Archiv
Text
von Dharmacharya Marcel Geisser

 
Unser Ziel heisst: glücklich sein
DIE WELTWOCHE, Februar 98
Ein Zen-Priester ueber den Buddhismus-Boom * Interview: Maja Dahinden

Marcel Geisser, Buddhist der ersten Stunde und ordinierter Zen-Priester, betrachtet den Buddhismus-Boom in der Schweiz nicht nur mit Wohlgefallen. Er ist Schueler von Thich Nhat Hanh, dem vietnamesischen Moench und Ordensgruender, der bei uns vor allem als Bestsellerautor bekannt ist. 1994 ernannte Thich Nhat Hanh Marcel Geisser zum Zen-Lehrer.

Weltwoche: Sie sind Priester und verheiratet - wie passt das zusammen?

Marcel Geisser: Mein Priestersein ist vergleichbar mit dem Amt eines evangelischen Pfarrers. Im Orden wird zwar zwischen zoelibataer monastischer Tradition und nicht zoelibataer lebender Priesterschaft unterschieden. Doch fuer mich sind beide gleichwertig. Es geht nicht an, dass die Art, wie Sexualitaet gelebt wird, einem automatisch einen hierarchischen Platz zuweist. Zoelibat soll eine freie innere Wahl sein und bleiben.

Warum sind Sie Buddhist geworden?

Vorbereitet auf diesen Weg wurde ich schon als Kind durch meine Grossmutter, die mir spirituelles Vorbild war. Was ich spaeter, mit fuenfzehn, in buddhistischen Buechern las, fiel auf fruchtbaren Boden. Im Christentum fand ich keine Antworten auf die Fragen, die mir damals wichtig waren, zum Beispiel auf die Frage nach Gut und Boese und der Allmacht Gottes und wo denn das Boese darin Platz hat. Als ich mich dem Buddhismus zuwandte, hatte ich deshalb auch nie das Gefuehl, meine Wurzeln zu verlassen. Mir schien vielmehr, dass ich zu meinen wahren Wurzeln zurueckfand.

Wie erklaeren Sie sich den gegenwaertigen Buddhismus-Boom?

Zum Teil haengt das sichr mit der Hoffnung zusammen, dass im Buddhismus alles besser ist, was man noch nicht kennt. Eine Rolle spielen jedoch auch welt- und kirchengeschichtliche Gruende. So muss sich die institutionelle Kirche dauernd korrigieren und anpassen. Man denke nur an Kepler und an Galilei. Im Gegensatz dazu wird das buddhistische Weltbild von der modernen Wissenschaft konstant bestaetigt. Was hier auf verschiedenen Ebenen - sei es in der Quantenphysik, in der Atomphysik oder in der Neurologie - erforscht wird, kennt der Buddhismus seit zweieinhalbtausend Jahren. Zum Beispiel gibt es im Buddhismus die sechsunddreissig Bereiche der Existenz, darunter die sogenannten Kalpas. Das sind Zeiteinheiten, in denen ein Universum entsteht und vergeht - allein schon die Tatsache, dass ein Universum entsteht und vergeht ... ! Die Wissenschaft kommt erst jetzt langsam dahin.

Der Buddhismus als moderne Weltsicht?

Ja, nicht nur eine momentane Mode, sondern tatsaechlich eine moderne Weltsicht. Das ist sicher ein Faktor, der zum Buddhismus-Boom beitraegt. Der andere ist die Enge der Perspektive in der institutionellen christlichen Kirche. Nehmen wir das Erloesungsmodell, wo es heisst, Jesus Christus sei der einzige Weg zum Glueck und zur Wahrheit. <Keiner kommt zum Vater ausser durch mich ... > - Dieser Satz heisst letztlich: <Unser Weg ist allein seligmachend.> Und nicht <Unser Weg ist seligmachend.> Keine Religion oder Philosophie kann die Wahrheit sein - nur das Werkzeug dazu, der Schluessel sozusagen.

Aber das hat doch nichts mit Glauben zu tun?

Der Buddhismus ist keine Glaubensreligion, sondern eine erfahrbare Lebenshaltung. Buddha sagte: <Glaubt nichts, was Autoritaetspersonen euch sagen und was die Priesterschaft erzaehlt - praktiziert und schaut selbst ... > Buddhismus ist nicht erreichbar oder machbar. Es ist nicht getan mit einigen Workshops oder mit blinder Uebernahme einer exotischen Kultur. Sobald die Menschen realisieren, dass es sich hier um minuzioese, alltaegliche Praxis handelt und um einen Lebensweg, der jegliche Glaubenssaetze radikal hinterfragt, wird der Boom in sich zusammenfallen. Was man in sich naehrt, waechst.

Was ist das Kernstueck der Lehre?

Die Lehre des Buddha, des Dharma, ist identisch mit dem Lebensgesetz. Und das Gesetz des Lebens ist Veraenderung, Vergaenglichkeit, Verwandlung und abhaengige Entstehung, also gegenseitige Bedingtheit. Das ist der eigentliche Kern der Lehre. Alles ist in allem enthalten. Du kannst nichts aus dem Universum entfernen - wohin auch? Alles formiert sich fortwaehrend neu. Alles ist in konstanter Verkoerperung und Wiederverkoerperung.

Wo bleibt denn die <Seele?>

Seele im christlichen Sinne, als feste und fixe und bleibende Identitaet, die irgendwann zur Rechten des Vaters jubiliert auf ewige Zeiten - diese Vorstellung von Seele hat mit dem Buddhismus nichts zu tun. Die anderen Weltreligionen setzen die Tatsache, dass wir Individuen sind, gleich mit der Idee, wir haetten eine Seele, die unvergleichbar und unverkennbar ist - und dadurch auch fest und bleibend. Doch dem widerspricht allein schon die Beobachtung der Naturgesetze. Alles ist in konstanter Veraenderung, kommt zusammen, vergeht, verwandelt sich, bildet neue Formen. Es gibt kein bestaendiges Selbst, auch wenn wir noch so verzweifelt an dieser Illusion festhalten.

Troestlich ist diese Vorstellung nicht.

Richtig. Denn hier kommen wir an die Urangst heran, im Buddhismus Urtaeuschung genannt - wir wollen sein, wir wollen bleiben. Die falsch verstandene Inkarnationstheorie ist eine verkappte Taeuschung, die aus der Hoffnung besteht: ich bin gewesen, ich bin, und ich werde immer sein. Das ist Ewigkeitsglaube nach dem Motto: <Was haette das Leben sonst fuer einen Sinn?> Das, was nach dem Tode weiterlebt, ist nicht Seele, sondern reine Gewohnheitsenergie. Und was Gewohnheitsenergie genau ist, das ist von Mensch zu Mensch verschieden. Wenn zum Beispiel jemand sein Leben lang negative Bewusstseinszustaende hervorgebracht und kultiviert hat, dann laufen die weiter, die hoeren nicht einfach auf, nur weil der Koerper nicht mehr kann. Nehmen wir mal an, jemand ist sehr abhaengig von seinem Partner, und dieser verunfallt und stirbt. Die Sehnsucht des Zurueckgebliebenen ist so stark, dass er immer nur an ihn denkt, an ihn, an ihn... Stirbt er oder sie schliesslich ebenfalls, hoert diese Sehnsucht nicht auf. Diese Kraft ist wie ein Zug, den man anhalten moechte, doch die Kraft schiebt, die Kraft will weiter. Und so ist es nicht mehr das Individuum, das ein anderes sucht, es ist vielmehr seine Gewohnheit, die weiterdraengt. Und dieser Gewohnheit ist es voellig egal, wie sie die Naehe des andern wiederfindet, wenn sie sie nur findet.

Nennt man das Suende?

Nein, die Gewohnheit ist wertfrei. Das Gesetz von Absicht und Gewohnheit nennt man Karma. Die Absicht selbst ist eine Kraft, eine Energie; und diese Energie bringt Karma hervor. Wenn du zum Beispiel gewohnt bist, Kaffee zu trinken, ist das sogenanntes Kaffeekarma; du brauchst deinen Kaffee, sonst bist du ungluecklich. Karma selbst kann sich positiv oder negativ aeussern und entsteht durch positive oder negative Absichten. Persoenliches Karma alleine gibt es allerdings nicht. Die haeufig gehoerte Interpretation <Das ist halt dein Karma>, ist nicht haltbar.


Sie unterrichten auch buddhistische Psychologie? Was ist das?

Die Grundformel lautet: <Womit man sich beschaeftigt, das waechst.> Wenn ein Mensch sich staendig mit negativen emotionalen und geistigen Zustaenden befasst, Aerger, Neid, Hass und so weiter, dann werden ihn diese Zustaende schliesslich dominieren. Wer dagegen Freude oder die Liebe in sich naehrt, richtet seinen Geist auf das Positive aus. Thich Nhat Hanh nennt das: <Samen der Freude pflanzen.> Es ist eine sehr hoffnungsvolle Psychologie. Demzufolge bist du nicht das Opfer deiner Vorfahren oder das Opfer deiner Umgebung oder das Opfer deiner in der Kindheit erlebten Traumata. Die sind zwar da. Doch alle Momente, wo du in Frieden bist mit ihnen und sie akzeptierst, foerdern die Qualitaet des Verstehens und der Liebe. Damit ist nicht Verdraengen gemeint, sondern ein Anerkennen, dass das alles Teil deiner Geschichte ist, und die Faehigkeit, die Vergangenheit auf sich beruhen zu lassen. Es geht auch nicht um Aufarbeitung. Aufarbeitung beinhaltet immer ein Abschliessen. In der buddhistischen Psychologie kann nichts aufgearbeitet und somit abgeschlossen werden. Es geht vielmehr um Versoehnung, vor allem mit uns selbst.

Aber wie soll ich mit Gefuehlen wie Hass oder Aerger umgehen?

<Auf Aerger beispielsweise reagieren wir spontan mit Schuldzuweisung: - Du bist schuld an meinem Aerger.> Wuerden wir innehalten und Achtsamkeit ueben, das heisst wirklich wahrnehmen, was in unserem Bewusstsein passiert, dann merkten wir bald, dass es ja unser Geist ist, der den Aerger hervorbringt. Der andere ist nur der Ausloeser fuer etwas, was bereits in mir drin wohnt, das er zutage foerdert. Ohne Achtsamkeit fallen wir in die Identifikation, das heisst, wir sind nicht imstande wahrzunehmen, dass es im Bewusstsein drin im Moment Aerger hat. - So wie es in einem See drin Fische hat. Nein, wir sind dann gleich der Aerger, wir sind der Fisch. Und wir kaempfen und krampfen um diese Identifikation herum.

Was ist Ziel dieser Psychologie?

Gluecklich zu sein. Unser Weg ist, darauf zu achten: <Welche Emotionen oder Geisteszustaende sind heilsam und welche nicht? Welche foerdern mein Gluecklichsein und welche nicht?> Und dann den Fokus des Geistes auf die heilsamen Zustaende zu richten, das ist der ganze Trick. - Es ist wie bei einem Gaertner; diejenigen Pflanzen, denen er Beachtung, Zuwendung und Aufmerksamkeit schenkt und sie damit naehrt, die wachsen auch und tragen Fruechte.


***