Leerheit - oder das Problem mit der Wirklichkeit
Thema: Meditation und
aussergewöhnliche Bewusstseinzustände
Vortrag von Marcel Geisser am
Symposium der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich, Thema "Wahn und
Wirklichkeit", November 05
Guten Tag meine Damen und Herren.
Nach zweieinhalb Tagen höchst
interessanter Vorträge aus den verschiedensten Disziplinen zum Thema
Bewusstsein, würde es mich reizen, Ihnen einen kleinen Einblick zu geben in das
was wir „buddhistische Psychologie“ nennen könnten, nämlich die systematischen
Darlegungen des Abhidharma. Referate wie die von Dürr und Görnitz liessen mein
buddhistisches Herz höher schlagen, denn die Erläuterungen zur Quantentheorie
ähneln verblüffend den Lehren der Avatamsaka- oder Madhyamika-Schulen. Seit fast zweitausend Jahren
gelten die Definitionen des „Mittleren Weges“ als die intelligentesten und
komplexesten Annäherungen an die Wirklichkeit.
Der Begriff „Mittlerer Weg“ bezieht sich einerseits auf die meditative
Praxismethode zwischen Kasteiung oder reines schwelgen in Sinnenlust, aber auch
auf die philosophischen Begriffe von Sein und Nicht-Sein, Materialismus und
Nihilismus.
Nach so viel interessanten Informationen und intellektueller Betonung
möchte ich die verbleibenden Minuten jedoch dazu verwenden, Ihnen einen
zweiten, ergänzenden Weg darzustellen: den Weg intuitiver Einsicht. Wir
verwenden hier jedoch den Begriff „intuitiv“ nicht einfach dann, wenn wir nicht
mehr weiter wissen und meinen keineswegs eine unklare oder gar vernebelte Sicht
der Dinge. Im Gegenteil, Prajna oder Weisheit/ Verstehen ist ein äusserst
klarer Geisteszustand, der nur zum Vorschein kommt, wenn gewisse Voraussetzungen
im Geiste erarbeitet wurden. Darauf will ich etwas später eingehen. Zuerst mag
ich ihnen ein Gedicht von Ryokan vorstellen, der als eindrückliches Beispiel
der gilt, die diesen anderen Weg gewählt haben:
Mein Leben mag anderen als langweilig erscheinen,
aber ich gehe meinen Weg in aller Ruhe.
Da hab ich einen Sack Reis und Feuerholz neben meinem Herd.
Wenn ich gefragt werde, worin sich Erleuchtung und Täuschung
unterscheiden,
lässt sich das nicht sagen.
Ehre und Reichtum sind nur leerer Tand.
Ich sitze während des Abendregens in meiner Hütte
Und strecke zur Antwort meine Füsse aus.
1. Buddhismus hat sich der
Erforschung des Bewusstseins schon lange zugewendet
Mit der Frage: „Was ist Wirklichkeit“ beschäftigte sich die geistige
Elite Asiens seit mindestens drei- bis viertausend Jahren. Dabei spielen die
Begriffe „Wahn“, „Täuschung“ und „Einsicht“ eine zentrale Rolle. Auch galt
schon damals die Annahme, es könnte sich bezüglich dem Leben und seinen
Erscheinungsformen um rein materielle Prozesse handeln, als höchst einseitig
und äusserst oberflächlich. Im Zentrum des Interessens stand vielmehr die
Frage, wie sich Bewusstsein und Materie gegenseitig bedingen. So wie es immer
schon Vertreter einer rein materialsten Weltsicht gab, finden wir insbesondere
im Buddhismus auch Schulen, die die Welt als Konstrukt des reinen Bewusstseins
verstanden, wie in der Yogachara, bzw. Vijnanavada-Schule. Als Krönung wurden
die schon oben erwähnten Schulen (Avatamsaka und Madhyamika)
angesehen.
2. Verschiedene Formen
aussergewöhnlicher Bewusstseinszustände
In
den letzten Tagen haben wir von verschiedenen, nicht alltäglichen und
veränderten Bewusstseinszuständen gehört. Von all den verschiedensten Formen
veränderter Bewusstseinszustände interessieren uns aus buddhistischer Sicht
-
die
konzentrative Zustände, die in tiefen Versenkungen des Geistes führen
-
das
klare Gewahrsein, das Einsicht mit sich bringt.
„Buddha selbst vertiefte sich anfänglich in die
konzentrativen Meditationsformen, bis er erkannte, dass sie sich als Sackgasse
erwiesen und nicht zum erhofften Erfolg führten. Diese Zustände sind zwar
äusserst bemerkenswert. Sie können in den Bereich paranormaler Fähigkeiten
führen oder zum vollkommenen Versiegen aller Geistformationen, was unter dem
Begriff „zeitweiliges Erlöschen“ oder Nirodha-samapati bekannt ist.
Diese sogenannten Versenkungszustände werden heute
noch gelehrt und es besteht ein Jahrhunderte alter Disput zwischen den
Meditationsschulen, wie gross der Anteil dieser Konzentrationsfähigkeiten zu
sein hat, um den Geist zum gewünschten inneren Frieden führen zu können.
Buddha selbst hat offenbar diese Versenkungszustände
bestens gekannt und nicht für tauglich erklärt als echten Weg zur Befreiung. Ob
wir uns auf dem Weg zu Versenkungszuständen oder zur tiefen Einsicht
(Erleuchtung) befinden, alle Formen emotionaler Verwicklung trüben unsere
Wahrnehmung, bzw. färben sie einseitig ein und gelten daher als wahnhaft und
als Hindernis.
3. Was ist der Zweck solcher
Bewusstseinszustände im Buddhismus?
Wichtig: Buddha hat solche Zustände nicht als Selbstzweck untersucht,
sondern weil er nach einem Weg suchte, das Leiden zu überwinden. Es ging ihm
weder darum, angenehme, rauschhafte Zustände zu erleben, noch um
schamanistische Bewusstseinszustände zwecks Heilung von psychischem oder
körperlichen Leiden, sondern um dadurch zu tieferen Einsichten zu gelangen.
Sein Antrieb war nicht eine momentane Leidensbefreiung, sondern sein tiefster
Wunsch, dieses Leiden grundlegend überwinden zu können und wahres Glück zu finden.
Aus der buddhistischen Perspektive gehen wir davon aus, dass alle
Organismen glücklich sein wollen. Wir selber möchten, dass es uns gut geht,
aber auch unser Nachbar, die Politikerin, das Schulkind, die Hunde, Katzen und
Vögel und alle anderen Wesen – sie alle möchten glücklich sein. Dieser
grundlegende Wunsch treibt oft seltsame Blüten, was aber nichts ändert an
seiner Macht in unser aller Leben.
Leiden und Glück beruhen immer auf unserem Bewusstsein, ohne Bewusstsein
gäbe es die Erfahrung von Freud und Leid nicht. Deshalb steht das Bewusstsein
im Zentrum unseres Interesses. Es gilt, die inneren Bedingungen für Freud und
Leid kennen zu lernen und zu erkennen, welche Bewusstseinszustände welche
Resultate hervorbringen.
Buddha hat erkannt, dass unser Leiden auf einer verblendeten Sicht
dessen, was wir im Alltag für die Wirklichkeit halten, beruht. Wir glauben, in
einer Welt fester Objekte und Personen zu leben, in einem stabilen System von
Raum und Zeit und – vor allem – wir glauben, ein abgeschlossenes, stabiles
Selbst zu besitzen. Dadurch verkennen wir die eigentliche Natur dieser
Phänomene und verhalten uns entsprechend. Letztlich
wird der gesamte, nicht-erleuchtete Geisteszustand der Lebewesen als wahnhaft
bezeichnet, denn wir sehen die Dinge stets wie durch eine eingefärbte Brille.
Aus buddhistischer Sicht können wir diesen unerleuchteten, alltäglichen
Bewusstseinszustand als normal bezeichnen, und Zustände, die vermehrt geprägt
sind von Geistesklarheit bereits als Altered States bezeichnen. Es sind diese
höherentwickelten Bewusstseinszustände, die uns eine tiefere Sicht ermöglichen.
Wenn wir genau hinschauen, erkennen wir, dass das Leben ein sich dauernd
veränderndes und relativ instabiles System ist. Menschen werden geboren und
sterben, verlassen unser Leben, Dinge zerfallen und Neues entsteht. Obwohl wir
dies seit vielen Jahrtausenden tagtäglich bezeugen können, werden wir emotional
mit der Tatsache der Vergänglichkeit nur sehr schlecht fertig. In unserem
Bestreben, ein Höchstmass an Sicherheit und Stabilität zu erreichen, sind wir
dabei, die Welt buchstäblich einzumauern.
Und doch: Das Leben ist ein ständiger fliessender Fluss und jede
Erscheinungsform kann nur auf Kosten anderer Erscheinungsformen entstehen. Wir
sind nicht diesem Gesetz ewiger Unbeständigkeit ausgeliefert, sondern wir sind
der Ausdruck dieses Naturgesetzes. Alles entsteht und vergeht auf Grund von
komplexen Bedingungen und nur in gegenseitiger Abhängigkeit . Aus
buddhistischer Sicht fragen wir nicht danach, ob die Phänomene, also die
Dinge und Ereignisse gegenseitig verbunden sind, sondern es interessiert uns
vielmehr, wie sie sich gegenseitig bedingen.
Uns dieser fliessenden, komplexen Natur des Lebens, dieser
Bodenlosigkeit, zutiefst bewusst zu werden, ist also das eigentliche Ziel von
Meditation. Wenn wir wirklich wissen, bis in unsere Zellen hinein, wie sich
alles ständig bedingt, wie alles ständig im Entstehen und zugleich Vergehen
begriffen ist, dann haben wir darin auch den Schlüssel zum wahren Glück. Wir
lernen so allmählich, auf einer sehr tiefen Schicht nicht mehr an Dingen und
Situationen festzuhalten, sondern sie sein, oder – fliessen, zu lassen. Nicht
festhalten zu müssen, „Körper und Geist fallen zu lassen“, wie es der
japanische Zen-Meister Dogen genannt hat, bringt wahren Frieden.
4. Warum betonte Buddha
Meditation und nicht intellektuelle Einsicht? Was ermöglichen aussergewöhnliche
Bewusstseinzustände?
Warum nun aber soll Meditation nötig sein, um zur Einsicht in die
ständige Veränderung und gegenseitige Bedingtheit aller Phänomene zu gelangen?
Weshalb reicht es meistens nicht, dies rein intellektuell zu erfassen oder auch
nur den „gesunden Menschenverstand“ walten zu lassen? Die Jahrtausende alte Erfahrung hat gezeigt, dass
wir nur rein intellektuell und mit ungeübtem Geist kaum in die notwendige Tiefe
der Phänomene eindringen können.
Die reine Achtsamkeit bewirkt Geistesklarheit und ist
frei von Gier, Aversion und Egozentrik und gilt als solcher schon als erhöhter
oder veränderter Zustand. Es ist dieses egozentrikfreie Bewusstsein, das die
Kraft besitzt, die Alltagswirklichkeit zu transformieren und ein erleuchteter
Zustand herbeizuführen.
Welches sind die Voraussetzungen für ein direktes Verstehen des Lebens
und der Naturgesetze? Durch das Zusammenwirken bestimmter Geisteszustände
entsteht eine aussergewöhnliche Klarheit. Diese Geisteszustände nennen wir
Erleuchtungsfaktoren. Sie sind:
[
Achtsamkeit
[
Wahrheitsergründung
[
Willenskraft,
Energie
[
Subtile Freude
[ Stille des Geistes
[
Sammlung oder
Konzentration
[
Gleichmut
Durch die Entwicklung und das Zusammenwirken dieser Faktoren entsteht
die geistige Qualität, die wir Prajna oder Weisheit genannt haben. Wir
beginnen, einen Einblick zu gewinnen, wie wir gelernt haben, die Idee vom
Selbst und der Welt hervorzubringen, also zu konstruieren. Wir benutzen dafür
alle erdenklichen Kategorien zur Identifikation. Abgesehen von all den
alltäglichen Massstäben wie Alter, Geschlecht, Grösse usw. werden selbst
religiöse und metaphysische Inhalte bestens für diese Konstruktion eingesetzt
werden. Wir können die einzelnen „Bausteine“, aus denen der Geist und das
sogenannte „Ich“ sich zusammensetzen, kennen lernen. Das verstehen wir unter
Selbsterkenntnis: Wer bin ich wirklich? Ich bin ja nichts anderes – zumindest
auf der relativen Ebene – als all diese Bausteine; dennoch bin ich kein
einziger dieser Bausteine wirklich, weil auch die wiederum aus anderen
Bausteinen zusammengesetzt und ihrerseits genauso bedingt entstanden sind. Im
Grunde ist alles ein dynamisches, energetisches Universum. Wir aber haben es
künstlich festgelegt. Was immer wir hier in diesem Universum vorfinden,
entstand, besteht und vergeht in gegenseitiger Abhängigkeit. So ist, genau
genommen, die trennende und dualistische Sichtweise unseres Alltags nicht
korrekt und entspricht nicht den Naturgesetzen. Wir nennen die umfassendere
Sichtweise in der Zen-Tradition auch »Leerheit« oder »Intersein«. Nagarjuna,
der große buddhistische Philosoph, beschreibt die Leerheit oder Intersein
anhand der Beziehung von Feuer und Feuerholz. Gewöhnlich erachten wir die
beiden als getrennte und unabhängige Einheiten. Natürlich gibt es auch Feuer,
das von einem anderen Brennstoff genährt wird als von Holz. Darum geht es hier
nicht. Betrachten wir zum Beispiel Holz als Feuerholz, stellen wir bereits eine
Verbindung her zum Feuer, das damit gemacht werden kann. Somit beschreiben wir
eine Beziehung und Abhängigkeit zwischen Feuer und Holz. Kurzum: ohne Holz kein
Feuer. Aber ohne dass es überhaupt Feuer gäbe, wäre der Begriff Feuerholz
genauso sinnlos. Damit versucht Nagarjuna uns die Leerheit deutlich zu machen.
Manchmal gebrauche ich auch ein
anderes Beispiel. Was wird zuerst geboren, der Vater, die Mutter oder das Kind?
Betrachten wir dies einmal tiefer als unsere konventionelle Abmachung, so müssen
wir zugeben, dass alle gleichzeitig und auf Grund einer gegenseitigen
Bedingtheit oder Abhängigkeit entstehen. Ein Mann wird ohne das Vorhandensein
eines Kindes nicht zum Vater, genauso wenig wie eine Frau ohne Kind zur Mutter
wird. Die beiden Begriffe bezeugen stets das Vorhandensein eines anderen. Wir
legen uns jedoch meist auf der einen oder anderen Seite fest, polarisieren und
denken häufig in Extremen. Entweder es ist schwarz oder weiß. Das eine Extrem
richtet sich immer gleich auf »Sein«, auf Festigkeit, auf bleibende Existenz.
Stellen wir diese in Frage, so landen wir schnell im anderen Extrem, in der
bloßen Verneinung, im Nichtsein. Wir sind einfach wie wir sind, und die Dinge
sind einfach wie sie sind, alle aus unzähligen Bedingungen entstanden. Wenn wir
erkennen, wie wir unsere Ich-Illusion künstlich erzeugen, wie wir dieses Haus
künstlich erbauen, dann haben wir auch den Schlüssel in der Hand, dieses Haus
nicht mehr auf diese Weise zu erschaffen. Wir benutzen hier aus der
buddhistischen Sicht die Worte Ich-Illusion, Ego und Selbst synonym und nicht
in einem westlich psychologischen Sinn. Sie beziehen sich immer auf die
Illusion, eine feste, abgeschlossene Wesenheit zu sein.
Die
Bildung eines Ich-Bewusstseins ist ein natürlicher Prozess in der Entwicklung
komplexer Organismen, also nicht grundsätzlich falsch. Es liegt aber in der
Natur dieses Bewusstseins, dass es sich selbst als etwas sieht, das aus sich
selbst heraus existieren kann, und seine eigene bedingte Entstehung allzu
leicht ignoriert – und das ist wirkliche Verblendung. Einmal aufgebaut, wird es
bis zum Letzten verteidigt. Dieses Festhalten ist die Ursache des Leidens. Das
Ich bedient sich der beiden Kräfte von Gier und Aversion. Selbstverständlich
erfahren wir diese meist in ihren viel subtileren Formen wie Verlangen nach
Angenehmem und Abneigung gegenüber Unangenehmem. Dahinter liegt die Täuschung
über ein getrenntes und abgeschlossenes Selbst. Das Entscheidende der drei
Grundübel ist somit die Verblendung, denn sie bewirkt das Festhalten und
Anhaften. Sie ist wie der Wurzelstock eines Baumes: Ohne Wurzelstock wachsen
weder Stamm noch Äste. Hätten wir keine Ich-Illusion, würden wir auch nicht
glauben, dass angenehme, ersehnte Objekte, respektiv das Vermeiden unangenehmer
Objekte, uns das definitive Glück bringen könnten.
Allerdings: Spirituelle Sicht bedeutet nicht eine
einseitige Betonung des Absoluten:
Die
spirituelle Sicht umfasst die relative, alltägliche Sicht auf die Dinge wie
auch das, was wir – in Ermangelung eines passenderen Begriffs – das »Absolute«
nennen. Manchmal sprechen wir von der »relativen und der absoluten Wahrheit«.
Das könnte uns jedoch schnell zu der Annahme verleiten, als existiere so etwas
wie eine fassbare, absolute Wirklichkeit, die getrennt ist von der relativen.
Deshalb betont Nagarjuna, dass es sich beim so genannten »Absoluten« vielmehr
um ein Resultat, eine Frucht der Einsicht handele und nicht um ein Ding, das
als »Absolute Wahrheit« bezeichnet werden könnte. Es gibt somit nicht etwas
zwei sich entgegengesetzte Welten oder eine Welt „hinter“ der Welt, sondern nur
verschiedene Sichtweisen ein und derselben Wirklichkeit. Wenn wir also von
Leerheit sprechen, dann meinen wir damit, dass nichts aus sich selbst heraus
existieren kann, sondern nur in unfassbarer Verwobenheit, in gegenseitiger
Abhängigkeit entstanden ist (co-dependent arising).
5. Abgrenzung gegenüber psychischer
„Krankheit“ und Drogenzuständen
Im
Gegensatz zu unkontrollierter Veränderung des Bewusstseins (z.B. bei
psychischer Krankheit oder bei Unfällen usw.), wird durch die Meditationspraxis
der Organismus über lange Zeiträume auf die Veränderung vorbereitet und wir
könnten deshalb sagen, Meditation führt nicht in die Paranoia (neben dem
Verstand sein), sondern in die Metanoia.
Wie
wir aus unzähligen Drogenerfahrungen wissen, ist allein die Tatsache, dass das
Bewusstsein verändert wird, keinerlei Garantie dafür, dass es auch „positiv“
verändert wird. Die Meditationsschulung ist eine jahrelange Einübung präzise
ausgewählter geistiger Faktoren. Aus buddhistischer Sicht kennen wir ca. 52
Faktoren, die in heilsame, unheilsame und neutrale eingeteilt werden. Die
meditative Praxis findet keineswegs nur auf einem Sitzkissen statt, sondern
beinhaltet eine umfassendere Ausrichtung des Lebens mit erhöhtem Gewahrsein und
Ethik.
6. Bedeutung solcher
Einsichten in die Natur von Wirklichkeit
Ob es uns gelingt, die
Naturgesetze tief und direkt zu
verstehen und damit eine unmittelbare Einsicht in den Prozess des Lebens zu
gewinnen oder ob wir in Täuschung oder Wahn durchs Leben gehen, ist von
höchster Bedeutung für unser individuelles und kollektives Glück. Denn tiefe
Einsicht bringt nicht nur Angstfreiheit, sondern auch Mitgefühl für alle
anderen Lebensformen. Doch zuerst bringt die Einsicht eine sogenannte „Bodenlosigkeit“.
Mit den Worten von Francisco Varela: „Bei der Analyse der unmittelbaren
Erfahrung stellten wir fest, dass Kognition vor dem Hintergrund einer Welt
emergiert, die zwar unsere individuellen Grenzen überschreitet, sich aber nicht
von unserer Verkörperung trennen lässt. Als wir uns von dieser grundlegenden
Zirkulation abwandten, um ganz den Bewegungen der Kognition zu folgen, fanden
wir dort keine subjektive Grundlage, kein festes, bleibendes Ich-Selbst vor.
Als wir eine objektive Grundlage suchten, trafen wir eine Welt an, die durch
unsere Geschichte der strukturellen Koppelung inszeniert wird. Schliesslich
sahen wir, dass diese verschiedenen Formen der Bodenlosigkeit zu einer einzigen verschmelzen: Organismus
und Umwelt sind ineinander eingefaltet und entfalten sich auseinander in der
grundlegenden Zirkularität, die das Leben selbst darstellt“. Nach anfänglicher
Verwirrung und Angst kommen Freiheit und eine offene Weltsicht immer mehr in
den Vordergrund. Dies setzt voraus, dass der Geist zur Ruhe gekommen ist und
sich nicht mehr an die Phänomene klammert. Eine meditative Lebensweise und
Praxis sind dafür weit bedeutungsvoller als Theorien und Lehrsysteme. Sie sind
die Grundlage für Freiheit und das Erlöschen des anscheinend unstillbaren
Durstes (Trishna) nach ewig neuem Leben. Dabei ist nicht das kontinuierlich
fließende Leben ein Problem, sondern das gierige Festhalten daran. Aufgrund der
Gewohnheit, die Welt nach ihrer Erscheinung zu interpretieren, reduzieren wir
jede Erfahrung auf bestimmte Ideen. Was übrig bleibt, ist ein enger Begriff der
Wirklichkeit und nicht die Wirklichkeit selbst. Offenbar entspricht es dem
Bedürfnis des Menschen, die Welt anzuhalten, zu fixieren, um sie zu
kontrollieren und angenehme Erlebnisse und schöne Zustände für immer bewahren
zu wollen. Alles, was wir irgendwann einmal als angenehm erlebt haben, wollen
wir verewigen. Da ist die so genannte samsarische Energie, eine unfassbar
starke Energie: Es entstehen immer neue Illusionen aufgrund von egozentrischem
Verlangen.
Versuche,
tiefe Erfahrung in Worte zu fassen, können nur scheitern. Uns bleibt nur die
Andeutung. Aber es fällt uns offenbar schwer, im Erleben selbst zu bleiben. Das
Leben ist ein komplexer Prozess, der sich von Moment zu Moment, aus unzähligen
Abhängigkeiten heraus immer wieder neu gestaltet. Es ist Schönheit, die Dinge
offen lassen zu können. Nicht-Wissen ist die Weisheit des ungesicherten Lebens.
So lernen wir wieder zu staunen wie die Kinder. Wir können wieder einen Vogel
oder einen Baum anschauen und müssen nicht gleich wissen, wie er heißt und wie
alt er wird. Natürlich kann es interessant sein, solche Details zu studieren,
aber wenn wir nur noch mit solchen Schemata durch die Welt laufen, beginnen wir
die Schönheit des Lebens in Konzepten zu ersticken. Dann sehnen wir uns wieder
nach dem Staunen der Kinder, da wir die Welt verloren haben. Das erleuchtende
Bewusstsein eröffnet uns die Freiheit einer positive Bodenlosigkeit im
Vertrauen vollkommen Aufgehobenseins. Die enge und kleine Welt vom Ich fällt ab
zugunsten der Perspektive des weiten Raumes. Möge diese tiefste Offenheit ganz
praktisch und in unserem gelebten Alltag allen Wesen zugute kommen!
Abschliessend
möchte ich Ihnen ein Gedicht meines Lehrers Thich Nhât Hanh mit auf den
Heimweg geben, das die Leere, oder wie er es weit aufschlussreicher nennt,
nämlich Intersein, überaus gut verdeutlicht. Wie schnell fallen wir auf die
Einseitigkeit unserer Wahrnehmung herein und teilen die Welt in gut und böse.
Bei tieferer Betrachtung erkennen wir jedoch, dass wir weit mehr sind:
Bitte rufe mich bei meinen
wahren Namen
Sag
nicht, dass ich morgen scheide,
Denn ich bin noch gar nicht
ganz da.
Schau: Jede Sekunde komme ich
an, um
zu werden die Knospe am
Frühlingszweig,
ein kleiner Vogel mit
Flügeln, die noch nicht tragen —
im neuen Nest lerne ich
gerade erst singen;
ein Käfer im Herzen der Blume
und ein Juwel, verborgen im
Stein.
Ich komme gerade erst an mit
Lachen und
Weinen, mit Furcht und mit Hoffnung.
Der Schlag meines Herzens ist
Geburt und
Tod von allem, was lebt.
Ich bin die Eintagsfliege,
die vielgestaltig
schillert auf der Oberfläche
des Flusses,
bin auch der Vogel, der im
Frühling gerade noch rechtzeitig kommt, um die Fliege zu schnappen.
Ich
bin der Frosch, der ganz zufrieden
im
klaren Wasser des Teiches hin- und herschwimmt und ich bin die Schlange,
die
vom Froschfrass lebt.
Ich
bin das Kind in Uganda, nur Haut und
Knochen,
mit Beinen so dünn wie Stöcke aus Bambus, und ich bin der Kaufmann,
der
tödliche Waffen nach Uganda verkauft.
Ich
bin das zwölfjährige Mädchen,
Flüchtling in einem kleinen
Boot,
das sich in den Ozean wirft,
nachdem es von einem
Seepiraten vergewaltigt wurde, und ich bin der Pirat,
mein Herz ist noch nicht
fähig,
zu sehen und zu lieben.
Ich bin ein Mitglied des
Politbüros mit
reichlich Macht in meinen
Händen,
und ich bin der Mann, der
seine
„Blutschuld“ an sein Volk zu
zahlen hat,
langsam sterbend in einem
Arbeitslager.
Meine Freude ist wie der
Frühling, so warm,
dass sie die Blumen in allen
Lebensformen
erblühen lässt.
Mein Schmerz ist wie ein
Fluss von Tränen,
so voll, dass er die vier
Meere füllt.
Bitte
rufe mich bei meinen wahren Namen,
damit
ich all meine Schreie und mein Lachen
zur
selben Zeit hören kann,
denn
meine Freude und mein Schmerz sind eins.
Bitte
rufe mich bei meinen wahren Namen,
damit
ich aufwachen kann,
und
das Tor meines Herzens offen bleiben kann,
das
Tor des Mitgefühls.
Quellennachweis:
Marcel Geisser, „Die Buddhas der Zukunft“, Kösel-Verlag
Thich Naht Hanh, „Innerer Friede, äusserer Friede“, Theseus-Verlag
Ryokan, „Alle Dinge sind im Herzen“, Herder Spektrum
Varela, Thompson, „Der mittlere Weg der Erkenntnis“, Scherz-Verlag