Sati-Zen-Sangha im Aufbau

Mai 1999


Spontan entstanden

Das erste Treffen zur Sati-Zen-Sangha war geprägt von einer Atmosphäre grossen Interesses und lebendiger Diskussion. Spontan und ohne grosse Vorbereitung kamen 16 Freundinnen und Freunde des Hauses zusammen. Im Vorfeld waren die eingegangenen Fragebogen mit den Rückmeldungen auf erste Anregungen zu Strukturen der Sangha ausgewertet worden. Sie konnten nun als eine Gesprächsgrundlage dienen.

Eingangs versuchte ich, die Entwicklungsgeschichte dieses Projektes ein wenig zu beleuchten. Dabei fällt auf, dass es nicht einzelne grosse Ereignisse sind, die zu diesen Gedanken geführt haben, sondern vielmehr das Zusammenkommen von vielen Details. Dennoch kann einmal herauskristallisiert werden, dass die Entwicklung, wie sie sich seit einigen wenigen Jahren in Plum Village abzeichnet, den massgeblichen Anstoss gab. Wäre dort nicht die Konzentration auf den monastisch-zölibatären Weg mit all ihren Auswirkungen auf die sogenannten Laien immer deutlicher geworden, so hätte die Entwicklung einer Sati-Zen-Sangha als neuem Zweig am Traditionsbaum kaum je zur Diskussion gestanden. In Plum Village wurden nicht nur die ursprünglich vielfältigen Aufgaben der Laien Schritt für Schritt von Monastischen übernommen. Bis heute gelang es auch nicht, ein Studien- und Trainingsangebot für erfahrene Laien-Praktizierende zu entwickeln – oder Langzeitretreatlern dort ausreichende Begleitung und eine echte Perspektive in der vierfachen Sangha anzubieten. An den beiden Konzilen des Ordens Tiep-Hien z.B. war die Weiterbildung der Ordensmitglieder ein ganz zentrales Thema. Es wurden Arbeitsgruppen und Komitees gebildet. Alles verlief aber bald im Sand. Bald realisierten auch andere Ordensmitglieder, dass solche Weiterbildung weitgehend unserer eigenen Initiative überlassen ist, wenn wir einmal von der Möglichkeit absehen, als Gäste dem Training der Mönche und Nonnen in Plum Village teilweise beizuwohnen. Bereits seit ca. 1994 wurde im übrigen ja auch rein optisch deutlich, worauf der Focus der Entwicklung in Plum Village liegt: an jeder grösseren Veranstaltung trat Thây in Begleitung seiner Nonnen und Mönche auf und es wurde bald schon selbstverständlich, dass er keinen Vortrag und kaum noch ein Interview gab, wo er nicht von mindestens zwei Mönchen und Nonnen flankiert wurde. Laien, auch anwesende Dharmachâryas (autorisierte Dharmalehrer-Innen) gehören nicht zum Bild.
Im Sommer 1994 hatte ich fünf längere Gespräche mit Thây bezüglich der Weiterbildung der Laien. Er beauftragte mich, ein Konzept zu entwerfen und mich an den Winter-Retreats von Plum Village und am Institut für Höhere Buddhistische Studien von Hue zu orientieren. So legte ich ihm nach einigen Wochen das Buddhismus-Seminar vor. Er betonte, wie wichtig es sei, dafür zu sorgen, dass dieses Angebot den westlichen Gegebenheiten angepasst sei und dazu beitrage, den im Entstehen begriffenen europäischen Buddhismus zu fördern. Auch sind wir als Dharmachâryas dazu angehalten, die bestmöglichen Bedingungen zu erarbeiten, die Lehre auch für zukünftige Generationen lebendig zu halten und vor Intoleranz, Fanatismus, Verdrehung und Verwässerung zu bewahren.
Die Sati-Zen-Sangha ist somit eine mögliche Antwort auf diese Aufgaben. Thây hat uns enorm viel mit auf den Weg gegeben. Er ist ja in vielen Dingen visionär. So z.B. in bezug zur Rolle der Sangha. Bildlich drückt das Thây so aus: der zukünftige Buddha erscheint vielleicht nicht als einzelnes Individuum sondern als Gemeinschaftskörper. Praktisch würde das bedeuten, dass die Entscheidungen nicht mehr nur “von oben” gefällt würden, sondern aus der Sangha entstünden. Thây betrachtet die Sangha auch als zentralstes Übungsfeld zur praktischen Umsetzung der Lehre. Dabei stehen gegenseitige Unterstützung und Anregung genauso im Blickfeld wie die Fähigkeit der Zusammenarbeit und harmonisches Zusammenleben.

Im Anschluss stellte ich den Fragebogen vor. Wir waren 16 TeilnehmerInnen und hatten insgesamt etwa 20 beantwortete Fragebogen vorliegen. In der angeregten Diskussion zu dieser Gesprächsvorlage stellten wir uns auch nochmals die Grundsatzfrage, ob es eine solche Ausbildung überhaupt brauche, was eindeutig bejaht wurde. Grundsätzlich wurde auch gewünscht, dass die Strukturen klar umrissen sein sollen. Wie jedoch die Gesamtstruktur und ihre Einzelelemente aussehen sollen, scheint zur Zeit noch recht unklar. Die Bandbreite liegt zwischen eindeutig hierarchischen Modellen bis hin zu stark individualistischen Vorstellungen, wo die Sangha ihren Platz nur noch am Rande einnimmt.
Klar abgelehnt wurde von den Anwesenden die Frage nach einem Kirchenaustritt als Vorbedingung für Schritte intensiveren Engagements auf einem Übungs- und Trainingsweg in der Sati-Zen-Sangha. Wobei fast immer die Tatsache übersehen wurde, dass dies nur auf die mögliche Gründung eines Ordens bzw. als mögliche neutrale Ausgangslage für einen Ordensbeitritt vorgeschlagen wurde. Auffällig war die starke emotionale Betroffenheit um dieses Thema, das teilweise geradezu tabu zu sein scheint und als “Privatsache” erachtet wird. Jedenfalls hat die Frage erst einmal die Diskussion in Gang gebracht. Eines möchte ich hier jedoch nochmals deutlich hervorheben: Wir lehren im Haus Tao überkonfessionell und das soll auch so bleiben! Der Dialog mit den anderen Religionen ist von Anfang an in die Stiftungsurkunde vom Haus Tao aufgenommen worden. Das bedeutet aber auch nicht, dass wir uns bei einer möglichen Ordensgründung im institutionellen Überall- und Niemandsland befinden müssten. Ob es je zu einem Sati-Zen-Orden (oder wie so was dann auch immer heissen könnte) kommen wird, ist zur Zeit nicht das Thema.

Immer deutlicher hob sich der Unterschied vom Freundeskreis zu den weiteren Ausbildungsbereichen (AspirantIn, Orden usw.) ab. Die Mehrheit scheint sich darüber einig, dass die Schwelle zum Freundeskreis möglichst gering gehalten werden soll und der bereits existierende Verein Haus Tao möglicherweise zum Freundeskreis Sati-Zen werden könnte. Der Beitritt in den Verein bzw. den Freundeskreis Sati-Zen ist bereits Ausdruck ersten Engagements, das sich ja je nach individuellen Gegebenheiten und Bedürfnissen erweitern kann.

Ein Hauptunterschied der Sati-Zen-Sangha zur traditionellen Sangha liegt sicherlich darin, dass hier die vier Sanghen (Frauen, Männer, Nonnen und Mönche) vollkommen gleichberechtigt und einander nicht hierarchisch zugeordnet sind. In unserer Zusammenkunft äusserten sich alle zum Thema: “Warum trete ich nicht der zölibatär-monastischen Sangha bei?”
Die Antworten bewegten sich zwischen zwei Polen: Die einen haben sich für ihr bürgerliches Leben geradezu entschuldigt und sich als noch nicht fähig und reif für ein monastisches Leben bezeichnet. Die anderen haben sich aktiv für ein Leben draussen in der Welt entschieden, da sie diese Lebensform als ihnen geeignete Herausforderung betrachten und gerade darin ihre Aufgabe sehen. Ein Anspruch auf Gleichberechtigung kann sicherlich nur gestellt werden, wenn das Engagement für Praxis und Studium entsprechend gewährleistet ist.

Das Thema der LehrerInnen-Ernennung gab viel zu reden. Die Meinungen reichten von: wir sind eh schon alle Lehrer (was sicherlich richtig ist), bis zu den bekannten traditionellen Modellen, dass nur ein anderer Lehrer, eine Lehrerin, jemanden autorisieren kann. Die Möglichkeit, dass in Zukunft zumindest in der Sati-Zen-Sangha die Autorisation aus der Sangha entstehen könnte, sah man doch mehrheitlich als dem westlichen demokratischen Geist am nächsten. Dabei muss deutlich gemacht werden, dass hier “Sangha” natürlich auch die bereits Lehrenden einschliessen würde.

Zum heutigen Zeitpunkt besteht Einigkeit darüber, dass der Freundeskreis der Sati-Zen-Sangha auch offiziell gebildet werden soll, denn faktisch sind viele Grundlagen bereits vorhanden: Eine sehr gut funktionierende Sangha, eine hauseigene und selbstständige Praxisform und zwei kompetente Lehrer.
Die Weiterbildungsmodalitäten und weiteren Strukturen sollen noch erarbeitet werden. Auch sind wir uns darüber im klaren, dass wir keinerlei Eile haben und die Dinge wirklich reifen lassen können. In ganz natürlicher Weise zeichnet sich schon länger ab, dass letztlich nur das persönliche Engagement und die Reife zählt und allein dadurch schon grundsätzliche Kriterien für zukünftige Mitbestimmung entstehen.
MG

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Psychische Krankheiten und Dharmapraxis

In den letzten Monaten sind Marcel und ich so auffallend häufig mit diesem Thema konfrontiert worden, dass ich es als wichtig erachte, hier im Zen-Geist kurz darauf einzugehen. Nur schon im letzten halben Jahr wurden wir mit gegen zehn Menschen aus dem inneren Kreis der Tao-Sanghen konfrontiert, die entweder an starken Depressionen oder schizoiden Erscheinungsformen litten. Wenn wir aber ganz “realistisch” die Statistiken zur Bevölkerung heranziehen, ist diese Anzahl eigentlich “ganz normal”!
Auffallend ist allem voran die Tabuisierung, welche aus dem Blickwinkel von Scham, Angst und möglicher Stigmatisierung durch die Gesellschaft (und in diesem Falle auch der Sanghen oder durch Dharmalehrende) verständlich ist. Nicht selten wird angenommen, unter diesen erschwerten Umständen für eine Sangha nicht mehr tragbar zu sein oder gar, dass die Meditations-Praxis an sich schädlich sein könnte. Letzter Punkt wird zudem nicht selten auch von ärztlich-psychiatrischer Seite vertreten. Dies führt oft zu einem Rückzug aus der persönlichen Praxis und von der Sangha, oft ohne den Austausch mit DharmafreundInnen oder Lehrenden zu suchen.

Da ich vor meiner hauptberuflichen Tätigkeit im Haus Tao auch als Bewegungstherapeutin in einer Psychiatrischen Klinik arbeitete, kann ich die zugrundeliegenden Ängste, die zu diesem Rückzug führen können, gut nachvollziehen. Ich erachte es aber auch als eine unserer Aufgaben als Dharma-Lehrende und meditierende Mitmenschen, zu einem Perspektivenwechsel in diesen Fragen beizutragen.

Aus meinen persönlichen Lebens- und Praxiserfahrungen, psychiatrischem Wissen und Begleitung von Menschen in psychischen Krisen weiss ich heute, dass niemand vor solchen Krankheiten gefeit ist, dass es keine Garantien und absolut sichere Patentrezepte für psychische Gesundheit gibt, und dass die Tabuisierung ihrerseits (welche aus der Angst und Verdrängung des eigenen Potentiales erklärbar ist) die Situation für die Betroffenen und nahen Angehörigen nur verschlimmert.

Gerade aus dem Blickwinkel der buddhistischen Psychologie und Praxis kommt uns ein wohltuendes Wissen bezüglich seelisch-körperlichen Phänomenen wie denjenigen des schizophrenen Formenkreises und der Depression entgegen: alle möglichen und scheinbar eklatant verabscheuenswürdigen oder beschämenden oder panikerregenden Regungen und Ausdrucksformen unseres Geist-Körper-Organismus (nama-rupa) werden in den Schriften als Potential des Geistes beschrieben. Dazu gehören neben “milderen Formen” von Gier und Aversion auch Panik, Selbstquälerei, schreckenserregende innere Bilder, Gefühle der Sinnlosigkeit, der bodenlosen Einsamkeit und Todessehnsucht. Allen ist gemeinsam: solange wir verblendet sind und unsere “wahre Heimat” nicht erkennen, ist unsere Wahrnehmung der Wirklichkeit - als “Normalneurotiker” wie als psychisch schwer kranke Menschen - verengt, führt zu verschoben-verquerten Sichtweisen und Überzeugungen und damit zu allen Stufen von Leidenserfahrungen, die u.a. auch als “Höllenwelten” beschrieben werden.

Die vertiefte meditative Praxis führt zur Einsicht, dass wir alle ausnahmslos über eben dieses Potential verfügen, und wenn die Bedingungen entsprechend sind, können diese Erscheinungsformen ans Licht treten, unser Bewusstsein überfluten und uns völlig in Beschlag nehmen. Auch sind diese Krankheiten immer Ausdruck unserer Beziehungen und unserer Gesellschaft, und so gesehen nie nur ein individuelles Problem!
Es ist sehr wichtig, sich dieser Zusammenhänge bewusst zu werden. In diesem Licht betrachtet gibt es keinen Grund, sich zusätzlich zur quälenden Situation Schuldgefühle zu machen und sich als für Andere untragbar zu erklären. Weit heilsamer wäre es hingegen, sich im Kontakt mit spirituellen Freunden zu fragen: hat meine Art zu praktizieren etwas zu dieser Krankheit beigetragen, sind da vielleicht falsche Übungsweisen mitbeteiligt? Wie kann ich die Praxis in einem unterstützenden Rahmen weiterverfolgen? Wie kann und soll ich mich in der Sangha einbringen?

Dass sich gerade auch spirituelle Krisen in psychischen Dekompensationen äussern können ist inzwischen hinreichend bekannt, doch fehlt es im psychiatrischen Feld über dieses Bücherwissen hinaus leider meist an kompetenten, langjährig selber praktizierenden Fachkräften.
Was ich ebenfalls klar betonen möchte: die Unterstützung durch Dharmalehrende und die Sangha kann niemals eine medizinisch-psychiatrische Beratung und Begleitung ersetzen! Auch eine medikamentöse Behandlung zur Linderung der Symptome kann unter Umständen den Weg ebnen, um wieder Kräfte aus der Krise hinaus mobilisieren zu können.
Auf dem ganzen Weg bleiben Selbstakzeptanz, Geduld und Vertrauen in unsere Selbstheilungskräfte Schlüsselfaktoren für alle Beteiligten.
Beatrice Geisser-Knechtle