Meditationspraxis: Verstehen und Liebe

 


Meditative Praxis in Zeiten von sozialem Rückzug - und weit darüber hinaus

In herausfordernden Situationen entsteht oft spontan Empathie in uns und wir handeln uneigennützig, um andere zu unterstützen. Genauso gut kann es sein, dass wir in besonderem Mass versucht sind, uns einseitig um das eigene Wohl zu kümmern; das Wissen darum, dass alle fühlenden Wesen sich genauso wie wir Glück und Wohlergehen wünschen, kann angesichts von Leid und Schwierigkeiten leicht in den Hintergrund geraten. Beides können wir aktuell im Grossen wie im Kleinen sehen.

Die unzähligen Zeichen grossherziger Hilfsbereitschaft und spontaner Solidarität in allen Bereichen der Gesellschaft sind derzeit eindrücklich und inspirierend. Wir alle sind daran beteiligt - als aktiv Handelnde und als Mitmenschen, denen das Engagement anderer zugute kommt, was uns z. B. beim Einkaufen, beim Arzt oder im Spital gerade mehr als sonst bewusst sein mag. Wer den Praxisweg des Buddha geht, weiss grundsätzlich darum, dass wir immer mit allem verbunden sind. Sich das gezielt zu vergegenwärtigen, kann unser Verständnis des Dharma vertiefen und Sangha lebendig und konkret werden lassen - gerade auch in Zeiten sozialen Rückzugs.


Aus Liebe zu allen Wesen

Die Brahmaviharas, die vier Aspekte der Liebe, sind ein hilfreiches Mittel, die eigene Perspektive und die anderer gleichzeitig im Blick zu halten und eine weitherzige Haltung gegenüber freudvollen wie leidvollen Situationen zu kultivieren. Und dabei die Balance immer wieder auszutarieren – auf dem Kissen und im Alltag, zuhause und in Gemeinschaft.
 
  • Metta · Liebevolle Zuwendung zu sich selber, zu uns lieben Menschen, zu Bekannten nah und fern und zum grossen Kreis aller lebenden Wesen, seien sie uns vertraut oder fremd, sympathisch oder nicht, wohlgesinnt oder nicht.
Möge ich mich des Glücks und der Wurzel des Glücks erfreuen.
Mögen alle fühlenden Wesen sich des Glücks und der Wurzel des Glücks erfreuen.
  • Karuna · Mitgefühl und ein weiser Umgang mit den unendlich vielfältigen Formen von Leid in uns selber und in anderen, seien es Menschen, Tiere oder andere Lebensformen in leidvollen Situationen.
Möge ich frei sein von Leiden und von der Wurzel des Leidens.
Mögen alle fühlenden Wesen frei sein von Leiden und von der Wurzel des Leidens.
  • Mudita · (Mit-)Freude und Herzensweite angesichts freudvoller Zustände und Ereignisse im eigenen Leben und im Leben anderer.
Möge ich mich am Glück anderer erfreuen wie an meinem eigenen.
Mögen alle Wesen sich am Glück anderer erfreuen wie an ihrem eigenen.
  • Upeksha · Warmherzige Gelassenheit angesichts der Schönheit und Unerbittlichkeit des Lebens in seiner ständigen Veränderlichkeit und letztlichen Unkontrollierbarkeit.
Möge ich das Leben verstehen und wertschätzen – so, wie es ist.
Mögen alle Wesen das Leben verstehen und wertschätzen – so, wie es ist.

Die Praxis der Brahmaviharas führt, kontinuierlich geübt, zu einem zugewandten Kontakt zu uns selber und zu anderen und fördert mitfühlendes Handeln im täglichen Leben. 


Getrenntsein als Illusion

Bodhicitta, der Herz-Geist des Erwachens, wächst als Frucht der Praxis aus der direkten Einsicht, dass jedes Wesen und jede Seinsform mit allen anderen in einer unendlich komplexen Weise zutiefst verbunden ist. Diese Einsicht führt zum Ende des Leidens, das dadurch entsteht, dass wir an der Vorstellung eines von anderen Lebewesen und Daseinsformen unabhängigen, beständigen und letztlich kontrollierbaren Ich haften. Einem Ich, das sich gegen jegliche Unbill des Lebens ständig wehren zu müssen meint. Lassen wir diesen Griff los, entsteht Freiheit.

Verstehen im Alltag mitfühlend zu manifestieren, ist Ausdruck unserer Praxis - dort, wo wir sind: als Dharmalehrende, Gesundheitsfachleute, Verkaufsangestellte oder Eltern. Der Ort der Praxis ist genau hier.
 
Mögen durch die Früchte meiner Praxis
alle Wesen tiefes Verstehen und Mitgefühl erlangen
und alle Formen von Gier, Aversion und Unwissenheit
in ihrer leeren Natur erkennen.

Aus: Rezitationen der Sati-Zen-Sangha - Widmung der Verdienste
 

Dagmar Jauernig
Haus Tao, Anfang April 2020