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Zen-Geist Nr. 5 --- April 2000

 Samoa - oder seid Euch selbst eine Insel

"Die Palme wirft ihre Blätter ab, wenn sie reif sind.

Der Papalagi lebt so, wie wenn die Palme ihre Blätter und Früchte festhalten wollte: "Es sind meine Früchte! Ihr dürft sie nicht haben und nichts davon essen!".

Wie soll die Palme neue Früchte tragen können?

Die Palme hat mehr Weisheit als ein Papalagi!"

 

Als ich mit 18 oder 19 das kleine Büchlein mit den Reden des Südseehäuptlings Tuiavii zu lesen begann, schlug mein Herz höher und ich erkannte darin eine überraschende Übereinstimmung mit den buddhistischen Schriften, die ich damals in grossen Mengen hungrig verschlang. Es war aber damals schon bekannt, dass es vermutlich von einem Europäer geschrieben wurde - dennoch: da war eine tiefe Gelassenheit und sinnliche Naturverbundenheit, die ich teilweise im Zen und vielleicht noch mehr im Taoismus wieder fand und die mich sehr bewegte. Viele Kulturen haben ein umfassendes Verständnis der Naturgesetze entwickelt, ihre Interpretation und die daraus abgeleiteten Konsequenzen sind jedoch recht verschieden.

"Es ist eine grosse Armut, wenn der Menschen viele Dinge braucht, denn er beweist damit, dass er arm ist an Dingen des grossen Geistes. Ich habe in Europa nie eine Hütte gefunden, wo ich gut auf der Matte lagern konnte, wo nichts meine Glieder beim Ausstrecken störte. Alle Dinge sandten Blitze oder schrieen laut mit dem Munde ihrer Farbe, so dass ich meine Augen nicht schliessen konnte. Nie konnte ich rechte Ruhe finden, und nie sehnte ich mich mehr nach meiner Hütte in Samoa, worin keine Dinge sind als die Matten und die Schlafrolle, wo nichts zu mir kommt als der milde Passatwind".

Genau in so einer Hütte schreibe ich diese Zeilen. Draussen regnet es ununterbrochen. Eigentlich nicht verwunderlich: es ist Regenzeit. Dennoch ist es angenehm warm, die Kinder um mich herum spielen nur dürftig bekleidet. Spielsachen hab ich noch keine gesehen, nirgends die letzten 4 Wochen. Dennoch hat der "Fortschritt" auch hier längst Einzug gehalten, mit Autos, PC und Fernseher. Von dem besessenen "Alles-haben-wollen" kann ich hier dennoch kaum etwas spüren. Das tiefe, gemeinschaftliche Verbundensein lässt viele Ängste gar nicht erst aufkommen, man fühlt sich getragen und eingebettet. Doch liegt die Vermutung nahe, dass sie sich, erst einmal gründlich mit den Errungenschaften des modernen Lebens in Verbindung gekommen, genauso mit all diesen Dingen auseinander setzen müssen wie wir auch. So z. B. mit dem Umgang mit Zeit. Im Moment jedenfalls haben die Samoaner noch jede Menge davon. So bestiegen wir in Apia einen Bus, der zur Südseite der Insel fahren sollte. Alle Leute sassen auf ihren Plätzen und schwatzten vergnügt miteinander. Ich erkundigte mich, wann der Bus denn fahren solle und ob ich noch genug Zeit hätte, draus-sen Wasser zu kaufen. Etwas erstaunt schauten sie mich an und meinten, der Bus fahre doch erst in 2 Stunden....

 

"Der Papalagi wendet seine ganze Kraft auf und gibt alle seine Gedanken daran, wie er die Zeit möglichst dick machen könne. Er nutzt das Wasser, Feuer und Sturm, um die Zeit aufzuhalten. Dennoch entschlüpft ihm die Zeit wie eine Schlange in nasser Hand, gerade, weil er sie zu sehr festhält. Er lässt sie nicht zu sich kommen. Er jagt dauernd mit ausgestreckten Händen hinter ihr her, er gönnt ihr die Ruhe nicht, sich in der Sonne zu lagern. Die Zeit ist aber still und friedfertig und liebt die Ruhe und das breite Lagern auf der Matte".

Die Reise in die Südsee war nicht nur die Erfüllung eines Kindertraums. Sie war auch eine enorme Hilfe, die Dinge mal ganz wörtlich "von der anderen Seite" neu zu betrachten. Ich bin sicherlich weit davon entfernt, irgend eine Kultur unverhältnismässig zu bewundern und meine eigene dafür um so mehr zu verachten. Dennoch ist es wichtig, alles immer wieder in seiner Relativität zu betrachten und sich auf Wesentliches zu besinnen.

Die räumlich weite Entfernung eignet sich sehr, um über vieles in Ruhe nachzudenken. Das Haus Tao, die Kurse und die alte Frage von Thay: was ist dir wirklich wichtig im Leben? Woher kommt persönliche Inspiration? Was sind meine Stärken und wie will ich sie einsetzen? Das eingeschliffene und bekannte Kurswesen befriedigt mich nicht mehr in der Weise, wie es für spirituelle Arbeit notwendig ist. Die Kurse sind naturgemäss gemischt mit Menschen, die recht verschiedene Interessen und sehr unterschiedliches Engagement haben. Es ist an der Zeit, mich wieder vermehrt der Arbeit mit Einzelnen zu widmen. Relativ unverbindliche Teilnahmen und Abgänge sind oft störend für kontinuierliche Prozesse.

Wir haben beschlossen, das laufende 3. Jahr des Buddhismus-Seminars noch möglichst intensiv weiterzuführen und danach keinen neuen Kurs mehr anzubieten - zumindest nicht in der heutigen Form. Wenn Beatrice und ich uns auf unsere tiefsten Herzensinteressen besinnen, so zeichnen sich ganz deutlich andere Wege ab. Wie das im Detail dann aussieht, ist noch offen. Ich habe nie Interesse daran gehabt, eine grosse und breite Bewegung aufzubauen. Auch wurde ich höchstens in meinen buddhistischen Jugendjahren von einem nennenswerten Missionseifer getrieben, wo ich hin und wieder dachte, die Welt warte vielleicht auf meine Botschaft. Recht bald begriff ich jedoch: je mehr etwas zu einer Massenbewegung wird, desto pauschaler müssen die Aussagen sein. Individuelle Verschiedenheit hat da wenig Platz. Mir sind die ganz persönlichen Nuancen eines Menschen mit seinen manchmal sehr komplexen Feinheiten ein wundersames und achtenswertes Gebilde, das mich weit mehr interessiert als allgemeine Meinungen und Konventionen. Leider verbergen sich oft hinter all den schönen Worten nur neue Machtstrategien oder sie werden, unablässig wiederholt, zu leeren und unbedeutenden Floskeln. Deshalb wohl sagte Laotse einst: "Wahre Worte sind oft nicht schön - schöne Worte sind oft nicht wahr". Und deshalb tobte Meister Rinzai (einer der Urgrossväter unserer Linie) und schrie seine Schüler an, sie sollten nicht blind dem Buddhismus nacheifern, sondern sich "um den Menschen ohne Rang und Namen" in ihrem eigenen Wesen kümmern!

Hinter all dem steht die Frage nach der Authentizität, oder ganz einfach nach der Wahrheit. Da es meines Erachtens keine allgemeine, sondern vielmehr eine persönlich wahrgenommene Wahrheit gibt, stellen sich doch immer wieder die Fragen: was will ich wirklich mit meinem Leben? Wo gehe ich gute und wo ungute Kompromisse ein? Gehe ich dorthin, wo ich wirklich hin will? Oder wie eine Freundin aus einer Sangha das sehr schön formulierte:

"Ich denke - und das macht mich traurig - ohne dem nahe gekommen zu sein, möchte ich nicht sterben - und ganz sicher auch nicht, ja: leben... Was also hindert uns (mich) daran, diese Frage an die erste Stelle zu setzen, und Bedingungen zu schaffen (wie Du in Samoa), wo Antworten entstehen können? Was hindert mich daran zu tun, was ich wirklich tun möchte? Nach so vielen Jahren, immer noch?"

Die Antworten liegen einmal mehr in den Urkräften Gier und Aversion und in der Frage des Gleichgewichtes. Vor lauter Sangha brauchen wir uns niemals unserer Angst zu stellen, ausgestossen oder allein zu sein. Auch sind die meisten von uns leicht geblendet von Erfolg. Wer schart sich nicht gerne um erfolgreiche Leute, um in ihrem Schatten auch noch wer zu sein? Das wiederum bringt den Kreislauf erst recht ins Rollen, denn nichts ist so erfolgreich wie Erfolg. Sind wir um unserer inneren Wahrheit willen bereit, darauf zu verzichten? Oder die tiefen Ängste zu überwinden? Solange wir Shunyata (das Nicht-Selbst, Intersein, die Leere) nicht wenigstens erahnen, ist das alles nur Schwerarbeit, jedenfalls keine sehr freudvolle Perspektive. Mit dem auch erst zaghaften Begreifen von Shunyata ist die Aussicht, ein ganz gewöhnlicher Nobody zu sein, nicht nur ganz natürlich, sondern ganz einfach auch unendlich befreiend. Denn wie viel Energie wenden wir täglich dafür auf, nicht vergessen zu werden, dazuzugehören, uns über unsere Kräfte anzupassen usw.

Also können wir uns wieder auf ganz ursprüngliche Dinge besinnen: Haben wir unsere Praxis nicht einmal aus dem tiefen Wunsch heraus begonnen, frei zu werden? Und was ist daraus geworden?

Das sind nach wie vor die Fragen, die mich wirklich interessieren. Und ich möchte mit Menschen den Weg gehen, die sich ganz engagiert auch für diese Fragen interessieren.

Engagement ist für mich in den letzten Jahren immer mehr zu einem Schlüsselwort geworden. Die inneren Visionen deuten darauf hin, dass es für mich eher in Richtung sehr persönlicher, engagierter Kleingruppen geht.

 

Die Sati-Zen-Sangha soll somit nicht einfach eine neue Institution werden, mit vielen neuen Regeln und Statuten. Dennoch wird sie - wie alles Geformte und Entstandene - gewisse Strukturen erhalten. Doch ganz zentral soll sie Mittel zum Zweck bleiben und nicht eine Realität gewinnen, die alle Mittel heiligt.

All diese Gedanken beflügeln mein Herz. Ein frischer Wind vertreibt die Regenwolken. Die Nachbarkinder lachen und scherzen beim Spiel. Bunte Vögel hüpfen neugierig auf dem Brotfruchtbaum herum. Es hat aufgehört zu regnen und ein morgendlicher Spaziergang ist angesagt...

Herzlichst Marcel