell-hierarchisches Bild ist und mir der Vergleich eines
Gartens mit den verschiedenen Blumen und Gemüsen doch weit
sympathischer ist. Da hat jedes seinen Platz, seine Aufgabe, seine
Einzigartigkeit, seine Schönheit und Würde. So gab und gibt es für
mich niemals nur ein einziges Sanghamodell. Das Leben ist viel zu
dynamisch, ständig in Bewegung und Veränderung. Teile fügen sich
zusammen, streben wieder auseinander und bilden neue Formen. Wenn wir
das verhindern wollen, aus Angst vor Auflösung oder aus dem Wunsch,
Grosses zu erschaffen, vergewaltigen wir früher oder später die
Freiheit der Wesen und die natürliche Gesetzmässigkeit des Lebens. Wir haben uns im Haus Tao die Freiheit genommen, unsere Sangha und ihren
inneren Geist neu zu formulieren.
Im Mittelpunkt der Neuformulierungen steht das dritte der drei Juwelen,
die Gemeinschaft und die wiederum besteht aus Individuen. Die heute
zumindest theoretisch anerkannte Gleichwertigkeit aller Menschen und
die Gleichberechtigung der Geschlechter bleibt auch in buddhistischen
Kreisen häufig Theorie. Eigenverantwortung, Demokratie und
Gleichberechtigung sind uns zentrale Werte. Formen, Weihen und Rituale
sind immer nur Hilfsmittel zur Vertiefung der Praxis. Wieder hier in der Schweiz in diesem stillen
Tal angekommen denke ich noch an eine ganz andere Form von Sangha:
diese wort- und formlose Übereinstimmung der Herzen, wie ich sie mit
Menschen in allen Teilen der Welt schon erlebt habe. |